Vorletzte Folge
Austro-"Tatort": Mückstein zeigt Neuhauser und Krassnitzer als "alte Hasen"
20.04.2026"Gegen die Zeit" am kommenden Sonntag - Vorletzter Fall des langjährigen Ermittlungsduos - Regisseurin: "Vielleicht sind sie diesmal mehr wie Sozialarbeiter oder Therapeuten"
Die Zeit von Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser als "Tatort"-Ermittlerduo Moritz Eisner und Bibi Fellner läuft ab. "Gegen die Zeit" heißt der vorletzte Fall der Zwei (für Krassnitzer sein 62. Fall, für Neuhauser ihr 38.), der am kommenden Sonntag (26. April, 20.15 Uhr) auf ORF 2 zu sehen ist. "Es war natürlich eine gewisse Wehmut dabei. Der letzte Teil wurde gleich im Anschluss gedreht", sagt Regisseurin Katharina Mückstein. Für sie ist es nach 2024 ihr zweiter "Tatort".
Schon ihre erste "Tatort"-Erfahrung sei toll gewesen, erzählt Mückstein im APA-Interview. "Es war eine schöne Arbeit, und es hat so tolle Rückmeldungen gegeben, das hab ich bei einem Fernsehfilm so noch nicht erlebt. Und es hat mir außerordentlich großen Spaß gemacht, mit Harry und Adele zu arbeiten. Bei Seriendarsteller:innen ist es gar nicht so selbstverständlich, dass sie so für ihre Rollen kämpfen. Die beiden kennen ihre Figuren schon seit Jahrzehnten, besser als alle Regiepersonen und jede Autor:innen, und hängen sich richtig rein, dass diese Figuren glaubhaft und ordentlich erzählt werden. Schauspieler, die etwas wollen, sich einsetzen und auch mal widersprechen, sind ein tolles Gegenüber für mich als Regisseurin. Diesmal hab ich ja auch geschrieben - und auch beim Drehbuchschreiben war der Input von Harry und Adele sehr wichtig und hilfreich."
Viel Schatten am "Sonnenhof"
Das Drehbuch zu "Gegen die Zeit" hat Mückstein gemeinsam mit Hermann Schmid geschrieben. Schauplatz ist der "Sonnenhof", eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für männliche Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen der nach dem Mord am Leiter der Betreuungseinrichtung auftauchenden Polizei kritisch gegenüberstehen. Die Ermittlungen erfordern viel Gespür. "Ich wollte Bibi und Moritz noch einmal erzählen als die alten Hasen, die schon so viele Geschichten gehört haben und hier noch einmal vor einer besonderen Herausforderung stehen. Sie haben es hier mit besonders verletzlichen Personen zu tun, mit besonders skeptischen, vielleicht sogar feindseligen, sodass sie noch einmal auf einer sehr menschlichen Ebene arbeiten müssen."
Mückstein lässt das Duo dabei überaus sensibel, ja empathisch vorgehen. "Ich fantasiere dabei über das, was Polizeiarbeit sein könnte, weil ich finde, das ist eine Geschichte, wo man sieht, dass die autoritären Mittel der Polizei in so einem Setting überhaupt nicht funktionieren würden. Vielleicht sind Bibi und Moritz in diesem Fall mehr wie Sozialarbeiter:innen oder Therapeut:innen, aber ich finde, das sollte die Polizei am allerbesten können - besonders, wenn es um Gewalt geht." Das betrifft auch die Recherchen im Umfeld. "Es gibt etwa auch ein Gespräch von Bibi, in dem es um häusliche Gewalt geht, und ich denke, so sollten Polizist:innen sein, dass sie ganz klar sagen: Nur der Täter trägt Schuld. Es gibt kein schuldiges Opfer von Gewalt."
Empathisches Zuhören
Für die Darstellung dieser Gespräche hat sich die Regisseurin etwas Besonderes einfallen lassen. Immer wieder gelingt es den Ermittlern, sich buchstäblich in die ihnen erzählte Szene hineinzuversetzen. "Mir ist dieses Stilmittel des In-die-Erzählung-Hineingehens beim Schreiben eingefallen. Mich hat empathisches Zuhören als Werkzeug dieser beiden Ermittler:innen beschäftigt. Das bedeutet, dass man einerseits ganz offen ist und sich ganz auf das Erlebte der Gesprächspartner:innen einlässt, auf der anderen Seite braucht es natürlich eine kritische Distanz."
