Österreich erlebt seit dem ersten Lockdown eine Krise, die sich wie ein schwarzes Tuch über die Gesellschaft legt. Im ganzen Land gibt es Hilferufe nach mehr psychologischer Betreuung. Erst vor Kurzem warnte der für Gesundheit zuständige Volksanwalt Bernhard Achitz: „Österreich braucht viel mehr Kinder- und Jugendpsychiatrie-Plätze.“ Er beklagte: „In Österreich gibt es die unerträgliche Situation, dass Kinder und Jugendliche in Erwachsenen-Psychiatrien untergebracht werden, wo sich ihre gesundheitliche Situation im schlimmsten Fall verschlechtert statt verbessert.“ Es müssten dringend mehr Spitalsplätze geschaffen werden.
Mehr Betreuungsplätze fordert auch der Psychotherapeut Andreas Sartory im INSIDER-Interview: „In der Jugendpsychiatrie werden viele nicht aufgenommen, die es dringend bräuchten.“ Es gehe so weit, dass sich Kinder selbst verletzen und trotzdem keinen Therapieplatz bekommen.
Kinder suchen die Schuld bei sich selbst und nicht bei anderen
Die Gründe für die Verzweiflung von Kindern und Jugendlichen sind mannigfaltig. Viele wurden durch Lockdowns aus ihrem gewohnten Tagesablauf gerissen, durften plötzlich Freunde und Familie nicht mehr sehen, verloren soziale Kontakte. Besonders schlimm: Wenn sie die Großeltern doch besucht, ihnen doch zugewunken haben und diese später an Corona erkrankt sind.
„Kinder suchen die Schuld immer bei sich“, sagt eine Mutter, die ihr Kind aus Kostengründen nicht in die Psychotherapie schicken möchte. Die Psychotherapie wird in Österreich nicht von der Krankenkasse bezahlt. Es gibt nur ein beschränktes kostenloses Kontingent. Ist dieses schon an andere vergeben, muss die Stunde – rund 120 € – zum größten Teil selbst bezahlt werden. Dabei ist die mentale Gesundheit ebenso wichtig wie die körperliche. Viele Experten sehen eine große Zahl körperlicher Beschwerden sogar durch mentale Probleme ausgelöst – „Stichwort psychosomatisch“.
300.000 zusätzliche Stunden für die Psychotherapie
Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) will jetzt gegensteuern: „Die Bundesregierung stellt bis Ende 2022 13 Millionen Euro zur Bewältigung akuter psychischer Probleme von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung.“ Darüber hinaus soll es über die Österreichische Gesundheitskasse 300.000 zusätzliche Psychotherapiestunden geben. Es ist ein Anfang. Ob jeder Betroffene seine Psychotherapie erhält oder der Platzmangel in der Psychiatrie gelöst wird, bleibt fraglich.
Ein weiteres Projekt fördert Mücksteins Ministerium, das zeigt: Oft sind auch die Eltern krank. Mehr als 275.000 österreichische Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre haben einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung wie Schizophrenie oder Depression. Das betrifft jedes sechste Kind. In seiner ganzen Tragweite ist das Thema der Gesellschaft noch immer nicht bewusst. Oft ist es ein stiller, einsamer Kampf. Alleine. Gegen die Verzweiflung. Mit Online-Chats möchte das Projekt #visible Kinder psychisch Erkrankter beraten und sichtbar machen. 600.000 Euro erhält die Kooperation von Hilfsorganisationen im Halbjahr dafür aus dem Corona-Fonds des Sozialministeriums.