Leben im All

Ex-NASA-Chef: Das braucht es für die Suche nach Aliens

15.04.2026

Von der Erkundung des Mondes bis zur Suche nach Leben im All - für den Ex-NASA-Chef Thomas Zurbuchen geht es darum, dass die Wissenschaft hier als globale Community funktioniert.  

Zur Vollversion des Artikels
© gettyimages
Zur Vollversion des Artikels

Weltraum-Missionen sind aber nicht vor Geopolitik gefeit. "Das Wettrennen in der Forschung ist eine Projektion der geopolitischen Spannung auf die Wissenschaft", sagte der heute an der ETH Zürich tätige Astrophysiker vor Journalisten anlässlich eines Vortrages an der ÖAW.

"Tatsache ist, dass Space heute ein Ort ist, wo Krieg geführt wird", so der Forscher mit Schweizer und US-amerikanischer Staatsbürgerschaft. Der Weltraum spielt bei Kriegen wie dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine eine Rolle. Aber auch im übertragenen Sinne gibt es zwischen großen Raumfahrtnationen ein Kräftemessen. Es sei etwa nur eine Frage der Zeit, wann China - mit Blick auf aktuelle Entwicklungen - die USA überhole. "Diese Spannung im Weltraum zerteilt die Wissenschaft auf eine Art und Weise, die ich ehrlich schlimmer finde als während des Kalten Krieges." Seine Hoffnung sei, "dass wir wieder den Weg zueinander finden", so Zurbuchen.

Nachweis von Leben in der Ferne gesucht

Das könne sich vielleicht gerade über die notwendige Zusammenarbeit bei der Suche nach Leben im All erfüllen lassen, so der Professor für Weltraumwissenschaften und -technologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und Leiter der Initiative ETH Zürich Space. Am Dienstagabend hielt er an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien einen Vortrag, bei dem er über aktuelle Ansätze, zu Bio- wie auch Techno-Signaturen ferner Welten zu gelangen, sprach.

Von 2016 bis 2022 war Zurbuchen Leiter der Wissenschaftsabteilung der NASA und damit verantwortlich für weit über 100 Missionen mit mehr als 30 Raketenstarts. Auch der Start des James-Webb-Weltraumteleskops fällt in seine Ära. Es gilt heute als ein wichtiges, scharfes Auge, um Exo-Planeten zu finden und zu untersuchen. "Wir sehen heute ungewöhnliche Planeten, die wir beobachten können." Das Webb-Teleskop sei aber gar nicht mit Konzentration auf Exoplaneten gebaut worden, sondern um alte Galaxien zu erkunden, erinnerte Zurbuchen. Bisher wurden etwa 6.000 Exoplaneten, also Planeten, die um andere Sterne kreisen, entdeckt.

Um die Suche nach Atmosphären - als eine angenommene Voraussetzung für Leben - bzw. auch die Analyse von Bio-Signaturen - als potenzielle Bausteine für Leben - zu verbessern, benötige es aber wohl noch ein Teleskop, das "zehn bis 15 Mal besser, stabiler" als das Webb-Teleskop sei und "wirklich das Sonnenlicht ausblenden lässt". Gleichzeitig brauche es auch eine Weiterentwicklung der Modelle: "Ich habe das Gefühl, dass sich die ganze Atmosphärenphysik von Exoplaneten unglaublich entwickeln wird, getriggert von den Daten." Zugleich gehe es um die Suche nach Technosignaturen, also Signaturen von "intelligenten Zivilisationen".

Fokus auf Mond sinnvoll

Als NASA-Chef setzte Zurbuchen u.a. auch auf die Suche nach fossilem Leben auf dem Mars. Unter ihm erfolgte auch ein Missionsstart zum Roten Planeten, im Rahmen dessen der Mars-Rover "Perseverance" dorthin gelangte. Die NASA-Mond-Missionen und der jüngste Erfolg von "Artemis 2", dem bemannten Flug um den Erdtrabanten, scheint derzeit wieder die meiste Aufmerksamkeit auf den Mond zu lenken. Ja, meint Zurbuchen, das sei sinnvoll. Als passionierter Skifahrer zieht er den Vergleich: Die Erkundung von Mond und Mars sei beides "irgendwie Skifahren", aber doch anders - viel gefährlicher. Und man müsse wirklich geübt sein: "Und ehrlich gesagt, bevor man mit dem Helikopter auf dem Berg abgesetzt wird, sollte man auf dem Bügellift ein wenig probieren, bis man das kann."

