Musical-Premiere

"Frühlings Erwachen": Rebellion, Erotik

18.03.2009

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Intendantin Kathrin Zechner im Interview mit ÖSTERREICH-Musical-Experte Gunther Baumann

ÖSTERREICH: Was dürfen sich die Besucher von „Frühlings Erwachen“ erwarten?
KATHRIN ZECHNER: Das Publikum darf eine sehr rockige, moderne Show erwarten, die Frank Wedekinds Klassiker „Frühlings Erwachen“ zum Thema hat, mit all der Rebellion der Jugend gegen sture, restriktive und reaktionäre Elternhäuser und Schulsysteme. Die Story ist in körperbetontes Theater und Musik eingebettet, welche die Rebellion, aber auch die Verzweiflung der jungen Leute, die erste Erotik und die Auseinandersetzung mit den Grenzen, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, greifbar und fühlbar macht.

ÖSTERREICH: Dies ist eine heiße Zeit für die VBW, mit Premieren von „Rudolf“ und „Frühlings Erwachen“ sowie der Übersiedlung von „The Producers“ im Mai nach Berlin.
Zechner: All das ist ein sehr ambitioniertes Projekt, das künstlerisch wie administratorisch sehr viel verlangt. Das kostet, bringt aber auch viel Energie, weil es drei Produktionen sind, mit denen wir uns stark identifizieren und die die ganze Bandbreite unserer Arbeit zeigen. So ist die Anstrengung auch ein Genuss.

ÖSTERREICH: Wie läuft das Mayerling-Musical „Rudolf“ im Raimundtheater?
Zechner: Wir sind mit einem dramatischen Stoff in der klassischen Qualität der VBW sehr gut gelandet. Die Leute fühlen sich wohl mit dieser Produktion. Wir haben bereits 50.000 Karten verkauft, es gibt aber immer mehr Kurzbuchungen, weil sich die Leute häufig kurzfristig entscheiden, ob ihnen Geld fürs Theater übrigbleibt. Auch die Abendkasse ist wichtig.

ÖSTERREICH: Heißt das, dass Sie die Folgen der Finanzkrise spüren?
Zechner: Wir produzieren nicht für ein elitäres Publikum, sondern einfach für alle Leute, die sich unterhalten wollen - und die trifft die wirtschaftliche Situation hart. Ob das Geld dort für die Schule, einen Urlaub oder einen Theaterbesuch ausgegeben wird – das ist ein harter Kampf um jeden Euro. Man darf unsere Häuser nicht mit Repertoiretheatern wie etwa der Volksoper vergleichen: Die spielen ein Stück vielleicht 20 oder 25 Mal pro Saison und können bei einem Erfolg rasch um ein paar Abende aufstocken. Wir hingegen müssen Abend für Abend zwei Häuser mit jeweils mehr als 1100 Sitzen füllen – im freien Verkauf, ohne Abonnement!

ÖSTERREICH: Sind Musical-Megahits wie „Cats“ oder „Elisabeth“, die in Wien viele Jahre lang liefen, heute überhaupt noch möglich?
Zechner: Theoretisch ja, wenn Glücksgriffe wie diese Stücke gelingen. Der Dauererfolg ist aber schwieriger zu erreichen, weil sich das Umfeld gravierend verändert hat. In der „Cats“-Ära gab’s in Wien höchstens noch in der Volksoper manchmal Musicals. Mittlerweile werden u.a. im Museumsquartier und in der Stadthalle Musicals gespielt, in der Volksoper, und manchmal auch im Volkstheater oder in der Josefstadt. Wir haben als VBW gezeigt, dass das Musical nicht nur nicht tot, sondern sehr lebendig ist – und das hat auf andere Veranstalter übergegriffen. Doch für uns ist es schwerer geworden, weil die Auswahl an Spielstätten wuchs.

ÖSTERREICH: Wie schaut der ideale Publikums-Mix an Ihren Häusern aus?
Zechner: Bei Long Run Produktionen wie im Raimund Theater ist für die Gesamtlaufzeit der klassische Mix der Besucher-Herkunft cirka ein Drittel Wien, ein Drittel Bundesländer und ein Drittel Tourismus. Diesen Mix müssen wir schaffen, wenn wir wollen, dass eine Produktion ein ganzes Jahr läuft. Das Ronacher ist Wien-spezifischer, weil es mit seinen modernen, auch kantigen Produktionen einen urbanen Zuschnitt hat. Wenn ein Stück nur das Wiener Publikum anspricht, ist eine Laufzeit von zwei bis vier Monaten ein Erfolg. Denn man darf ja nicht vergessen, dass Wien viel kleiner ist als die Musical-Metropolen New York und London. Bei „The Producers“ etwa, das acht Monate mit über 114.000 Zuschauern lief, hatten wir überdurchschnittlich viele Zuschauer aus Wien, aber wir erreichten die Bundesländer nicht in dem Ausmaß, das wir für eine längere Laufzeit gebraucht hätten.

ÖSTERREICH: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern? „Frühlings Erwachen“ etwa ist ja eine Koproduktion mit Düsseldorf.
Zechner: Das ist sehr wichtig, weil man die Aufwendungen für die Ausstattung und andere Kosten teilen kann. Die Produktionen werden leistbarer für alle Beteiligten. Wir spielen „Frühlings Erwachen“ jetzt bis Ende Mai – sollte die Show ein großer Hit werden, werden wir sie wieder zurückholen.

ÖSTERREICH: Wie steht das Projekt „Rebecca“ am Broadway?
Zechner: Wir haben Anfang Mai in London die erste Lesung mit einer englischen Fassung von Christopher Hampton. Da schauen wir uns an, wie die Adaption funktioniert. Später im Jahr soll es eine zweite Lesung geben, danach wird es die Kooperation mit einem Try-Out-Theater geben, wie es ausschaut, in Toronto. Falls wir im Mai/Juni 2010 in Toronto spielen, könnte es im Idealfall im Herbst 2010 die Broadway-Premiere geben. Vorausgesetzt, die Investoren bleiben liquide. Darüber kann man heute ja ganz offen sprechen.

ÖSTERREICH: Würde ein „Rebecca“-Erfolg am Broadway den Vereinigten Bühnen viel Geld bringen?
Zechner: Wir zählen nicht zu den Investoren, also würden wir zunächst, bis die Investoren ihren Einsatz zurückerhalten haben, eher Ruhm und Anerkennung gewinnen – und eine vernünftige Anstandssumme. Danach könnte es für uns auch ein wirklich gutes Einkommen geben.

ÖSTERREICH: Ihr Vertrag wurde bis 2013 verlängert. Was sind Ihre Pläne?
Zechner: Ich möchte unter den schwierigen ökonomischen Bedingungen, die wir gerade erleben, die Qualität und die Vielfalt unseres Repertoires beibehalten. Mit einer guten Mischung aus Importen und selbst entwickelten Stücken.

Fotos: (c) Lisi Niesner, VBW

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