Medien

ORF-Favorit Pig: "Das ist eine gezielte Aktion gegen mich"

29.05.2026

Der inzwischen ausgeschiedene Chef der Austria Presseagentur, Clemens Pig, gilt als der Favorit bei der ORF-Wahl am 11. Juni. Im Talk mit oe24-Chef Niki Fellner ortet der gebürtige Tiroler eine Kampagne, um ihn als neuen ORF-Generaldirektor zu verhindern. 

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Insgesamt haben sich 76 Kandidatinnen und Kandidaten für den Posten des ORF-Generaldirektors und damit für die Nachfolge des zurückgetretenen Roland Weißmann beworben. Neben Privat-TV-Managern wie Markus Breitenecker oder Johannes Larcher sind darunter auch ORF-Profis wie Lisa Totzauer und - als der große Favorit - der bisherige Chef der Austria Presseagentur, Clemens Pig. oe24-Chef Niki Fellner hat den Medien-Profi interviewt. 

Lesen Sie das Interview mit Clemens Pig

 

Oe24: Es wird seit Wochen kolportiert, dass Sie der Wunschkandidat sowohl des Kanzlers als auch der Ampelkoalition sind. Ist diese Wahl also für Sie eine gmahde Wiesn?

CLEMENS PIG: Nein, überhaupt nicht. Ich bin selber bass erstaunt, in welcher Geschwindigkeit ich hier schubladisiert wurde. Es gibt keine Zusage einer Regierungspartei, einer Oppositionspartei, von keinen Stiftungsräten, und es gibt auch keine Zusage vom lieben Gott, dass ich diese Funktion bekomme. Ich bin seit 30 Jahren im Berufsleben, zuletzt aktiv als Chef der Austria Presseagentur, bin ein Unabhängiger und weiß, was Medien und Journalismus benötigen. Also, ich habe mittlerweile fast eher den Eindruck, dass das eine gezielte Aktion gegen mich ist, um einen starken Bewerber vorzeitig aus dem Rennen zu nehmen.

Oe24: Wie sehr hat Ihnen diese parteipolitische Vereinnahmung geschadet?

PIG: Wer mich kennt, weiß, dass ich unabhängig bin, wetterfest, standfest. Es nehmen sehr viele Menschen mit mir derzeit Kontakt auf, die wollen Gespräche mit mir führen. Diese Gespräche führe ich auch, ganz transparent.

Oe24: Es gibt Stimmen, Sie haben es jetzt auch gerade in einem Nebensatz angesprochen, die eine bewusste Schmutzkübelkampagne gegen Sie orten. Wer steckt da dahinter?

PIG: Ich würde es auch gerne wissen. Niemand deklariert sich, niemand weiß das. Was ich allerdings weiß, ist, dass Menschen, die mich kennen, sehen, dass diese Vorwürfe erstunken und erlogen sind. Ich bin nicht Mitglied in einer Vorfeldorganisation, ich bin auch kein Freimaurer. Ich bin ein Medienmanager, der zehn Jahre als Nummer eins der Austria Presseagentur diese unabhängige Redaktion führt, und das ist auch mein Asset, das ich mitbringen kann.

Oe24: Es ist schon auffällig, dass ausgerechnet die Kronenzeitung so gegen Sie mobilisiert.

PIG: Kann ich mir auch nicht erklären. Ich habe zu allen Medienunternehmen des Landes ein gutes Verhältnis, die APA steht ja im Eigentum der Medien. Wir müssen ja alle kooperieren, das ist ja mein Job.

Oe24: Wie wollen Sie denn die Österreicher davon überzeugen, dass Sie wirklich unabhängig sind?

PIG: Einerseits meine 30-jährige berufliche Laufbahn. Niemand würde zehn Jahre an der Spitze der APA stehen und überleben können, wenn man nicht unabhängig wäre. Das ist ganz klar. Die APA muss einen unabhängigen, neutralen Dienst an die Medien ausliefern. Und wenn der auch nur in irgendeiner Seite eine Schlagseite hätte, dann würde man natürlich hier nicht an dieser Stelle sitzen können. Das ist doch genau der Grund dieser gezielten Aktionen, weil man weiß, dass da ein Unabhängiger sitzt.

