Flüchtlingsboot gekentert

Bis zu 250 Tote vor Lampedusa

06.04.2011


Unter den Opfern befinden sich viele Kinder.

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© EPA / Ettore Ferrari
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Die Leichen mehrerer Kinder sind von den Rettungsmannschaften geborgen worden, nachdem ein Boot mit mindestens 200 Migranten an Bord in der Nacht auf Mittwoch 39 Seemeilen von der Insel Lampedusa entfernt in Seenot geraten und gekentert ist. "Es war schrecklich, überall sah man Leichen herumschwimmen, darunter auch jene vieler Kinder", berichtete ein Sprecher der italienischen Küstenwache. Drei Personen konnten von einem Fischerboot in Sicherheit gebracht werden, damit ist die Zahl der Überlebenden auf 51 gestiegen.

Auch Hochschwangere Frau aus den Fluten gerettet

Das 13 Meter lange Boot war nach Angaben italienischer Medien von Zuwarah in Libyen abgefahren. An Bord befanden sich mehrheitlich Flüchtlinge aus Eritrea und Somalia. Die Überlebenden wurden nach Lampedusa gebracht und dort behandelt. Zu ihnen zählt auch eine hochschwangere Frau. Die Überlebenden wurden unterkühlt und schwer geschockt von Helfern versorgt. Motorschiffe und Flugzeuge der italienischen Küstenwache setzten die Suche nach Überlebenden fort. "Wir haben noch Hoffnungen, einige Schiffsbrüchige lebend zu finden", sagte ein Sprecher der Küstenwache.

Gerüchte über noch mehr Opfer
Mindestens 150 Personen gelten als noch vermisst, doch um die Zahl der Verschollenen herrscht Ungewissheit. Einige Zeugen berichteten, dass 370 Menschen im Boot saßen. Die unterkühlten Flüchtlinge wurden auf Lampedusa gebracht und dort behandelt. Zu ihnen zählt auch eine hochschwangere Frau. Die Überlebende sollen am Donnerstag mit einer Luftbrücke nach Apulien geflogen werden, wo sie in ein Auffanglager untergebracht werden. Derzeit befinden sich noch 1.447 Migranten auf Lampedusa.

Flüchtlingswelle reißt nicht ab
Inzwischen reißt die Flüchtlingswelle nach Lampedusa nicht ab. In der Nacht auf Mittwoch trafen 354 Migranten auf Lampedusa ein, die mehrheitlich aus Tunesien, Eritrea, Ghana und Somalia stammen. Derzeit befinden sich noch 2000 Migranten auf der Insel, berichteten die Behörden. Seit dem Sturz von Tunesiens Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali im Jänner sind mehr als 22.000 Migranten mit Fischerbooten auf der 5000-Einwohner-Insel angekommen. Lampedusa liegt rund 130 Kilometer von Tunesiens Küste entfernt.

Riskante Reise für 400 Dollar
400 Dollar musste jeder Flüchtling für die Horror-Fahrt in die Festung Europa zahlen. "Das Boot ist umgekippt und die meisten sind ins Wasser gestürzt. Auch meine Freundin. Viele Kinder und Frauen sind verunglückt. Ich hoffte auf ein Leben in Italien, jetzt habe ich alles verloren", berichtete der 49-jährige Kameruner Peter Hugo.

Italien vereinbart Flüchtlings-Rückführung mit Tunesien
Italien hat inzwischen mit Tunesien ein Abkommen zur Rückführung der tunesischen Flüchtlinge geschlossen. Damit soll die Flüchtlingswelle nach Lampedusa gestoppt werden. Außerdem wurde über gemeinsame Patrouillierungsaktionen an den tunesischen Küsten beraten, die mit der logistischen Unterstützung der italienischen Küstenwache erfolgen sollen. Italien bot auch finanzielle Hilfe an, damit Tunesien seine Küsten wirksam kontrollieren könne.

© Reuters

Italiens Premier Berlusconi mit dem tunesischen Interimspräsidenten Mbazaa - (c) Reuters

Befristete Schengen-Aufenthaltsgenehmigung für Tausende Tunesier

Zugleich überprüft die Regierung Berlusconi Lösungen für die rund 22.000 Tunesier, die in den letzten Wochen in Italien eingetroffen sind. Diplomatisches Personal aus Tunesien soll in Italien mit den Auffanglagern zusammenarbeiten. Eine Zwangsrückführung schloss Innenminister Roberto Maroni aus. Die italienische Regierung will den Migranten eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung gewähren. Damit sollen Tunesier, die sich Angehörigen in anderen EU-Ländern anschließen wollen, im Rahmen des Schengen-Raums weiterreisen können. Ein dementsprechendes Dekret soll von der Regierung Berlusconi noch am heutigen Mittwoch verabschiedet werden.

Herbe Kritik vom Flüchtlingsrat
Die Flüchtlingstragödie löste Bestürzung in Rom aus. Der Italienische Flüchtlingsrat (CIR) warf der internationalen Gemeinschaft vor, nichts unternommen zu haben, um eine der gravierendsten Flüchtlingstragödien der letzten Jahre zu verhindern. "Wie ist es möglich, dass man in einem von internationalen Flotten patrouillierten Meer eine derartige Tragödie nicht verhindern konnte? Warum sind Schiffe nicht rechtzeitig zu Hilfe geeilt?", fragte CIR-Präsident Savino Pezzotta.

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