Vollkaskomentalität
Gefahr auf Niederösterreichs Bergen wird unterschätzt
27.02.2026Die Bergrettung NÖ/Wien lässt die Einsatzbilanz 2025 Revue passieren. Dabei wird deutlich: Niederösterreich liegt im Bundesländer-Spitzenfeld. Auch Leichtsinn und Konsequenzen werden dabei offen diskutiert.
886 Mal mussten unsere Ehrenamtlichen Bergretterinnen und Bergretter 2025 ausrücken, so viele wie noch nie. Und das stellt auch unseren Einsatzrekord von 2021 ein, wo 841 Einsätze zu bewältigen waren. Jeder Einzelne von ihnen zeigt, wie wichtig die Vorbereitung auf den Ernstfall ist, so wie das eben auch der Bergrettungsnachwuchs tut.” so Karl Weber, Landesleiter der Bergrettung NÖ/Wien. Das Einsatzgeschehen stellt ein Plus von 10 % gegenüber dem Vorjahr 2024 dar. “Gerade mit Blick auf die Olympischen Spiele, wissen wir, dass Rekorde ja etwas sind, worüber man sich gewöhnlich freut. In diesem Fall ist es gänzlich anders, es sind Rekorde, die wir uns nicht wünschen, die uns aber Respekt und Dankbarkeit gegenüber den Bergrettern abverlangen.”, so Weber. Seit 2015 (685 Einsätze) ist das Einsatzaufkommen gar um knapp 30 % gestiegen.
Im Schnitt mussten die Bergretterinnen und Bergretter somit statistisch gesehen 2,5 Mal pro Tag ausrücken, um Menschen aus alpinen Notlagen zu retten. Insgesamt wurden 928 Personen und damit um 10% mehr als 2024 gerettet. Die Zahl der tödlichen Alpinunfälle ist auf elf gesunken (Vorjahr: 14). 684 Personen (+19 %) mussten nach Unfällen medizinisch versorgt und abtransportiert werden. Dieses Plus ist sowohl mit Verletzungen im freien Gelände als auch auf Skipisten und Rodelbahnen zurückzuführen. “Ein Zeichen, dass die Bergrettung auch für den Tourismus unschätzbare Leistungen erbringt”, so Weber. In Summe leistete die Bergrettung rund 20.000 ehrenamtliche Stunden in der Abwicklung, Vor- und Nachbereitung und Administration von Einsätzen.
Die Zahl der Einsätze, bei denen Unverletzte aufgrund von Erschöpfung, fehlender Ausrüstung oder Selbstüberschätzung gerettet werden mussten, bleibt mit 233 Einsätzen auf einem hohen Niveau. ”Bedauerlich ist, dass diese Einsätze mit besserer Vorbereitung vermieden werden könnten,” so Weber. Zudem verschiebt sich das Einsatzgeschehen immer weiter in die Tagesrandzeiten bis in die Nacht hinein – die Nachteinsätze stiegen auf 102 (+20 %). Auf die Frage warum die Bergrettung aktuell so gefordert ist, nennt Weber fünf Gründe: "Erstens, Unterschätzung der Gefahren - oft bedingt durch Falschinformationen in den Sozialen Medien -, zweitens, schlechte Vorbereitung, drittens steigendes Aufkommen in den Bergen, viertens rasche Wetterumschwünge und fünftens, fehlende Eigenverantwortung. Wir erleben seit mehreren Jahren eine Vollkaskomentalität. Viele gehen mit großer Achtlosigkeit und dem Irrglauben der bedingungslosen Rettung in die Berge. Diese gibt es aber nicht, denn auch Rettungseinsätze werden bei Gefahren für Bergretterinnen und Bergretter abgebrochen. Stichwort Lawinengefahr.“ Besonders besorgniserregend ist für die heimischen Bergrettretter die Unterschätzung der niederösterreichischen Berge - oft aufgrund geringerer Höhen. “Diese Fehleinschätzung vielen unserer Patienten wird erst in Unfallsituationen schlagartig bewusst. Wir möchten heute einmal mehr darauf aufmerksam machen.”, so Weber.
Mit Blick auf die aktuelle Lawinensituation weist die Bergrettung auf die erhebliche Lawinengefahr in Teilen Niederösterreichs hin. Eine vollständige Lawinenausrüstung sei bei entsprechenden Bedingungen außerhalb gesicherter Pisten unerlässlich. Zugleich betont die Organisation den Grundsatz „Eigenschutz vor Fremdschutz“: Nicht jeder Einsatz könne bei akuter Gefährdung der Retterinnen und Retter durchgeführt werden.
Die Bergrettung Niederösterreich/Wien ist mit 29 Ortsstellen und rund 1.340 ehrenamtlichen Mitgliedern ein zentraler Teil der niederösterreichischen Sicherheitsfamilie. Neben der Einsatzarbeit wird großer Wert auf Ausbildung, Prävention und eine enge Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen wie Flugpolizei und Notarzthubschraubern gelegt. Die Einsätze werden zwar verrechnet, die Leistungen selbst basieren jedoch auf ehrenamtlichem Engagement – eine Grundlage, die laut Bergrettung auch in Zukunft unverzichtbar bleibt.