Aktivismus für eine tierversuchsfreie Zukunft
27.04.2026
Freitag, 24. April 2026 - Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche. Weltweit machen Menschen auf ein grausames System aufmerksam. Was ist passiert rund um den Tag zur Abschaffung der Tierversuche?
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Vorbildlich zeigt sich Großbritannien und plant den Ausstieg aus bestimmten Tierversuchen. Bis Ende 2026 sollen Tests zu Haut- und Augenreizungen beendet werden. Bis 2030 soll der Einsatz von Hunden und Primaten um mindestens 35 % gesenkt werden. Geplant sind zudem Fortbildungsprogramme, um tierversuchsfreie Methoden besser zu verankern. Um Innovation zu beschleunigen, stellt der Staat umgerechnet über 68 Mio. Euro bereit, ergänzt durch zusätzliche 18 Mio. Euro aus Forschungsförderprogrammen. So sollen Tierversuche Schritt für Schritt durch Alternativen ersetzt werden. Möglich ist das, da Großbritannien aus der EU ausgetreten und somit nicht mehr an EU-Verordnungen gebunden ist.
So gut die Neuigkeiten auch klingen, gibt es gleichzeitig entsetzende Nachrichten aus Großbritannien. Neue Aufnahmen aus einem britischen Tierversuchslabor erschüttern Menschen international.
Schreiende Affen, denen gewaltsam ein Schlauch in den Magen gesteckt wird, Kaninchen in körperengen Plastikkästen, Mini-Schweine mit Löchern in der Rückenhaut, Beagle-Hunde, die verzweifelt versuchen, sich eine Inhalationsmaske vom Gesicht zu reißen – die aktuellen Bilder aus zwei britischen Laboren zeigen erneut das unfassbare Leid von Tieren im Versuch. Ein Arbeiter hatte die Aufnahmen heimlich bei seiner täglichen Arbeit gemacht und an Tierschutzorganisationen gegeben.
In einem Artikel in der britischen Tageszeitung Daily Mail heißt es, die Schreie und das Wimmern der Tiere verfolgten ihn und am liebsten hätte er gekündigt, aber er wollte der Öffentlichkeit ein Fenster in diese versteckte Welt ermöglichen, damit sich etwas ändert. Er sagte, allen Mitarbeitern taten die Tiere leid, aber sie konnten nichts tun, um das Leid zu lindern.
Die Aufnahmen zeigen sich in einem Primatenstuhl windende Langschwanzmakaken, die eine am Kopf angeschnallte Atemmaske aufhaben, ebenso Beagle, die sich verzweifelt gegen die Maske wehren. Ratten und Kaninchen werden zum Einatmen von Testsubstanzen in enge Plastikröhren gesteckt, in denen sie vollkommen bewegungsunfähig sind. Ein in einer Art Hängematte fixiertes Schwein schreit, als ihm ein großflächiger Verband abgenommen wird. Auf seinem Rücken sind 8 große viereckige Hautausstanzungen zu sehen, in die eine Testsubstanz gespritzt wird. Getestet wurden unter anderem Abnehmspritzen, Kopfschmerztabletten, Cholesterinsenker, Antibiotika und Antidrepressiva.
Tierversuche wie die gefilmten sind immer noch Standard für neue Medikamente und Chemikalien vor der Marktzulassung – obwohl es Alternativen gäbe. Umso wichtiger ist es, dass Großbritannien den Ausstieg aus Tierversuchen vorantreibt.
Wir blicken auf Österreich:
Der Verein gegen Tierfabriken hat versucht, mehr Transparenz über Tierversuche in Österreich zu schaffen und Informationen über durchgeführte Tests zu erlangen. Allen neun Bundesländern hat der Verein eine Anfrage zu Details über Tierversuche gestellt. Diese wurden einheitlich mit demselben Ablehnungsschreiben beantwortet. Es wurde lediglich auf die bestehende Statistik verwiesen, in der wesentliche Informationen fehlen. Es wird etwa nicht bekannt gegeben, in welchen Bundesländern, Bezirken und Einrichtungen welche Tierversuche beantragt und welche abgelehnt oder genehmigt werden. Die Lage ist also unklar.
Die oberste zuständige Behörde für Tierversuche ist der Bundesminister Christoph Wiederkehr. Als Minister für Bildung und Forschung fällt auch die Forschung an Tieren in seinen Bereich. Diese Angelegenheit tritt in der Praxis jedoch weit in den Hintergrund. Damit eine schrittweise Reduktion von Tierversuchen in Österreich möglich ist, braucht es zum einen wesentlich mehr Investition in alternative Forschung. Der Anteil der Mittel für Forschung und Entwicklung allgemein lag im Jahr 2024 bei mehr als 16 Milliarden Euro, wobei der Großteil von Unternehmen finanziert wird, rund 30% davon wird vom Staat finanziert. Wie viel davon in die Forschung tierversuchsfreier Alternativen fällt, ist fraglich. Schätzungen zufolge handelt es sich dabei um nur ca 1% des gesamten Forschungsbudgets.
