Karten neu gemischt

F1 startet in neue Ära: Wer hat am besten gepokert?

04.03.2026

Die Karten sind völlig neu gemischt. Die neue Formel-1-Saison verspricht angesichts der größten Regelrevolution in diesem Jahrtausend Spannung. 

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In den ersten Rennen ist aber auch mit ungewöhnlichen, teils chaotischen Zuständen zu rechnen. Teams und Fahrer müssen sich an neue Gegebenheiten, allen voran die große Bedeutung des Aufladens der Batterie, herantasten. Einen klaren Favoriten gibt es vor dem Auftakt am Sonntag (5.00 Uhr MEZ/live ServusTV und Sky) in Melbourne nicht.

Die Topteams haben sich allerdings in Stellung gebracht. Nach der bisher letzten großen Regelreform 2014 gab jahrelang Mercedes den Ton an. Der Werksrennstall gilt mit George Russell als erster Anwärter auf die WM-Krone, spielte seine Erfolgsaussichten aber herunter. "Die Fahrer sind zufrieden mit dem Auto", sagte Teamchef Toto Wolff. "Wir sollten Teil der Gruppe sein, die vorne mitkämpfen kann." Zu dieser sind auch Ferrari, Red Bull und Titelverteidiger McLaren zu zählen.

Innerhalb dieser "üblichen Verdächtigen" seien Ferrari und Mercedes einen Schritt vorne, meinte McLaren-Teamchef Andrea Stella. Die Entwicklungsgeschwindigkeit sei ein entscheidender Faktor. "Um eine Fußball-Metapher zu bedienen: Im ersten Teil der Saison werden wir ein bisschen defensiv spielen und versuchen, im Konter erfolgreich zu sein." Weltmeister Lando Norris geht nach dem Erreichen seines Lebensziels ohnehin gelöst in die neue Saison. "Ich muss mich nicht mehr selbst infrage stellen", betonte der 26-jährige Engländer.

Viele Herausforderungen

Vierfach-Champion Max Verstappen hat mit seiner Kritik am Fahrverhalten der neuen Boliden ("Wie Formel E auf Steroiden") für Aufsehen gesorgt, darf sich aber Hoffnungen auf die Rückkehr auf den WM-Thron machen. Die in Zusammenarbeit mit Ford erstmals von Red Bull selbst hergestellten Triebwerke scheinen zu funktionieren. "Die Herausforderung dieses Reglements ist massiv", sagte Teamchef Laurent Mekies. "Aber wir versuchen Lösungen zu finden, von denen wir das Gefühl haben, dass sie so noch nicht auf dem Tisch waren."

Viele Teams äußerten nach den Testfahrten in Bahrain Sorgen über das Startverhalten. Das sogenannte "Turboloch" scheint Ferrari am besten gestopft zu haben. Lewis Hamilton und Charles Leclerc könnten von Raketenstarts profitieren. Die erste Grauzone im neuen Reglement wurde bereits ausgebügelt. Die Konkurrenz hatte Mercedes vorgeworfen, durch Wärmeausdehnung in Betrieb ein höheres Verdichtungsverhältnis im Verbrennungsmotor zu erreichen (18:1 statt der erlaubten 16:1). Ab Juni wird nun auch bei Betriebstemperatur nachgemessen.

Ein X-Faktor bleibt das Energiemanagement - insbesondere auf Hochgeschwindigkeitskursen. 470 PS, fast die Hälfte der Gesamtleistung, kommen ab sofort aus dem elektrischen Antriebssystem. Die Batterie ist aber enden wollend, die kinetische Energie wird bei Bremsvorgängen gewonnen. Fahrer könnten daher dazu angehalten sein, vor Kurven früher vom Gas zu gehen oder zu bremsen. Inwieweit das alles der Show zuträglich ist, darüber wird es im Albert Park in Melbourne erste Aufschlüsse geben.

Gute Zahlen und neue Gesichter

Grundsätzlich boomt die Formel 1. Der Umsatz der Rennserie stieg, getrieben vom mittlerweile gut erschlossenen US-Markt, im Vorjahr um 14 Prozent auf 3,873 Mrd. Dollar (3,31 Mrd. Euro). Auch der Gewinn nach Abschreibungen erreichte mit 632 Mio. Dollar (540 Mio. Euro) einen Rekordwert. Mit den Regeländerungen sollen nicht nur gesellschaftliche Erwartungen in puncto Nachhaltigkeit erfüllt werden. Die Königsklasse machte sich auch für neue Hersteller interessant, die sich neben Imagegewinn einen Know-how-Transfer in die Serienproduktion versprechen. So übernahm etwa Audi das Traditionsteam Sauber und fertigt eigene Antriebsstränge.

Erstmals seit 2016 stehen wieder elf Teams und damit 22 Piloten am Start. Für den neuen US-Rennstall Cadillac - die General-Motors-Tochter tritt vorerst mit Ferrari-Motoren an - kehren mit Sergio Perez und Valtteri Bottas zwei frühere Vizeweltmeister in die Formel 1 zurück. Einziges gänzlich neues Gesicht im Fahrerfeld ist Arvid Lindblad. Der 18-jährige Brite mit schwedisch-indischen Wurzeln fährt nach Isack Hadjars Beförderung zu Verstappens Teamkollegen an der Seite von Liam Lawson für Red Bulls Zweitteam Racing Bulls.

Neu ist ein Grand Prix am 13. September auf einem semipermanenten Kurs am Stadtrand von Madrid. Dafür fiel das Traditionsrennen in Imola aus dem wie im Vorjahr 24 WM-Läufe umfassenden Kalender. Offen scheint angesichts der Eskalation im Nahen Osten, ob die Rennen in Bahrain (12. April) und Saudi-Arabien (19. April) planmäßig stattfinden können. Um das wichtigste Personal trotz der gesperrten Flughafen-Drehkreuze in Doha, Dubai und Abu Dhabi rechtzeitig nach Melbourne zu bringen, organisierte die Formel 1 kurzfristig Charterflüge.