Wolfsdebatte: Abschuss oder Schutz?
21.04.202614 österreichische Natur- und Tierschutzorganisationen haben sich in einem offenen Brief an politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie an die Medien gewandt.
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Ihr Ziel: eine sachliche und wissenschaftsbasierte Debatte über den Wolf, also Wolf, in Österreich. Der zentrale Appell lautet: Der Umgang mit dem Wolf muss sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und an europarechtlichen Vorgaben orientieren – und nicht an politischen Schnellentscheidungen. Im offenen Brief wird deutlich gemacht, dass sich der Wolf in Österreich derzeit nicht in einem günstigen Erhaltungszustand befindet. Laut aktuellem Artikel-17-Bericht für den Zeitraum 2019 bis 2024 wird die Population mit „ungünstig-unzureichend“ bewertet. Aktuell gibt es lediglich acht Rudel, und die Population zeigt keinen stabilen Wachstumstrend.
Trotzdem wurden seit dem Jahr 2022 insgesamt 58 Abschüsse behördlich genehmigt.
Gleichzeitig wurden in mehreren Bundesländern die Kriterien für den Abschuss von Wölfen schrittweise gelockert, sodass vom ursprünglichen Schutz kaum noch etwas übrig ist.
Ein zentraler Punkt im offenen Brief: EU-Recht ist verbindlich.
Michaela Lehner, Leiterin der Stabstelle Recht bei Tierschutz Austria, betont, dass Abschüsse von Wölfen nur unter sehr strengen Voraussetzungen zulässig sind. Solange kein günstiger Erhaltungszustand erreicht ist, verbietet das europäische Recht grundsätzlich jede Form der Tötung. Um diesen Zustand zu erreichen, wären in Österreich deutlich größere Populationen notwendig. Schätzungen zufolge bräuchte es etwa 100 Rudel im Alpenraum sowie zusätzlich rund 16 Rudel im Wald- und Mühlviertel. Außerdem muss der Erhaltungszustand auf lokaler, nationaler und biogeografischer Ebene bewertet werden – und durch ein Monitoring abgesichert sein, das den Vorgaben der FFH-Richtlinie entspricht.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht gibt es deutliche Kritik an der aktuellen Praxis. Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal sagt, dass die Politik mit dem Abschuss von Wölfen ein falsches Bild vermittle. Die Vorstellung, man könne das Problem dadurch lösen, lasse Landwirtinnen und Landwirte letztlich im Stich. Für ein möglichst konfliktarmes Zusammenleben brauche es stabile Rudel – kombiniert mit wirksamem Herdenschutz. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen klar: Abschüsse sind kein geeignetes Mittel, um Nutztierrisse nachhaltig zu reduzieren. Im Gegenteil – die Zerstörung stabiler Rudel kann Konflikte sogar verschärfen.
Auch die ökologische Bedeutung des Wolfs wird im offenen Brief betont.
Die Umweltbiologin Andrea Hagn kritisiert die niedrige Schwelle, ab der Risiko- oder Schadwölfe eingestuft werden – und anschließend getötet werden dürfen. Das widerspreche dem europäischen Artenschutzrecht, grundlegenden Prinzipien der Wildtierethik und auch wissenschaftlichen Standards.
Wichtig sei außerdem: Menschen gehören nicht in das Beuteschema des Wolfs. In Siedlungsnähe sollte daher vor allem das Verhalten der Tiere bewertet werden – und nicht allein ihre Nähe zu menschlichen Behausungen. Bei Nutztieren müsse entscheidend sein, ob ein sachgerechter Herdenschutz vorhanden ist und überwunden wurde.
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Als sogenannte Schlüsselart erfüllt der Wolf wichtige Funktionen im Ökosystem. Er fördert die Biodiversität und kann langfristig auch positive Effekte für die Land- und Forstwirtschaft haben.
Die unterzeichnenden Organisationen formulieren deshalb klare Forderungen:
Sie verlangen eine konsequente Orientierung an wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Einhaltung des europäischen Naturschutzrechts, eine stärkere Förderung von wirksamem Herdenschutz sowie eine sachliche und differenzierte Berichterstattung.
Gleichzeitig warnen sie davor, den Wolf zum Sündenbock für strukturelle Probleme in der Landwirtschaft zu machen. Eine evidenzbasierte Debatte sei entscheidend, um Konflikte zu reduzieren und langfristig tragfähige Lösungen für Mensch und Natur zu finden.