Des Weiteren braucht es gesetzliche Änderungen auf EU-Ebene. Die Chemikalien-Verordnung der EU verpflichtet nämlich Unternehmen, gewisse Tests durchzuführen, um Produkte am Markt anbieten zu dürfen. Alle Unternehmen, die Produkte mit bestimmten Chemikalien herstellen, müssen diese gegebenenfalls an Tieren testen, ob sie wollen oder nicht. Das zeigt auch ein Fall aus der Vergangenheit: Das Unternehmen Symrise AG stellte Inhaltsstoffe her, die unter anderem in Kosmetikprodukten verwendet werden. Das Unternehmen wehrte sich gegen eine Anordnung, bestimmte Stoffe an Tieren zu testen und argumentierte, dass in der EU ein Verbot von Tierversuchen für Kosmetik gälte und solche Tests daher nicht verlangt werden dürften. Der Fall ging bis zum EuGh, der entschied, dass die Chemikalien-Verordnung in diesem Fall Vorrang hat. Das Unternehmen musste also die Stoffe an Tieren testen.
Die Tierschutzorganisation Peta Deutschland, war in diesem Fall inkludiert und setzt sich bis heute stetig für eine Reduktion von Tierversuchen in der EU ein –mit Erfolgen. Denn dank der EU-Bürgerinitiative aus der Vergangenheit wird eine der damals gestellten Forderungen in absehbarer Zeit umgesetzt. Gefordert wurde ein Ausstiegsplan aus Tierversuchen auf EU-Ebene. Diesen Ausstiegsplan soll von der EU in den nächsten Wochen vorlegen werden.
In Deutschland schlug auch vor wenigen Wochen bereits ein Tierversuchsfall Wellen. 270 Beagle aus den USA landeten in Deutschland und waren am Weg ins Tierversuchslabor. Gigantische Unternehmen in den USA züchten Tiere, die weltweit in Tierversuchslabors enden. So auch diese 270 Hunde, deren Weg ins deutsche Tierversuchslabor führte.
Die Aufmerksamkeit wird immer mehr auf diese Zuchtunternehmen gelenkt. Seit vielen Jahren wird auch das Unternehmen Ridglan Farms stark kritisiert und 2025 endlich offizielle Untersuchungen eingeleitet.
Tausende Hunde werden in diesem Unternehmen für Tierversuchslabore in ganz Amerika gezüchtet – unter grausamen Bedingungen. Schwere Vorwürfe stehen im Raum und führten bereits vor Jahren zu heftigen Protesten und Tierrettungen, die um die Welt gingen.
Die Hintergründe zu diesem Fall: Tierrechtsaktivist Wayne Hsiung organisierte in den letzten Jahren mehrere dieser Tierrettungen aus Zucht- und Versuchsanlagen. Er startete auch die Protest- und Rettungsaktionen bei Ridglan Farms.
2018 wurde er strafrechtlich verfolgt, wobei ihm bis zu 16 Jahre Haft drohten. Doch kurz vor dem Start des Verfahrens gegen ihn wurde die Anklage zur Gänze zurückgezogen mit der Begründung, Aktivist:innen hätten Drohungen gegen Ridglan Farms ausgesprochen. Ob das tatsächlich die Begründung war, bezweifeln involvierte Personen. Anscheinend wollte das Zuchtunternehmen Medienberichte vermeiden.
Für Wayne Hsiung war das aber erst der Start. Weitere Rettungsaktionen und Proteste machten die gravierenden Missstände medial.
Dann 2025 der Erfolg: Um strafrechtliche Konsequenzen zu vermeiden, verpflichtet sich Ridglan Farms, die Zucht und den Verkauf von Hunden für Tierversuche bis Juli 2026 einzustellen. Derzeit befinden sich jedoch immer noch rund 2.000 Beagles in der Anlage.
Gleichzeitig werden immer mehr Details über die Haltungsbedingungen bekannt. In der Dokumentation „Born on death row - Geboren im Todestrakt“ berichten Aktivist:innen und ehemalige Mitarbeiter:innen ihre Beobachtungen: Hunde mit verletzten Pfoten, geröteten und geschwollenen Augen, Misshandlung, winzige Drahtkäfige die gerade groß genug sind, um sich umzudrehen. Viele Hunde leiden unter Reizarmut, wackeln mit dem Kopf und laufen verzweifelt hin und her – Keine Beschäftigung, kein Tageslicht, kein Spielen, einfach nichts. Ein Hund rannte ganze zwei Stunden lang durchgehend im Kreis. Die psychische Belastung der Tiere ist massiv.
Ihre Schilderungen lassen die Situation vor wenigen Wochen eskaliert. Aktivist:innen dringen erstmals wieder in die Anlage ein und tragen etwa 30 Hunde aus den Käfigen. Ein Teil der Tiere wird später von Behörden wieder zurückgebracht. Die Aktion sorgt international für Aufruhr
Vergangene Woche folgte die bislang größte Eskalation: Am 18. April versammelten sich rund 1.000 Aktivisten vor der Anlage mit dem Ziel, bis zu 2.000 Hunde zu befreien. Die Situation geriet außer Kontrolle. Die Polizei reagierte mit Tränengas und Gummigeschossen. Es kam zu zahlreichen Festnahmen und verletzten Aktivist:innen. Die Aufnahmen der Protest- und Rettungsaktion zeigt, wie sehr dieses Leid Menschen trifft.
