Affären

Neue ORF-Chefin Thurnher: Null Toleranz bei Fehlverhalten

24.04.2026

Die neue interimistische ORF-Chefin Ingrid Thurnher stellte sich erstmals der Öffentlichkeit. Den Rauswurf von Roland Weißmann hält sie weiter für richtig.

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Die frischgebackene ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher will in ihren acht Monaten an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses "die Weichen für einen besseren ORF stellen". Dazu zählt für sie, Vertrauen in die Institution zurückzugewinnen, eine "bedingungslose Publikumsorientierung" und die Marken und Inhalte zukunftsfit aufzustellen. Auch will sie die Gründe, weswegen der ORF in Negativschlagzeilen geriet, "klar, konsequent und ohne jedes Ausweichen" aufarbeiten.

Den ORF in dieser Lage zu übernehmen, ist wohl nicht die einfachste Aufgabe. Warum tut sie sich das an? "Mir liegt das Haus einfach am Herzen. Wenn man dem Unternehmen so lange verbunden ist, macht man es, wenn man gefragt wird", sagte sie am Freitag bei einer Pressekonferenz. Thurnher ist seit 41 Jahren im ORF beschäftigt und dort eine der bekanntesten Persönlichkeiten. Ob die 63-jährige gebürtige Vorarlbergerin aber noch eine ganze fünfjährige Geschäftsführungsperiode ab 2027 anhängen will, ließ sie abermals offen.

ORF "größer als die Schlagzeilen"

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"Der ORF ist viel, viel größer als die Schlagzeilen der letzten Wochen", sagte sie und meinte, dass das Vertrauen in die tägliche Arbeit im ORF "ungebrochen da" sei. Das Vertrauen in die Institution ORF müsse jedoch wieder verbessert werden.

Aber: "Transparenz heißt nicht Vorverurteilung", so Thurnher. Sie lehne "öffentliche Tribunale unter aktiver Beteiligung von Medien" ab, sagte sie wohl mit Blick auf die Causa Weißmann, die erst dazu führte, dass Thurnher im März interimistisch die Führung des ORF übernommen hatte und am Donnerstag mit 31 von 35 Stimmen im ORF-Stiftungsrat zur neuen fixen ORF-Chefin bis Ende des Jahres gewählt wurde. Man werde sich alle mutmaßlichen Missstände "ganz genau anschauen, aber unter Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und Wahrung individueller Schutzrechte". Informieren wolle man, wenn belastbare Ergebnisse vorliegen.

"Rechtliche Zwickmühle" rund um Compliance-Bericht

Dass die ORF-Stiftungsräte nun doch Einsicht in den Compliance-Bericht zur Causa Weißmann, aber auch weitere in der Vergangenheit aufsehenerregende Fälle erhalten, erklärte sie mit einer "rechtlichen Zwickmühle". Einerseits sei bei der Erstellung der Berichte Vertraulichkeit zugesichert worden, andererseits hätten die Räte einen Mehrheitsbeschluss gefällt, dass Thurnher Einsicht gewähren solle. Die Berichte werden nun aufgelegt, wobei die Räte vor der Lektüre ihr Handy abgeben müssen. Auch sollen aus den Berichten keine Rückschlüsse auf Hinweisgeber möglich sein.

Zu Weißmann: Null Toleranz bei Fehlverhalten

Thurnher untermauerte erneut, dass das Verhalten, das ihr Vorgänger Roland Weißmann gegenüber einer ORF-Mitarbeiterin an den Tag gelegt habe, "falsch und für eine Führungskraft inakzeptabel" gewesen sei. Daher seien klare Konsequenzen in Form einer Kündigung gezogen worden. All jene im ORF, die Übergriffe erleben, sollen sich melden. "Wir werden sie unterstützen", versicherte sie.

Transparenzbeirat arbeitet

Ein vor wenigen Wochen eingerichteter Transparenzbeirat soll bei der Aufarbeitung unterstützen und Verbesserungsvorschläge mit Blick auf Strukturen und Compliance im ORF liefern. Erste Ergebnisse würden bereits umgesetzt - wie eine zusätzliche externe Meldestelle. Klar sei auch, dass nicht jeder mit der Aufklärungsarbeit im ORF "happy" sein werde. "Da müssen wir jetzt einfach mal durch."

Abseits davon will sie in ihrer Zeit an der ORF-Spitze für eine "klare Positionierung des ORF" sorgen. Nicht zuletzt, weil von der Bundesregierung für Herbst der Start zu einer größeren ORF-Reform angekündigt wurde. Natürlich habe sie eine Vorstellung davon, wie der ORF abgesichert werden müsse. "Ich werde die Position des ORF ganz klar vertreten und aufzeigen, was er in einer neuen Medienwelt leisten muss", so Thurnher. Genaue Konzepte würden rechtzeitig zum Konvent erarbeitet.

Programm effizienter produzieren

Auch will Thurnher die seit 2005 unveränderte bestehenden Programmrichtlinien überarbeiten und Marken und Inhalte sender- und plattformübergreifend sowie zielgruppenspezifisch positionieren. Angesichts des Spardrucks wolle man jedenfalls nicht im Programm sparen, versicherte die Neo-ORF-Chefin. Viel mehr müsste das Programm effizienter produziert und Doppelstrukturen abgebaut werden.

Thurnher freute sich abseits der Aufregung auch auf einige "große Programmmomente", die bevorstünden. Der Eurovision Song Contest (ESC), die Fußball-WM oder auch der ORF-Kultursommer haben zumindest das Potenzial, die Aufmerksamkeit auf erfreulichere Themen zu lenken.