Premieren-Kritik

"La Clemenza" zeigt Mozart als expressive Tanzperformance

10.03.2026

Jan Lauwers holt mit abstrakter Kunst Mozarts letzte Oper "La Clemenza di Tito" über den Putsch in Rom in die Moderne - Kanadierin Emily D'Angelo liefert  in der Staatsoper den stärksten Gesang 

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© Marcella Ruiz-Cruz
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Mozarts letzte Oper "La Clemenza di Tito" passt letztlich in jede politische Epoche. Roms Kaiser Tito hat hier nach einem Putsch- und Attentatsversuch die Wahl: Vergeltungsschlag oder Milde (Clemenza) walten lassen. Für seine Neuinszenierung, die am Montagabend in der Wiener Staatsoper Premiere feierte, holte sich Regisseur Jan Lauwers einmal mehr Dirigent Pablo Heras-Casado ins Boot. Inszenatorisch lässt er bei seiner Modernisierung die offensichtlichen Ansätze aber aus.

© Caro Lenhart

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Schon seinerzeit war die vermeintlich antike Geschichte symbolisch aufgeladen. Die 1791 uraufgeführte Oper wurde schließlich für Kaiser Leopold II. geschrieben, der damit selbstredend auch angesprochen werden sollte. Heute wäre es verlockend, Karikaturen von Putin und anderer Diktatoren auf die Bühne zu stellen. Bei den Salzburger Festspielen 2024 wurde wiederum der Sturm aufs römische Kapitol mit dem Aufstand der Trump-Anhänger von 2021 vermischt. Lauwers verwehrt sich aber diesen einfachen Anspielungen. Stattdessen versucht der Belgier zusammen mit Dramaturgin Elke Janssens, den Stoff mit einer Mischung aus Gesang, Tanz und Lichtprojektion zu beleben.

Mozart als expressive Tanzperformance

Nichts für kurze Aufmerksamkeitsspannen: Trotz weniger Protagonisten kann es dauern, sich zwischen den Intrigen rund um den Kaiserthron zu orientieren. Abstrakte Tanzperformances, die teils Turnübungen gleichen, stemmen nämlich große Teile des Storytellings. Lauwers Bühne, die aus einem Holzboden und einer weißen Projektionsfläche besteht, wirkt dabei selbst wie ein Tanzstudio. Davor und dahinter begleiten wilde Bewegungen, oft kaum im Einklang miteinander, die Arien, oder es werden gescholtene Charaktere reglos durch die Luft gewirbelt.

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Das ist verkopft und erfordert neben der Liebe zur Oper zumindest keine komplette Abneigung gegenüber moderner Kunst. Mit Rom hat daher auch die restliche Ausstattung nur wenig zu tun. Glitzernde Kleider aus Kunststoff mit scharfen Kanten wirken fast außerirdisch. Im Gesamtkonzept geht das überwiegend auf, wobei die schuhlosen Kostüme von Lot Lemm auch etwas von Hochglanzpyjamas haben. Daneben konnte man es sich, wie in ähnlichen Stücken, nicht verkneifen, manche Tänzer mit etwas unstimmigen Blazern auszustatten.

Verräter Sesto nimmt die Bühne ein

Beim Ensemble kann Heras-Casado mit mehreren starken Stimmen arbeiten. Allerdings stiehlt die Kanadierin Emily D'Angelo in der Rolle des Verräters Sesto der Kollegenschaft ein wenig die Show. Die 31-Jährige stemmt mehrere Arien mit hoher Stimmkraft sowohl allein als auch im Duett. Die einprägsamsten Szenen drehen sich um Sesto, aber auch die anderen Frauenrollen - Annio (Cecilia Molinari), Servilia (Florina Ilie), Vitellia (Hanna-Elisabeth Müller) - bekommen mehrere Chancen, ihre Stimmen souverän unter Beweis zu stellen. Matheus França bekommt als Publio eine vergleichsweise kleine Rolle, sticht aber bei jedem Auftritt als Bass heraus.

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Nur Katleho Mokhoabane fällt in der Rolle des Kaisers etwas ab. Ironischerweise ist die Titelpartie undankbar angelegt. Denn der südafrikanische Tenor muss häufig mit Sprechgesang arbeiten, um die Geschichte voranzutreiben, und hat nur selten Gelegenheit, aus dem Vollen zu schöpfen. Auch in den Duetten mit D'Angelo oder França bleibt er vergleichsweise blass.

Am besten kommt dieses Konzept für "La Clemenza di Tito" während des Angriffs auf Rom zusammen. Hier mischen sich historische Kriegsbilder mit einer Tanzperformance auf mehreren Ebenen, die stimmig den drohenden Orchesterklang ergänzt. Dank Projektor sind gelegentlich auch abstrakte Bilder zu sehen. Dem Regisseur zufolge befindet sich darunter ein Ölgemälde zu Gaza und der Ukraine, was ohne Kontext aber nur schwer erkennbar ist. Auf diesem abstrakten Level wirkt das Stück jedoch weniger plakativ als es Musiktheater mit offenen Referenzen täte - und damit weniger abgenutzt.