Politik-Insider

ORF: Totzauer kandidiert für Chefposten

19.05.2026

ORF-Magazin-Chefin Lisa Totzauer hat ihr Team informiert: "Ich kandidiere"

Zur Vollversion des Artikels
© APA/HERBERT NEUBAUER
Zur Vollversion des Artikels

Eigentlich galt APA-CEO Clemens Pig bereits „gesetzt“ als neuer ORF-Generaldirektor, da sich ÖVP-Kanzler Christian Stocker und die SPÖ bereits auf ihn verständigt habe - so die Erzählung aus ÖVP- und SPÖ-Kreisen.

Aber: In Teilen der ÖVP findet man die Pig-Lösung „gar nicht gut“ und versuchte dagegen zu wettern. Jetzt bringt ORF-Magazin-Chefin Lisa Totzauer neue Dynamik in die ORF-Generalswahl am 11. Juni.

Am Dienstag verkündete sie ihren Mitarbeitern schließlich, dass sie „kandidieren werde“, weil sie „den ORF liebt““. Totzauer hatte sich bereits 2021 beworben und unterlag gegen Roland Weißmann.

Wie berichtet, dürfte sich noch ein ehemaliger Warner-Brother-Manager, Johannes Larcher, bewerben. Auch der ehemalige Puls4-CEO Markus Breitenecker soll gerade seine Chancen ausloten.

Haupt-Favorit bleibt freilich Pig, auch „wenn die Türkisen ihn offenbar zum aufgeben bringen wollen“, so ein ORF-Insider. Krone-Hit-Chef Philipp König, der als Lieblings-Kandidat des türkisen Lagers gelte, habe zwar bereits abgesagt, manch ein ORF-Insider schließt aber nicht aus, ob er „nicht in letzter Sekunde doch kandidieren“ werde.

Tauziehen. Die FPÖ scheint sich gegen Pig zu positionieren, während die SPÖ einen Deal mit der ÖVP hat – sie konnte den Stiftungsratsvorsitzenden Lederer nominieren, dafür entscheidet die ÖVP wer ORF-Chef werde – sich hinter den Kulissen pakttreu gebe.

Dabei dürften die Roten auch am ehesten eine Präferenz für Pig haben. „Wir könnten aber auch keinen anderen verhindern“, sagt ein Roter.

Das schreibt Totzauer an ihre Belegschaft 

Liebe PD1,

ich habe Euch ja versprochen, dass ich Euch sagen werde, wenn ich mich entschieden habe, ob ich mich als Generaldirektorin bewerbe. Ich habe Euch heute in einer Sitzung bereits davon erzählt, und schreibe Euch nun auch, damit alle informiert sind.

Ich habe mich entschieden. Ich bewerbe mich.

Mir ist es wichtig, Euch zu schreiben, warum:

Ich arbeite seit 30 Jahren im ORF. Seit zwei Monaten sind wir ununterbrochen damit konfrontiert, was in unserem Unternehmen nicht stimmt. Führungskräfte, die ihre Macht missbrauchen, Belästigung, Interventionen, Fehlverhalten, das lange gedeckt wurde. Alles beschämend, alles schockierend. Und gleichzeitig muss man auch sagen: Einiges davon ist manchen von uns nicht neu, wenn auch nicht klar war, welche Dimension das Ganze hat. Viele wünschen sich schon lange, dass sich im ORF endlich etwas ändert. Dass konsequent gehandelt wird, wenn Menschen sich hier fehlverhalten. Dass wir die moralischen Standards, die wir öffentlich hochhalten, selber einhalten. Dass wir mit den Geldern, die uns anvertraut werden, gut umgehen. Dass das Geld im Programm landet und nicht teilweise in ineffizienten Strukturen versickert. Mir geht es wie vielen von Euch. Mich macht das auch wütend, und ehrlich gesagt auch traurig, dass wir hinter unserem Potential zurückbleiben. Dass sich nichts bewegt. Ich wünsche mir einen ORF, auf den die Bevölkerung wieder stolz sein kann. Und Ihr. Und ich.

Es ist jetzt auch kein Geheimnis, dass ich das schon vor fünf Jahren versucht habe. Ich wollte den ORF damals schon reformieren. Einige Probleme, die wir heute haben, die waren vor fünf Jahren schon da. Deshalb habe ich sehr ernsthaft überlegt: Soll ich es jetzt wirklich noch einmal probieren? Ich habe mit mir gerungen, und mich gefragt, ob eine Person, die wirklich grundlegend reformieren will, am Ende überhaupt durchkommt. Die Antwort, zu der ich gekommen bin: Ja. Aber nur, wenn man es wirklich will. Und ich will es. Ich kann hier nicht sitzen und resignieren und sagen: Es ist so, es bleibt halt so. Und bitte macht Ihr das auch nicht.

Wir können dieses Haus reformieren. Wir sind nicht machtlos. Es kann einen ORF geben, in dem das Programm an erster Stelle steht, wo wir mit relevanten Inhalten über die unterschiedlichsten Ausspielwege alle erreichen, wo sich Frauen und Männer sicher und wertgeschätzt fühlen. Wir müssen uns dafür aber ändern. Ich weiß, wo unsere Stärken liegen, und ich weiß, wo wir besser werden müssen.

Und deswegen bewerbe ich mich. Ich will jetzt Verantwortung übernehmen. Nicht, obwohl es schwer wird, sondern gerade deswegen. Die Herausforderungen, die auf die neue Geschäftsführung zukommen werden, sind groß. Diese Verantwortung muss man wirklich übernehmen wollen. Den ORF muss man wirklich lieben, weil es ein Kraftakt werden wird.

Ich wollte Euch informieren, bevor ich meine nächsten Schritte setze, und ich möchte Euch zum Abschluss noch sagen, dass ich unglaublich stolz auf Euch bin. Auf alle, die täglich ihr Bestes geben, um ein gutes Programm für die Bevölkerung zu machen. Und weil Ihr Euch nicht beirren und beeinflussen lasst. Ihr seid mir eine große Freude. Und ich bin stolz auf meine Sendungsverantwortlichen, die mutig, respektvoll und unabhängig führen.

Ich möchte mich bei jedem einzelnen Menschen bedanken, der mich in den vergangenen Wochen bestärkt hat, diesen Weg zu gehen. Diese Unterstützung bedeutet mir viel. Sie gibt mir Kraft.

Wie immer gilt: Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Eure Lisa