Oe24: Was qualifiziert Sie denn als ORF-Chef?

PIG: Der ORF ist mehr als TV und Radio. Er betreibt in Österreich sowieso eine der stärksten News-Sites. Die Zukunft des Fernsehens ist digitales Fernsehen ist Streaming. Und da habe ich sowohl in der APA die gesamte Bewegtbildschiene und mit der Austria Video Plattform die erste große Branchenlösung in Österreich mit Vermarktung aufgebaut. Ich weiß, dass diese Qualifikationen da sind und es wird ja auch nicht der Channel-Manager von ORF1 oder eine neue Radio-Chefin gesucht, sondern der Generaldirektor des ORF. Und diese Funktion erfordert wesentlich mehr Kompetenzen als die eines klassischen Medien- oder TV-Managers. Es gibt in Österreich nur zwei Institutionen, die Public-Value wirklich verankert haben: Das ist der ORF, das ist die APA. Und diese Erfahrung mit der Neutralität, der APA-Berichterstattung, diese Kompetenz zu haben, diese beiden Dinge möchte ich von ganzem Herzen zum ORF mitnehmen.

Oe24: Es gibt ja bereits Drohungen, dass im Fall Ihrer Wahl Klagen kommen werden, wegen Postenschachers, gegen das europäische Medienfreiheitsgesetz. Beunruhigt Sie das?

PIG: Also das wäre schon eine Verdrehung der Tatsachen. Ich selber freue mich gerade sehr, dass es so ein breites Feld an Bewerberinnen und Bewerbern gibt, weil das ist letztlich die beste Immunisierung gegen ein Geschmäckle. Aus aktueller Sicht nehme ich wahr, dass alle die gleichen Chancen haben. Ich möchte für mich gerne beanspruchen, dass dieser Prozess absolut sauber läuft. Ich sehe dem also extrem gelassen entgegen.

Oe24: Absprachen gab es keine? Es heißt immer wieder, der Bundeskanzler hätte Ihnen dieses Amt schon zugesagt.

PIG: Nein, gar nicht. Das ist ja das Absurde in dieser gesamten Situation. Niemand in dieser ganzen Republik hat jemandem wie mir eine Zusage für diese Funktion gegeben. Niemand. Ich sehe den Versuch, mit mir als jemandem, der Journalismus versteht, der digitale Transformation versteht, der die österreichische APA zur erfolgreichsten nationalen Nachrichtenagentur auch wirtschaftlich in Europa gemacht hat, einen Kandidaten zur Seite räumen zu wollen. Und das geht natürlich nicht.

Oe24: Haben Sie sich eigentlich überlegt, rechtlich gegen diese Diffamierungskampagne vorzugehen?

PIG: Es ist schwer, dagegen vorzugehen, weil ich selber nicht weiß, wo das herkommt.

Oe24: Sie waren lange an der Spitze der APA, ein guter Job, muss man sagen, auch gut dotiert. Sie haben diesen Job jetzt gekündigt, geben ihn auf, um sich zu bewerben. Warum tun Sie sich das an?

PIG: Medien und Journalismus sind wichtig für unsere Demokratie. Ohne Medien landen wir vielleicht irgendwann einmal, wie es in Amerika ist. Da sind ganze Landstriche ohne Zeitungen, da gibt es oft nur die sozialen Medien. Da bin ich wirklich beseelt davon, dass Österreich sich jetzt als Medienstandort integriert - und dafür möchte ich mein Bestes geben.

Oe24: Und deswegen sind Sie schon aus der APA ausgeschieden?

PIG: Mein Ausscheiden aus der APA  erfolgt freiwillig aus Loyalitätsgründen. Ich finde, man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Andererseits ist es schlichtweg vertragsrechtlich notwendig, dass ich, wenn ich in den ORF-Bewerbungsprozess gehe, keine Vertragspflichten zur APA verletze.

