Wien

Alijev-Anwalt: Suizid "ausgeschlossen"

25.02.2015

Gutachter: Kein Hinweis auf Gewalteinwirkung - LKA prüft "Häftlingsbuch".

Zur Vollversion des Artikels
© Johannes Kernmayer
Zur Vollversion des Artikels

Das Ableben von Rakhat Alijev, der am Dienstag erhängt in der Justizanstalt Josefstadt gefunden wurde, ist für seinen langjährigen Rechtsbeistand Manfred Ainedter "voller Rätsel". Für Ainedter ist ein Selbstmord unvorstellbar: "Er hat sich gerade neue Brillen bestellt gehabt. Am Dienstag hatte er noch einen Friseurtermin. Und da soll er sich umbringen?"

Tagebuch
Ainedter bestätigte die Existenz eines Tagebuchs, das Aliyev im Gefängnis geführt habe. Darüber hinaus behauptet der Anwalt, dass es an diesem Büchlein zu Manipulationen kam, als der herzkranke Aliyev vorübergehend ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder verlegt wurde und seine privaten Aufzeichnungen im Gefängnis zurücklassen musste.

"Als er zurückgekommen ist, hat eine Seite gefehlt. Sie ist herausgerissen worden", hielt Ainedter fest. Die Vollzugsdirektion, bei der eine Beschwerde gegen diesen angeblichen Eingriff in Aliyevs Eigentum ventiliert wurde, sah das allerdings anders. Sie wies die Beschwerde zurück und stellte fest, es habe nichts aus dem Notizbuch gefehlt.

Obduktion: Kein Fremdverschulden
"Aufgrund des vorläufigen Obduktionsergebnisses gibt es keinen Hinweis auf Fremdverschulden", teilte Gerhard Jarosch, stellvertretender Leiter der Staatsanwaltschaft Wien, am Mittwoch mit. Der Tote wurde von einem erfahrenen Gerichtsmediziner obduziert, der bei der Leichenbeschau keine Anzeichen für eine äußere Gewalteinwirkung fand. Aus der Untersuchung der Zelle durch die Tatortgruppe des Wiener Landeskriminalamts sowie der Auswertung der Videobänder in der Justizanstalt hätten sich ebenfalls keine Anzeichen ergeben, dass Alijev von fremder Hand zu Tode gebracht worden wäre, gab Jarosch bekannt.

Anwalt: Selbstmord "völlig ausgeschlossen"
"Es ist völlig ausgeschlossen, dass Aliyey seine Ehefrau und seine Kinder im Stich gelassen und sich aus dem Leben gestohlen hätte." Auch die Art und Weise des angeblichen Selbstmords - Alivey war in einer Jogginghose mit Mullbinden an einem Kleiderhaken erhängt entdeckt worden - irritiert Ainedter: "Er hätte das Stromkabel seines Laptops zur Verfügung gehabt." Dass der sehr auf sein Äußeres bedachte Mann in Trainingshosen freiwillig aus dem Leben scheidet, sei "gänzlich ausgeschlossen", so Ainedter abschließend: "Er ist zu sämtlichen kontradiktorischen Einvernahmen im Anzug gegangen. Zu seinem Prozess wollte er sogar in Uniform erscheinen."

Besucher als mögliche Zeugen
Unterdessen nahm sich Mittwochmittag das Wiener Landeskriminalamt (LKA) das "Häftlingsbuch" in der JA Josefstadt vor. Dort werden sämtliche Besuche, die ein Häftling erhält - egal, ob von Verwandten, Freunden, Anwälten oder Sozialarbeitern - festgehalten. Die Kriminalisten wollen klären, welche Besucher Aliyev zuletzt empfangen hatte. Diese sollen dann als Zeugen zu allfälligen Wahrnehmungen über suizidale Tendenzen beim 52-Jährigen oder ein mögliches Bedrohungsszenario vernommen werden, das Aliyev zur Sprache gebracht haben könnte.

Rätselhafter Tod
Sein Tod war so rätselhaft wie sein Leben. Dienstag, 7.20 Uhr, Justizanstalt Josefstadt, Sonderkrankenanstalt Z5: Ein Justizwachebeamter und eine Krankenschwester öffnen die Zellentüre zu Rakhat Alijev (52), Ex-Kasachstan-Botschafter und Mordangeklagter. Sie finden ihn tot im Nassbereich. Alijev, bekleidet mit kurzer Hose und T-Shirt, hängt mit Mullbinden am Hals stranguliert am Wandhaken. Ein Schock. Die alarmierte Ärztin kann ihm nicht mehr helfen.

Was passierte während 9 Stunden Nachtruhe?
Etwa neun Stunden vorher: Montag um 22 Uhr wird er zum letzten Mal lebend gesehen. Ein Beamter reicht ihm wie jeden Abend die Medikamente durch die Öffnung. Alijev leidet unter Diabetes und Bluthochdruck.

