Neuaufstellung

Qualitätsfrage: ORF richtet neue Beschwerdestelle ein

05.03.2026

ORF-Generaldirektor Roland Weißmann lässt die Programmrichtlinien überarbeiten und richtet im Zuge dessen eine neue Anlaufstelle ein. 

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Sie soll die Qualität der journalistischen Arbeit überprüfen und als zentrale Auslegungsautorität der Richtlinien fungieren. Weißmann sieht darin einen "Meilenstein für die Unabhängigkeit, Ausgewogenheit und Objektivität in der ORF-Berichterstattung" gegeben, wie er am Donnerstag in einer ORF-Publikumsratssitzung sagte.

Die Programmrichtlinien gelten in der gegenwärtigen Fassung seit 20 Jahren und benötigen ein Update, so Weißmann. Dabei nützt er die Gelegenheit, um eine neue Beschwerde- und "Clearingstelle" einzurichten - eine Art "Zwilling" zum oder "zweites Standbein" neben dem Ethikkodex. "Diese neue Anlaufstelle wird unabhängig und weisungsfrei sein", so Weißmann. Eine Kommission soll ihre Arbeit überprüfen, wobei man sich an der BBC oder auch dem dänischen Rundfunk DR orientiere, die eine solche Stelle bereits eingerichtet haben.

Ziel ist, mit ihr eine einheitliche inhaltliche Ausrichtung zu gewährleisten und sich grundsätzlichen journalistischen Fragestellungen zu widmen. Weiterhin sind Beschwerden an den Kundendienst und die Redaktionen möglich, aber wenn man mit der Antwort dort nicht zufrieden ist, dient die Anlaufstelle künftig als weitere Instanz. Weiterhin kann man sich mit Beschwerden auch an den ORF-Publikumsrat wenden. In Summe soll mit der Anlaufstelle das Vertrauen und die Transparenz gestärkt werden. Geplant ist ein Beschluss noch Ende des Jahres.

ESC "absolut on track"

Weißmann nutzte die Sitzung auch, den Publikumsrätinnen und -räten zu versichern, dass man sich 66 Tage vor der ESC-Eröffnungszeremonie "absolut on track" und innerhalb des Zeitplans und Kostenrahmens für das musikalische Megaevent befinde. Nach möglichen Störaktionen gefragt, sagte der ORF-Chef, dass man sich auf alles vorbereite und mit dem Moderations-Duo auch einen ganztägigen Workshop abhalte, um sie sattelfest auf alle Eventualitäten reagieren zu lassen.

In der Sitzung wurden zudem eine neue vom Publikumsrat in Auftrag gegebene Studie zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern und der Berücksichtigung aller Altersgruppen und der Anliegen von Familien und Kindern vorgestellt. Die für Österreich repräsentativen Umfrageergebnisse (ca. 1.000 Befragte) zeigen, dass in etwa zwei Drittel der Befragten angeben, dass die eigene Altersgruppe im ORF sehr gut oder ziemlich gut berücksichtigt werde. Speziell Unter-30-Jährige wünschen sich, dass die Themen Gesundheit und psychisches Wohlbefinden mehr Raum finden. Bei älteren Altersgruppen stehen der Wunsch nach mehr Berichterstattung über digitale Kompetenzen und Demokratiebildung ganz oben.

Gleichberechtigung für drei Viertel wichtig

In puncto Gleichberechtigung zeigt sich, dass drei Viertel der Befragten das Thema als sehr oder ziemlich wichtig erachten - Frauen stärker als Männer. Dass im ORF-Angebot Frauen und Männer bei Moderationen gleichberechtigt vorkommen, sehen 77 Prozent so (sehr oder ziemlich). Etwas weniger stimmen die Befragten dem mit Blick auf Studio- und Talkgäste sowie Expertinnen und Experten (jeweils 69 Prozent) zu. Frauen sehen die Gleichberechtigung in diesen Bereichen signifikant weniger gegeben als Männer.

ORF-Publikumsrat Andreas Kratschmar meinte, dass die Studie dem ORF in Summe einen sehr positiven Befund ausstelle, doch es bei Studiogästen und Expertinnen noch "Luft nach oben" gebe. ORF-Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz erklärte dazu, dass im Newsroom klare Richtlinien gelten, wonach zum Beispiel Panels 50:50 besetzt werden sollten. "Das gelingt nicht immer", räumte sie ein. Speziell schwierig sei es, Frauen für kurzfristige Auftritte vor der Kamera zu gewinnen.

Mit Blick auf die Expertinnen und Experten spüre man speziell in ausgefalleneren Themenbereichen, dass "wir ein kleines Land sind". Frauen seien hier manchmal nicht leicht zu finden. Mit einer Expertinnendatenbank, die ungefähr 360 Vertreterinnen aus unterschiedlichen Bereichen aufweise, arbeite man daran, möglichst vielfältig aufgestellt zu sein. Die Unabhängigkeit der darin aufscheinenden Personen werde auch überprüft, versicherte Groiss-Horowitz. Kratschmar regte an, klare Kriterien zu formulieren, ab wann eine Person als Expertin oder Experte im ORF gelten kann.

Empfehlung zu mehr Wissen in der Unterhaltung

Der Publikumsrat wandte sich auch mit einer Reihe von Empfehlungen zur Vermittlung von Wissenschaft im ORF an die Geschäftsführung. So soll bei Formaten der Wissensvermittlung das Publikum verstärkt involviert und der Weg, Wissen auch in Unterhaltungsformaten zu transportieren, fortgesetzt werden. Empfohlen wird publikumsnahe Formate wie etwa "Science Busters" auszubauen. Gemeinsam mit Stakeholdern solle der ORF die Idee einer Gesundheitsinformations-App prüfen. Und nicht zuletzt regen die Publikumsräte an, auch die Instrumentalisierung von Wissenschaft für spezifische Interessen sowie den Umgang mit Desinformation verstärkt zu adressieren.