Oe24: Kommen wir zum ORF. Da hat der Fall Weißmann den ORF in einer der tiefsten Krisen, wenn nicht sogar die tiefste Krise gestürzt, in der er jemals war. Wie wollen Sie denn das Vertrauen in den ORF wiederherstellen?

PIG: Mein Bewerbungskonzept steht ja unter dem Titel „Ein ORF, dem Österreich vertraut“. Das Publikum muss dem ORF wieder vertrauen und da geht es nicht nur um die unabhängigen Nachrichtensendungen des ORF, sondern es geht vor allem um die Frage, was ist der Gegenwert für die Haushaltsabgabe, die wir alle zahlen. Diese Rechnung muss wieder stimmen. Der ORF benötigt an dieser Stelle ein völlig neues Dienstleistungsverständnis und das finde ich, ist vor allem über österreichisches Programm herzustellen. Vertrauen benötigt aber auch der österreichische Medienstandort, dass die privaten Medien sehen, dass die Stärke des ORF, die er tatsächlich in seinen Reichweiten und vielfältigen Kanälen hat, auch ihnen zugutekommt. Da plädiere ich für einen neuen Ordnungsrahmen, wo man als Spielfeld genau definiert, wie schaut diese Kooperation aus. Und der dritte Punkt ist, allen voran haben es sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ORF verdient, dass der ORF ein Ort ist, ein Schutzort ist, wo man nicht nur gerne hinarbeiten geht, sondern auch vertrauen kann, dass nichts passiert. Eine Null-Toleranz-Politik gegenüber derartigen Verhaltensweisen, insbesondere von Führungskräften, das ist ein absolutes No-Go und da ist sofort damit einzustellen, derartige Verhaltensweisen. Da werde ich auch etwas emotional, weil das hat sich niemand verdient, der für ein Unternehmen arbeitet, ganz egal, ob privat oder öffentlich-rechtlich.

Oe24: Was viele Menschen auch aufregt, sind die hohen Gagen im ORF und auch die Luxuspensionen. Werden Sie da auch reinfahren?

PIG: Also, man muss festhalten, für gute Leistung soll man auch entlohnt werden. Klar ist aber auch, dass der ORF vor finanziellen Herausforderungen steht. Die sind wirklich groß und da muss man in alle Bereiche schauen. Insbesondere benötigt ein öffentlich-rechtliches Medienhaus eine absolut transparente und nachvollziehbare Gehaltspyramide.

Oe24: Wegen des Wegfalls des Vorsteuerabzugs fehlen dem ORF künftig rund 90 Millionen Euro. Wo wollen Sie die einsparen?

PIG: Für mich bedeutet Einsparen immer, auch den Gürtel enger zu schnallen. Wir mussten Bereiche zusammenlegen, Effizienzen heben, Sachkosten einsparen und das ist ganz bestimmt der erste Schritt. Bevor man ins Personal mit Einsparungen geht, finde ich, muss immer auch auf Ebene der Führungskräfte, auf Ebene der größeren Strukturen genau geschaut werden.

Oe24: Wie sollte der ORF künftig finanziert werden?

PIG: Also, beim Thema Haushaltsabgabe sehe ich tatsächlich die dringende Notwendigkeit, dass der ORF in seiner ganzen Art und Weise, auch wie er mit dem Publikum kommuniziert, welche Angebote er liefert, da wesentlich mehr dazu beitragen muss, dass man gern als Zielsetzung diese Haushaltsabgabe zahlt. Möglicherweise hätte es strategisch die Möglichkeit gegeben, auch die privaten Medien in ein Gesamtdemokratieabgabenmodell hereinzuholen. Das ist nicht passiert. Im Moment ist die Haushaltsabgabe das Modell für die zukünftige Finanzierung des ORF. Das ist die Ausgangsbasis, mit der muss man arbeiten. Sie wird nicht valorisiert und jetzt heißt die Antwort darauf, Vertrauen schaffen und Gegenwerte herstellen, die auch die emotionale Bindung deutlich erhöhen, dass man weiß, warum zahlt man für etwas.  

Das ganze Interview von Niki Fellner mit Clemens Pig sehen Sie ab 21 Uhr auf oe24.TV.