Seine Sorge sei nur, "dass es uns auf dem Mond wohl wird". Bei der "Space Station" (Internationalen Raumstation, ISS, Anm.) gebe es viel Positives, was man über die vergangenen drei Dekaden sagen könne, etwa zu internationaler Kooperation, Tausenden von Experimenten etc. "Tatsache ist, wissenschaftlich oder technologisch ist in den letzten zehn Jahren unglaublich wenig aus der Space Station herausgekommen." Er hoffe, dass man den Mond erfolgreich erkunden würde, dort viel lerne und dann auch weitergehe.

Der im Jahr 1968 geborene Experte habe "das Vorrecht" gehabt, damals im Raum zu sein, als Artemis als Programm erfunden wurde. Als Zeitzeuge des jüngsten Erfolgs meinte er: "Ich bin einer der ältesten Menschen, die keine Erinnerung ans Apollo-Programm haben. Und zum ersten Mal habe ich Menschen in der Nähe des Mondes gesehen. Und was mich begeistert hat, ist eben die internationale Resonanz von dem, dass wir etwas zusammen tun können."

Europa - "Ihr müsst stärker sein"

Anfang April stellte Trump seinen Haushaltsantrag für das Jahr 2027 vor, der erneut auch für die NASA massive Kürzungen vorsieht. Bereits vorhergehende avisierte Reduktionen wurden aber vom US-Kongress nicht in dem drastischen Ausmaß abgenommen. Auch diesmal zeigt sich Zurbuchen zuversichtlich, dass alles nicht so kommt wie angedroht. Doch es passiere eben auch viel Schaden über die Ungewissheit - auch mit Blick auf die in den USA tätigen Forschenden.

Europa rät der Experte, bei Ausgaben für Raumfahrt nachzulegen. Hier habe Josef Aschbacher, Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, ja schon erfolgreich den Etat im Zuge der jüngsten Ministerkonferenz etwas nach oben treiben können. Als er aus den USA in die Schweiz zurückgekehrt sei, habe er europäischen Kollegen gesagt: "Ihr müsst stärker sein." Amerika respektiere stärkere Kollegen mehr als schwächere.

Bei Erdbeobachtungssatelliten sei Europa führend: "Copernicus ist das beste System." Bei der Raketenentwicklung und -bau funktioniere es noch nicht so. "Die Frage ist: Wie wichtig ist es, dass Europa Raketen hat? Dort ist Europa wahrscheinlich fast 15 Jahre hintendran jetzt." Hier könnte und sollte man aus seiner Sicht noch gehörig nachlegen. Denn: "Die Welt ist besser, insbesondere im Space, mit einem starken Europa, weil sonst am Tisch niemand steht, wo Entscheidungen getroffen werden mit den Werten von Europa."

Master in "Space Systems"

ÖAW-Präsident Heinz Faßmann hatte zuvor auf Ausbildungslehrgänge für Astrophysik in Österreich verwiesen: Es gebe zwei Universitäten, in Wien und Graz, die dies anbieten. Das Institut für Weltraumforschung (IWF) der ÖAW sei hingegen eine zentrale Einrichtung, "um sich aktiv an Weltraummissionen zu beteiligen". Es sei damals, Ende der 1970er Jahre, eine "kluge Entscheidung der damaligen Bundesregierung" gewesen, über die Gründung des IWF in Graz die Kräfte zu bündeln.

Apropos Nachwuchsförderung: Auf Zurbuchens Initiative wurde an der ETH Zürich mit dem Wintersemester 2024 ein Master-Studiengang in "Space Systems" gestartet. "Wir haben mit 30 angefangen, sind jetzt so bei 50." Bei etwa 100 Personen würde man wohl aufhören und kompetitiver werden. Die Nachfrage sei sehr gut - und jüngst auch sehr stark aus den USA gegeben.

Erstens wolle man die jungen Leute so ausbilden, dass sie auch in die Industrie "springen können" und ihnen das technologische Verständnis in puncto Raketen und Satelliten mitgeben. Zweitens gehe es um das Verständnis für die datengetriebene Exploration. Hinzu kämen ein Fokus auf Innovation sowie Nachhaltigkeit, etwa in Bezug auf Raketendesign. "Das sind die Dinge, die wir zusammenbringen: Also es macht wirklich Spaß!"