Einst war der Eurovision Song Contest ein Wettbewerb der Stimmen, nicht der Gesinnungen. Eine Bühne, auf der junge Künstler sangen, statt Statements zu verwalten. Udo Jürgens gewann mit einem Lied, Céline Dion mit Talent – nicht mit moralischer Begleitbroschüre. Der ESC war Europas klingende Visitenkarte, vergleichbar mit San Remo: Musik zuerst, Botschaft höchstens zwischen den Zeilen.
Heute wirkt das Spektakel wie ein Parteitag mit Lichtshow. Seit zwei Jahrzehnten verschiebt sich der Fokus: Haltung schlägt Harmonie, Symbolik ersetzt Substanz. Gewonnen wird nicht mehr zwingend von jenen, die am besten singen, sondern von jenen, deren Auftritt am lautesten Zustimmung signalisiert. Musik ist Kulisse geworden, Applaus eine politische Abstimmung.
Österreich schickt heuer Cosmo ins Rennen. „Tanzschein“ hat Ohrwurmpotenzial – vorausgesetzt, er vertraut der Kunst mehr als der Agenda. Der ESC braucht keine Prediger, sondern Künstler. Denn wenn Europa schon gemeinsam singt, sollte wenigstens der Ton stimmen.