Die Regisseurin, die vor ihrem Studium an der Filmakademie Wien Philosophie und Gender Studies studierte und mit "Talea" (2013) und "L'Animale" (2018) zwei viel beachtete Langspielfilme gedreht hat, legt mit "Gegen die Zeit" einen "Tatort" vor, in dem Soziales beinahe eine größere Rolle spielt als Kriminalistisches. "Sozialkritik war mir auf jeden Fall wichtig. Ich habe mich mit mehreren Leuten, die in dem Bereich arbeiten, unterhalten - und komme ja auch selbst aus so einem Umfeld. Mir war es wichtig, etwas abzubilden, das einer Wirklichkeit entspricht."
Bedingungen von Sozialarbeit im Mittelpunkt
Dabei stehen die Bedingungen von Sozialarbeit in Österreich im Mittelpunkt. "Die ganze Ressourcennot, aber auch die Tatsache, dass die Jugendlichen mit der Volljährigkeit rausfallen aus dem System: Dieser Druck lastet auf ihnen und auf den Betreuer:innen. Das hat mich bei der Recherche sehr beschäftigt. Ich finde, dass wir hier als Gesellschaft unsere Verantwortung sehr vernachlässigen. Armut und das Fehlen liebevoller Elternschaft sind ein Urteil darüber, wo man im Leben hinkommen kann. Das finde ich sehr brutal."
Bei den Ermittlungen beschäftigt sich der Film fast mehr mit den Biografien der Sozialarbeiter als mit jenen der Jugendlichen. "Natürlich ist es mir auch darum gegangen zu erzählen, dass das Persönliche politisch ist", sagt Mückstein. "Wie komme ich überhaupt auf die Idee, einen sozialen Beruf zu ergreifen? Ich habe etwas über die Ungerechtigkeit in dieser Gesellschaft gelernt! Sonst habe ich dazu gar keinen Antrieb. Und meistens lerne ich das über eine eigene Diskriminierungserfahrung. Ich finde es stark und bewundernswert, wenn sich junge Leute für einen sozialen Beruf entscheiden."
Feminismus und Kapitalismus
In ihrer Dokumentation "Feminism WTF" hat sich die 1982 geborene Wienerin 2023 auf so eindringliche wie originelle Weise mit dem heutigen Stand des Feminismus auseinandergesetzt. In ihrer nächsten Dokumentation werde sie den Blick auf den Kapitalismus ausweiten, erzählt sie und lässt auch in "Gegen die Zeit" keinen Zweifel an ihrem politischen Engagement. "Ich finde, es wird oft sehr problematisierend über junge Menschen gesprochen, sehr viel über sie und wenig mit ihnen. In dem Zusammenhang gibt es oft einen Ruf nach Professionalisierung. Aber ich finde, dass es an den Rändern der Gesellschaft weniger darum gehen sollte, dass es besser funktionieren muss, sondern, dass es einen liebevolleren Blick braucht und dass man sagen muss: Diesen Rand muss man in die Mitte heilen. Der Rand der Gesellschaft sollte unser zentrales Interesse sein, die Schwächsten und Verletzlichsten sollten unsere größte Aufmerksamkeit bekommen."
Große Aufmerksamkeit werden Krassnitzer und Neuhauser jedenfalls noch einmal im Herbst bekommen, wenn ihr letzter "Tatort"-Fall zu sehen sein wird. Seit 9. April drehen aber bereits Miriam Fussenegger und Laurence Rupp als neues österreichisches "Tatort"-Duo Charlie Hahn und Alex Maleky ihren ersten gemeinsamen Fall ("Krähen im Hof"). "Ich glaube, dass sie eine sehr schwierige Aufgabe haben, in diese großen Fußstapfen zu treten", meint Mückstein. Ehe ab 2027 eine neue Zeit für das heimische "Tatort"-Publikum anbricht, heißt es aber am 26. April: "Gegen die Zeit".