Strenge Sicherheitsvorkehrungen

Der Tschetschenen-Prozess in Wien

15.11.2010

Der tschetschenische Präsident Kadyrow könnte dem Mord stecken.

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Bereits zu Beginn seines Plädoyers hatte Staatsanwalt Leopold Bien den Geschworenen angekündigt, dass die Ergebnisse der Rufdatenerfassung rund um den Mord an Umar Israilov für das Verfahren entscheidende Bedeutung hätten. Das wurde bei der Schilderung des Tathergangs und der Vorbereitung deutlich. So wurde anhand der Einloggdaten seines Handys festgestellt, dass sich Suleyman D. von der zweiten Dezemberhälfte 2008 bis zum Tag der Tat am 13. Jänner 2009 an zumindest zwölf Tagen in der Wohnumgebung des späteren Opfers in der Leopoldauer Straße in Wien-Floridsdorf aufgehalten habe. "Es ging darum, die Lebensgewohnheiten Israilovs, den Tagesablauf auszuforschen", meinte Bien.

 Mordkommando
Primär sei es darum gegangen, Israilov nach Tschetschenien zurückzubringen, sagte der Ankläger. Einen ersten Versuch dazu gab es bereits im Juni 2008, als ihm ein anderer Tschetschene, Artur K., aufsuchte und überreden wollte zurückzukehren. Dabei wandte er mehr oder weniger sanften Druck an, indem er ihm mitteilte, dass in der Slowakei ein Mordkommando schon bereitstehe. K. wurde später nach fremdenrechtlichen Kriterien festgenommen und laut Bien am Tag nach der Festnahme auf eigenen Wunsch nach Moskau abgeschoben.

Im Herbst kam eine tschetschenische Delegation nach Wien und wurde von Otto K. mit Letscha B. am Flughafen empfangen. Bien vermutet, dass dabei der Auftrag für die Tat erteilt wurde. Dabei sollte Israilov gewaltsam nach Tschetschenien gebracht, also entführt werden, so die Anklage. "Aber es stand von vornherein fest, dass Israilov sterben muss, wenn die Entführung fehlschlägt", zeigte sich der Staatsanwalt überzeugt.

Am 13. Jänner 2009 fuhren Suleyman D. und Letscha B. zeitig in der Früh von St. Pölten nach Wien. Bereits um 5.00 Uhr kontaktierten sie den Drittangeklagten Turpal-Ali Y., wie sich aus der Rufdatenerfassung ergab. Rund zwei Stunden später wurde er bei einer Tankstelle aufgegabelt. Mit zwei Autos wurde rund um die Wohnung Israilovs Position bezogen. Dabei war auch ein Volvo mit verdunkelten Heckscheiben, der sich für eine Entführung besonders geeignet hätte.

Schnittstelle Otto K.
Immer wieder telefonierten die Angeklagten miteinander. Hektisch wurde es vor allem, weil Kosum Y., Polizeispitzel und Bruder des Drittangeklagten, versuchte, seinen Verwandten aus dieser Geschichte herauszubekommen. Kosum Y. rief wiederholt Otto K. an, der sich zu Hause in St. Pölten aufhielt. Dieser konferierte daraufhin über zwei kurz zuvor beschaffte Wertkartentelefone mit Suleyman D..

Kurz vor 12.00 Uhr überschlugen sich die Ereignisse: Israilov verließ seine Wohnung, ging aber nicht, wie von den mutmaßlichen Tätern erwartet, auf der Leopoldauer Straße stadteinwärts, sondern begab sich in entgegengesetzter Richtung zu einem Supermarkt in der Nähe. Es musste improvisiert werden. Die Autos wurden laut Anklage schnell umgestellt, vor dem Supermarkt in einer Nische erneut Position bezogen.

 Als Israilov aus dem Supermarkt kam, folgte der erste Angriff. Laut Staatsanwalt wollten sich Letscha B. und Turpal-Ali Y., beide mit silberfarbenen Pistolen bewaffnet, auf das Opfer stürzen, doch Israilov schleuderte seinen Einkauf Letscha B. ins Gesicht und rannte um sein Leben. Doch die beiden Widersacher verfolgten ihn, nachdem sie ein erstes Mal geschossen hatten. Ein zweiter Schuss, der nicht traf, folgte auf Höhe der Leopoldauer Straße 19. Einer der beiden stellte laut Anklage Israilov bei der Einmündung in die Ostmarkgasse und verpasste ihm vier Schläge auf den Hinterkopf. Doch "mit dem Mut der Verzweiflung" konnte sich Israilov noch einmal losreißen und flüchtete in die Ostmarkgasse.

Dreimal gefeuert
Auf Höhe des Hauses Nummer zwei kam aber das Ende. Der Anklage zufolge war es aller Wahrscheinlichkeit nach Letscha B., der dreimal feuerte und ebenso oft traf. Die ersten beiden Schüsse gingen durch die linke Hüfte und die Bauchhöhle. Israilov soll getaumelt sein, aber noch immer nicht aufgegeben haben. Der dritte Treffer ging links von der Wirbelsäule in die Bauchhöhle, eröffnete das Zwerchfell, die Milz sowie den Magen und blieb schließlich im Rippenbogen stecken. "Eine Überlebenschance hatte er nicht", kommentierte Bien.

Letscha B. belastet vor allem, dass es seine Waffe gewesen sein dürfte, aus der alle gefundenen Patronenhülsen stammten. In der näheren Umgebung des Tatortes wurde auch eine Jacke mit Schmauchspuren gefunden. Der mutmaßliche Schütze dürfte sich ihrer entledigt haben.
 

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