"Immer noch Sturm"

Handke-Uraufführung mit "Jedermann"-Tod

11.08.2011

Der ehemalige Tod im „Jedermann“ spielt in Salzburg Peter Handkes Alter Ego.

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© ÖSTERREICH/ Neumayr
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Das mußte ja so kommen. Nach den jüngsten nasskalten Wochen ist der Herbst endgültig ins Land gezogen. Auf der Perner Insel in Hallein rieseln jedenfalls seit gestern, Freitag, Abend unaufhörlich die Blätter. Über weite Strecken ist dieses pausenlose zu Boden Fallen die einzige Bewegung, die man bei der Uraufführung von Peter Handkes neuem Stück auf der Bühne wahrnimmt. Es heißt zwar "Immer noch Sturm", doch szenisch herrscht vier Stunden 45 Minuten lang Windstille. Dimiter Gottscheff konzentrierte sich darauf, Handkes poetische Sprache zur Wirkung zu bringen, nicht darauf, die weitgehend nacherzählte Handlung durch inszenatorische Eingriffe bühnenwirksam zu beglaubigen.

Geduldsprobe für das Publikum

Dem Publikum verlangt das zurückhaltende Konzept viel ab. Einzelnen Premierengäste fielen bereits nach der ersten Stunde die Augen zu, andere flüchteten zur Pause. Tatsächlich ist man immer wieder dankbar, wenn Gottscheff den gewählten Grundgestus eines mit heiligem Ernst zelebrierten Weihespiels für Augenblicke durchbricht. So haben nicht wenige Zuschauer ausgerechnet beim furiosen Schlussmonolog der von Jens Harzer verkörperten "Ich"-Figur knapp vor Mitternacht mit Konzentrationsschwächen zu kämpfen. Mehr freche Lockerheit und weniger Hohepriestertum hätte dieser Uraufführung, die auch am Thalia Theater Hamburg und am Wiener Burgtheater zu sehen sein wird, trotz mancher Verdienste ohne Zweifel gut getan. Anderseits muss man konstatieren: Dort, wo sich der Regisseur Freiheiten nimmt, misslingen sie nicht selten - was etwa "Schifoahn" hier zu suchen hat, erschließt sich nicht.

Leerer Bühnenraum
Eine Heide oder Steppe, einen Apfelbaum, "behängt mit etwa 99 Äpfeln", und eine "zeitlose" Sitzbank, hatte sich der Autor in der seit langem als Buch vorliegenden szenischen Prosa als Bühnen-Setting gewünscht. Nichts davon findet sich in dem von Katrin Brack gestalteten leeren Bühnenraum. In beständigem Blätterregen betritt Jens Harzer die Bühne, einen Stock in der einen, ein Stockerl in der anderen Hand. Sprachlich ist er wohl um einiges nördlicher als das an diesem Abend häufig beschworene Kärntner Jaunfeld anzusiedeln, doch als alter ego von Peter Handke macht er viel her. Mit seinem Haarschnitt und der zeitweilig getragenen Sonnenbrille erinnert er an den jungen Dichter, in seinem immer wieder zur Schau gestellten Furor gegen die Mitmenschen und seinen Schimpf-Tiraden an den späten Handke (den nach der Pause verpassten Rauschebart hat er nicht verdient).

Persönliche Geschichtsforschung im Mittelpunkt
Doch im Mittelpunkt von "Immer noch Sturm" steht nicht Misanthrophie und Weltverachtung, sondern ganz persönliche Geschichtsforschung, die sich zu einem Abriss der leidvollen Erfahrungen der Kärntner Slowenen in den vergangenen Jahrzehnten weitet. Die Ich-Figur begegnet ihrer Mutter (fröhlich lebensbejahend: Oda Thormeyer), deren Geschwistern (Hans Löw, Heiko Raulin, Tilo Werner und Bibiana Beglau mit sorgsam gestalteten Porträtskizzen) und ihren Großeltern (knorrige Vertreter der alten Generation: Gabriela Maria Schmeide und Matthias Leja) und beginnt sie zu befragen: "Da seid ihr nun, Vorfahren. Die längste Zeit schon habe ich auf euch gewartet. Nicht ich lasse euch nicht in Ruhe. Es läßt mich nicht in Ruhe, nicht ruhen."

Handke thematisiert erstmals seine Herkunft auf der Bühne

Seine Herkunft (Handkes Vater war deutscher Soldat, die Familie seiner Mutter slowenischsprachig) hat den Autor immer schon beschäftigt, erstmals thematisiert er sie auf der Bühne. Zwei Brüder der Mutter sterben als Soldaten an der Front, der älteste Bruder und die Schwester der Mutter kämpfen in den Wäldern als Partisanen. Manches davon dürfte Dichtung sein, anderes wiederum wortwörtliches Zitat aus Familiendokumenten. In jedem Fall wird - unterstützt auch mit Live-Musik von Sandy Lopicic und Matthias Loibner - ein schmerzhaftes Stück Geschichte deutlich, die Zerrissenheit der Kärntner Slowenen, die sich nach Kriegsende für ihren Widerstandskämpfer nicht belohnt, sondern verraten fühlten.

Schwierige Sprache
Den poetischen Grundduktus von Handkes Familienaufstellung trifft die Aufführung gut, die "vermaledeite Sprache" bekommt Gotscheff mit seinen Darstellern selten in den Griff. Was sprachlich zwischen den verhassten "Daitschen" und den sich auf uralte slawische Wurzeln berufenden Jauntalern steht, bleibt oft Behauptung. Dafür atmet man auf, wenn mal ein direkter Ton angeschlagen wird, wenn sich etwa die Mutter bei ihrem Sohn erkundigt, wie es denn bei ihm mit Frauen so stehe und ob er noch immer so viel Fußball schaue. Diese witzigen oder selbstironischen Momente schaffen Erholungspausen in einem Kraftakt, für den es am Ende viel Applaus und Jubel gab. Am Ende kam auch Peter Handke schüchtern auf die Bühne, ignorierte den einen oder anderen Buhruf und umarmte seinen Theater-Doppelgänger. Die Gespenster sind gebannt. Sturm aus.

 

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