Was danach passiert, ist Gegenstand der Ermittlungen. Fakt ist: Bei den Nachtkontrollen stellen Beamte nichts Auffälliges fest. „Für mich ist das ein Selbstmord. Ich schließe aus, dass jemand in die Zelle kam“, sagt Peter Prechtl, Chef der Vollzugs­direktion, zu ­ÖSTERREICH. Alijev wurde im internen System als „grün“ geführt, als „nicht selbstmordgefährdet“.

Nicht alle sehen das so. Alijev sah sich vom kasachischen Geheimdienst bedroht. Seine Anwälte zweifeln am Suizid. „Ich habe Zweifel, ohne jemanden beschuldigen zu wollen“, so Klaus Ainedter. Anwalt Stefan Prochaska: „Die Vermutung ist, dass ihn jemand umgebracht hat. Der Zeitpunkt ist höchst auffällig.“

Anfang April hätte ein Mordprozess gegen Alijev und zwei Mitangeklagte beginnen sollen. Hat er sich davor gefürchtet?

Brisant ist auch: Alijev soll von Mithäftlingen erpresst worden sein. Erst Dienstag, wenige Stunden nach Alijevs Tod, fand in diesem Zusammenhang ein Prozess gegen zwei ehemalige Mithäftlinge (41, 20 Jahre alt) statt.

„Wenn Alijev überleben wolle, müsse er 3.000 Euro bezahlen, ansonsten könne ihn jemand während des Waschens im Duschraum umbringen und dies wie einen Selbstmord aussehen lassen“, sollen sie ihm laut Anklage gedroht haben.

Tatortgruppe in Zelle, Obduktion von Leiche
Die Angeklagten zeigten sich nicht geständig, aber: „Alijev war in Furcht“, so ein Chefinspektor „Er hat Tagebuch geführt und Einschüchterungen aufgezeichnet.“
Bringt der Fall noch weitere Überraschungen? Die Todeszelle wurde untersucht, die Leiche obduziert. Auf den Video-Aufnahmen vom Gang vor der ­Zelle fanden sich laut Justiz-Chef Prechtl keine Anzeichen für Straftaten. Und: „Laut Gegensprechanlge gibt es keine Hinweise, dass die Zelle nachts geöffnet wurde.“

J. Prüller, K. Wendl

Pilz: "Minister Brandstetter tief in Fall Alijev verstrickt"

Grün-Politiker Peter Pilz fordert nach dem Tod von Rakhat Alijev rasche Aufklärung: „Ins­besondere das Verhältnis von Justizminister Brandstetter zu Alijev ist zu klären“, so Pilz. Brandstetter sei tiefer in 
 den Fall Alijev verstrickt, als er in der Öffentlichkeit zugebe. „Das wird ein parlamentarisches Nachspiel haben“, so Pilz. Der Justizminister war einst Strafverteidiger von Alijev, und der Kasache war auch in Brandstetters Wohnhaus in Eggenburg (NÖ) gemeldet.

Macht, Millionen, Morde: Der Krimi um Rakhat Alijev

Rakhat Alijev war reich, mächtig: Schwiegersohn des kasachischen Staatschefs Nasarbajew, Vizeaußenminister seines Landes, Botschafter in Wien, Multimillionär.

  • 2002, Botschafter in Wien: Nach Putschgerüchten gegen seinen Schwiegervater wird Alijev nach Wien geschickt – als Botschafter.
  • Jänner 2007, Bankmanager: Zwei Manager der kasachischen Nurbank verschwinden spurlos. Besitzer der Bank ist Alijev. Kasachstan erlässt einen Haftbefehl gegen ihn: Verdacht der Entführung und Ermordung der beiden Manager. Zu diesem Zeitpunkt sitzt Alijev aber längst wieder in Österreich. Kurz wird er in Wien in Haft genommen: „Der Haftbefehl ist nur die Rache meines Ex-Schwiegervaters“, argumentiert er. Österreich lehnt eine Auslieferung ab. Die Leichen der beiden Bankmanager werden erst im Mai 2011 gefunden.
  • Jänner 2008: In Abwesenheit werden Alijev, der ehemalige kasachische Geheimdienstchef Alnur Mussayev sowie Alijevs Leibwächter Vadim Koshlyak in ihrer Heimat zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
  • 2008 – 2014, Schutz durch Österreich: Juristisch war Alijev in Wien jahrelang bestens beraten: ÖVP-Justizminister Wolfgang Brandstetter vertrat ihn, zeitweise war der Kasache sogar in Brandstetters Haus in Niederösterreich gemeldet. Einige Jahre hatte er einen österreichischen Fremdenpass, ausgestellt 2009 von der Bezirkshauptmannschaft Horn. Seit 2011 lebte er in Malta.
  • 2014, die Anklage: Im Juni 2014 wird Alijev in Wien festgenommen. Auch seine Vertrauten Mussayev und Koshlyak sitzen in Österreich in Haft. Ihnen wird Doppelmord an den Bankmanagern vorgeworfen.
  • 2015, das Ende: Anfang April sollte in Wien der Doppelmordprozess gegen Alijev und seine beiden Mitangeklagten beginnen. Der Prozess soll trotz des Alijev-Todes stattfinden.
Zur Vollversion des Artikels
Weitere Artikel