Rätsel

Alijev: Erhängt in der Zelle

24.02.2015

Rätsel um den Tod des Ex-Kasachstan-Botschafters: Seine Anwälte glauben an Mord.

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© Johannes Kernmayer
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Sein Tod ist so rätselhaft wie sein Leben. Dienstag, 7.20 Uhr, Justizanstalt Josefstadt, Sonderkrankenanstalt Z5: Ein Justizwachebeamter und eine Krankenschwester öffnen die Zellentüre zu Rakhat Alijev (52), Ex-Kasachstan-Botschafter und Mordangeklagter. Sie finden ihn tot im Nassbereich. Alijev, bekleidet mit kurzer Hose und T-Shirt, hängt mit Mullbinden am Hals stranguliert am Wandhaken. Ein Schock. Die alarmierte Ärztin kann ihm nicht mehr helfen.

Was passierte während 9 Stunden Nachtruhe?
Etwa neun Stunden vorher: Montag um 22 Uhr wird er zum letzten Mal lebend gesehen. Ein Beamter reicht ihm wie jeden Abend die Medikamente durch die Öffnung. Alijev leidet unter Diabetes und Bluthochdruck.

Was danach passiert, ist Gegenstand der Ermittlungen. Fakt ist: Bei den Nachtkontrollen stellen Beamte nichts Auffälliges fest. „Für mich ist das ein Selbstmord. Ich schließe aus, dass jemand in die Zelle kam“, sagt Peter Prechtl, Chef der Vollzugs­direktion, zu ­ÖSTERREICH. Alijev wurde im internen System als „grün“ geführt, als „nicht selbstmordgefährdet“.

Nicht alle sehen das so. Alijev sah sich vom kasachischen Geheimdienst bedroht. Seine Anwälte zweifeln am Suizid. „Ich habe Zweifel, ohne jemanden beschuldigen zu wollen“, so Klaus Ainedter. Anwalt Stefan Prochaska: „Die Vermutung ist, dass ihn jemand umgebracht hat. Der Zeitpunkt ist höchst auffällig.“

Anfang April hätte ein Mordprozess gegen Alijev und zwei Mitangeklagte beginnen sollen. Hat er sich davor gefürchtet?

Brisant ist auch: Alijev soll von Mithäftlingen erpresst worden sein. Erst Dienstag, wenige Stunden nach Alijevs Tod, fand in diesem Zusammenhang ein Prozess gegen zwei ehemalige Mithäftlinge (41, 20 Jahre alt) statt.

„Wenn Alijev überleben wolle, müsse er 3.000 Euro bezahlen, ansonsten könne ihn jemand während des Waschens im Duschraum umbringen und dies wie einen Selbstmord aussehen lassen“, sollen sie ihm laut Anklage gedroht haben.

Tatortgruppe in Zelle, Obduktion von Leiche
Die Angeklagten zeigten sich nicht geständig, aber: „Alijev war in Furcht“, so ein Chefinspektor „Er hat Tagebuch geführt und Einschüchterungen aufgezeichnet.“
Bringt der Fall noch weitere Überraschungen? Die Todeszelle wurde untersucht, die Leiche obduziert. Auf den Video-Aufnahmen vom Gang vor der ­Zelle fanden sich laut Justiz-Chef Prechtl keine Anzeichen für Straftaten. Und: „Laut Gegensprechanlge gibt es keine Hinweise, dass die Zelle nachts geöffnet wurde.“

J. Prüller, K. Wendl

Pilz: "Minister Brandstetter tief in Fall Alijev verstrickt"

Grün-Politiker Peter Pilz fordert nach dem Tod von Rakhat Alijev rasche Aufklärung: „Ins­besondere das Verhältnis von Justizminister Brandstetter zu Alijev ist zu klären“, so Pilz. Brandstetter sei tiefer in 
 den Fall Alijev verstrickt, als er in der Öffentlichkeit zugebe. „Das wird ein parlamentarisches Nachspiel haben“, so Pilz. Der Justizminister war einst Strafverteidiger von Alijev, und der Kasache war auch in Brandstetters Wohnhaus in Eggenburg (NÖ) gemeldet.

Macht, Millionen, Morde: Der Krimi um Rakhat Alijev

Rakhat Alijev war reich, mächtig: Schwiegersohn des kasachischen Staatschefs Nasarbajew, Vizeaußenminister seines Landes, Botschafter in Wien, Multimillionär.

  • 2002, Botschafter in Wien: Nach Putschgerüchten gegen seinen Schwiegervater wird Alijev nach Wien geschickt – als Botschafter.
  • Jänner 2007, Bankmanager: Zwei Manager der kasachischen Nurbank verschwinden spurlos. Besitzer der Bank ist Alijev. Kasachstan erlässt einen Haftbefehl gegen ihn: Verdacht der Entführung und Ermordung der beiden Manager. Zu diesem Zeitpunkt sitzt Alijev aber längst wieder in Österreich. Kurz wird er in Wien in Haft genommen: „Der Haftbefehl ist nur die Rache meines Ex-Schwiegervaters“, argumentiert er. Österreich lehnt eine Auslieferung ab. Die Leichen der beiden Bankmanager werden erst im Mai 2011 gefunden.
  • Jänner 2008: In Abwesenheit werden Alijev, der ehemalige kasachische Geheimdienstchef Alnur Mussayev sowie Alijevs Leibwächter Vadim Koshlyak in ihrer Heimat zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
  • 2008 – 2014, Schutz durch Österreich: Juristisch war Alijev in Wien jahrelang bestens beraten: ÖVP-Justizminister Wolfgang Brandstetter vertrat ihn, zeitweise war der Kasache sogar in Brandstetters Haus in Niederösterreich gemeldet. Einige Jahre hatte er einen österreichischen Fremdenpass, ausgestellt 2009 von der Bezirkshauptmannschaft Horn. Seit 2011 lebte er in Malta.
  • 2014, die Anklage: Im Juni 2014 wird Alijev in Wien festgenommen. Auch seine Vertrauten Mussayev und Koshlyak sitzen in Österreich in Haft. Ihnen wird Doppelmord an den Bankmanagern vorgeworfen.
  • 2015, das Ende: Anfang April sollte in Wien der Doppelmordprozess gegen Alijev und seine beiden Mitangeklagten beginnen. Der Prozess soll trotz des Alijev-Todes stattfinden.
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