Präsident im "ÖSTERREICH"-Interview:

Van der Bellen: ''Wahl ist keine gmahde Wiesn''

© APA/GEORG HOCHMUTH
Van der Bellen tritt erneut bei der Hofburgwahl an. Das große Sonntagsinterview.
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ÖSTERREICH: Manche sind enttäuscht, dass Sie nicht schärfer gegen Kurz agiert hatten. Warum waren Sie da zurückhaltend?

Alexander Van der Bellen: Ich finde nicht, dass ich das war. Aber ich gebe zu, was dem einen schon zu viel ist, ist dem anderen zu wenig. Es jedem recht machen – von Sebastian Kurz bis zu einem überzeugten Linken – ist natürlich schwierig. Rückblickend kann man immer sagen, in dem oder jenem Punkt hätte ich mich schon zu Wort melden können. Aber insgesamt hatte ich das richtige Maß gewählt. Ich glaube, ich konnte in den verschiedensten Situationen zeigen, dass ein neutraler, sachkundiger und besonnener Mensch am Werk ist.

ÖSTERREICH: Die FPÖ spricht Ihnen diese Neutralität ab. Warum hatten Sie bei Ibiza „So sind wir nicht“ gesagt, aber nicht bei VP-Chats?

Van der Bellen: Viele haben das Ibiza-Video schon vergessen, aber da wurde offen für Korruption geworben. Die Chats zeigen ein Sittenbild, das nicht zur Nachahmung einlädt. Aber im Ibiza-Film ging es um die Beseitigung von Pressefreiheit, um nur ein Beispiel zu nennen.

ÖSTERREICH: Was erwarten Sie für einen Wahlkampf? FPÖ-Chef Kickl schimpft Sie ja schon „Systemkandidat“.

Van der Bellen: Ich kann mit solchen Schlagwörtern wenig anfangen. Ich habe versucht, mein Amt neutral und fair ­gegenüber allen zu gestalten. Wenn er meint, das sei „System“ – dann muss er das selbst erklären. Ich warte ab, wer wirklich FPÖ-Kandidat wird.

ÖSTERREICH: Österreich hatte enge Beziehungen zu Putin. Sie hatten nach der Annexion der Krim Verständnis für ihn. Naivität oder Verdrängung?

Van der Bellen: Rückblickend ist eine Beurteilung natürlich einfacher. Österreich und Russland hatten über viele Jahrzehnte sehr gute Wirtschafts- und diplomatische Beziehungen. Aber was die meisten Beobachter und auch ich unterschätzt hatten, war dieses Selbstgefühl Putins, dass die Ukraine zum russischen Imperium gehöre. Ja, ich habe mich da geirrt.

ÖSTERREICH: Als langjähriger Grüner waren Sie für ein früheres Aus für Gas, trotzdem ist Österreich eines der abhängigsten EU-Länder. Warum?

Van der Bellen: Ich frage umgekehrt: Wenn Sie Vorstand eines Unternehmens wären und Sie mehr als 50 Jahre einen Vertragspartner gehabt hätten, der immer alle Verträge eingehalten hätte, hätten Sie sich dann nach alternativen Lieferanten umgeschaut? Ich würde sagen Nein – auch, wenn es richtig gewesen wäre, worauf ich übrigens auch immer hingewiesen habe.

ÖSTERREICH: Es gab ja genügend Biografen von Putin und Experten, die warnten. Außenministerin Baerbock etwa hatte rechtzeitig vor dieser Abhängigkeit gewarnt.

Van der Bellen: Da hat sie recht gehabt (lächelt). Ich meinte nur, ich kann nachvollziehen, warum so gehandelt wurde. Aber im Nachhinein muss man klar zugeben, dass wir in Österreich die Situation unterschätzt haben. Jetzt hat man den Scherbenhaufen.

ÖSTERREICH: Sie sind klarer Verfechter der Neutralität. Aber warum lässt man nicht einmal eine Debatte zu?

Van der Bellen: Ich lehne eine Debatte nicht ab. Ich sage nur, wie ich es sehe. Unsere Neutralität hat den Abzug der Besatzungstruppen ermöglicht – und so konnten wir seit 1955 in Freiheit leben. Die Neutralität hat sich stark bewährt. Was wir brauchen, ist eine Landesverteidigung, die wir ernster nehmen.

ÖSTERREICH: Macht Ihnen die Arbeit in der Hofburg den auch Spaß?

Van der Bellen: Es ist ein Amt, das einem manchmal Sorgen, aber oft auch viel Freude be­reitet. Und mit wachsender Erfahrung wächst auch die Lust. Es ist nicht langweilig, es ist wichtig und macht Sinn!

ÖSTERREICH: Was würden/werden Sie in Ihrer zweiten Amtszeit anders machen?

Van der Bellen: Man lernt ständig dazu. Ich würde wohl etwas selbstbewusster und ­weniger vorsichtig sein, was öffentliche Stellungnahmen angeht. Ich werde mich erinnern, was aus meiner Sicht in der ersten Amtszeit gut gegangen ist: Unabhängigkeit, Ruhe, Gelassenheit, konzentriertes Arbeiten. Man lernt ständig ­etwas Neues dazu, und die Erfahrung, die man gewinnt, ist wichtig und gut. Aber ich bleibe – in jeglicher Hinsicht (lacht) – natürlich der Alte.

ÖSTERREICH: Ist Ihr ausge­gebenes Wahlziel, im ersten Wahlgang zu gewinnen?

Van der Bellen: Das wäre schön, aber ich sage: Mehrheit ist Mehrheit. Ich werde mich über jede Stimme freuen, die ich bekomme. Und eines ist klar: Diese Wahl ist keine gmahde Wiesn, wie manche meinen. Es kommt darauf an, dass man hingeht.