Gegen Ridglan Farm wurden insgesamt 311 Verstöße festgestellt. Dazu gehören laut Gerichtsunterlagen und Inspektionsberichten Operationen an Hunden ohne ausreichende Betäubung und teils durch unlizenzierte Personen, die Haltung in extrem kleinen Metallkäfigen ohne Zugang zu Tageslicht oder Auslauf sowie Drahtböden, die zu chronischen Verletzungen, Infektionen und Bewegungsproblemen führten.
Darüber hinaus berichten Quellen von weiteren, teils nicht angeklagten Praktiken wie dem Durchtrennen der Stimmbänder ohne echte Narkose, um Bellen zu verhindern. Die Hunde sollen zudem unter massiven psychischen Belastungen durch dauerhafte Isolation und Reizarmut leiden. Das Unternehmen selbst weist diese Vorwürfe zurück und betont, alle gesetzlichen Standards einzuhalten sowie zur medizinischen Forschung beizutragen.
Der Vergleich aus dem Jahr 2025 bedeutet zwar einen Fortschritt, bringt jedoch gleichzeitig ein Problem mit sich: Bis zum Stichtag im Juli 2026 können die Hunde weiterhin verkauft oder für Forschung genutzt werden. Der öffentliche Druck bleibt enorm. Weltweit verfolgen Menschen den Einsatz der Hunde-Retter:innen, die teils ihr Leben riskieren.
Damit wird Ridglan Farms im Jahr 2026 zu einem Symbolfall – für den Konflikt zwischen legaler Forschung und wachsendem Widerstand gegen Tierversuche. Die Zukunft der verbliebenen Hunde ist derzeit noch ungewiss – deshalb dauern Proteste weiter an. Menschen weltweit zeigen sich betroffen und wollen an Rettungsaktionen teilnehmen.
Die baldige Schließung von Ridglan Farms ist ein enormer Erfolg.
Damit auch andere gigantische Zuchtunternehmen aus Amerika gestoppt werden können, braucht es in der EU Alternativen zu Tierversuchen. Denn auch ohne Ridglan Farms werden immer noch zahlreiche Tiere aus Zuchtfarmen in die EU verkauft, um hier in Laboren zu enden.
Blicken wir zurück auf Österreich
Tierschutz Austria setzt anlässlich des internationalen Tags gegen Tierversuche ein Zeichen und rettet 41 Laborratten aus Versuchseinrichtungen. Die ersten 19 Tiere sind bereits aus Oberösterreich im Tierschutzhaus Vösendorf angekommen, die restlichen folgen in den kommenden Wochen. Damit leben aktuell über 100 ehemalige Laborratten bei Tierschutz Austria – alle mit der Chance auf ein neues Zuhause.
Die Vermittlung von Tieren aus Versuchslaboren in private Haushalte gewinnt zunehmend an Bedeutung. Auch Ratten können zutrauliche, intelligente und soziale Haustiere sein, wenn man ihnen die Chance gibt. „Viele Menschen wissen gar nicht, wie neugierig und verspielt Ratten sind. Wer ihnen Zeit gibt, bekommt unglaublich viel zurück“, so Stephan Scheidl aus dem Tierschutzhaus Vösendorf.
Unsere Tiere – Das große oe24.TV-Tierschutzmagazin von Sonntag, 12.04.2026, hier in voller Länge sehen. Nächste Ausgabe Unsere Tiere: 19.04.2026, 18:30 Uhr
Besonders scharf kritisiert Tierschutz Austria den Einsatz von Tierversuchen in der Kosmetikindustrie – etwa bei der Produktion von Botox. Trotz vorhandener Alternativmethoden werden weiterhin Tiere getestet. Die Nachfrage nach Botox-Produkten steigt seit Jahren. Jede Produktionseinheit muss aufgrund der hohen Toxizität geprüft werden – ein Prozess, bei dem noch immer zahlreiche Tiere eingesetzt und getötet werden.
Zum Aktionstag ruft die Organisation außerdem zur Unterstützung einer Petition auf: Keine Tierversuche für Botox. Einige Tausend Menschen haben bereits unterschrieben auf www.tierschutz-austria.at
Was kannst du tun, um Tierversuche zu reduzieren?
Achte beim Kauf von Kosmetikprodukten und Reinigungsmittel auf das Peta-Approved-Label. So kannst du Tierversuche reduzieren.
Vermeide Botox-Injektionen, da auch hierfür Tierversuche durchgeführt werden.
Mit einer Spende kannst du Organisationen wie Peta unterstützen. Sie setzen sich für gesetzliche Änderungen auf EU-Ebene ein und schaffen so Schritt für Schritt einen Umstieg zu tierfreundlichen Methoden.