Härte gegen Chaoten

Die Gesichter der Schlacht um London

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Unterdessen haben die Unruhen ein viertes Opfer gefordert.
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Die Krawalle in Großbritannien haben erneut ein Todesopfer gefordert. Ein 68 Jahre alter Mann starb kurz vor Mitternacht an seinen bei den Unruhen in London erlittenen Verletzungen. Wie Scotland Yard nach Medienberichten in der Nacht zum Freitag mitteilte, seien Mordermittlungen eingeleitet worden. Der 68-Jährige sei am Montag im Londoner Stadtteil Ealing attackiert worden, als er ein Feuer löschen wollte. Der Mann hatte schwere Kopfverletzungen erlitten.

Die Gesichter der Schlacht um London
Die mutmaßlichen Täter unterscheiden sich optisch nicht von den anderen Chaoten: Sie sind jung, tragen Sportswear und verbergen ihre weißen oder farbigen Gesichter unter Schals und Kapuzen. Es ist die Herkunft, die sie aus der kriminellen Masse hervorstechen lässt. Sogar „Wohlstandsbriten“ haben sich im Dunkel der Nacht den Plünderern angeschlossen. Söhne und Töchter aus gutem Haus, mit Job, Wohnung, Versicherung. Ihre Motivation: Spaß am Chaos, Lust am Kriminellen, Abwechslung zum biederen Alltag.

  • Die Millionärstochter
    Die 19-jährige Laura Johnson ist eine von ihnen. Aufgewachsen in einem Millionen-Anwesen mit Securitys und Tennisplatz im vornehmen Kent, die Eltern erfolgreiche Marktforscher, Ausbildung in der Privatschule. Montagnacht aber folgte der dramatische Bruch in ihrer Biografie: Die Polizei erwischte Laura in Charlton, Südostlondon, als sie mit Komplizen im Auto nach der Einbruchstour flüchtete. Die Bobbys fanden in ihrem Wagen gestohlene TV-Geräte, Blu-ray-Player, Handys, Zigaretten und Alkohol. Warenwert: Mehr als 5.300 Euro!
  • Der Aushilfslehrer
    Auf der Suche nach dem Gewalt-Kick zogen Hunderte moralisch verwahrloste „Wohlstandsbürger“ durch Englands Nächte – Friseure, Postler, Büroangestellte. Mit im Mob: Alex Bailey, 31, Lehrer: „Es passt gar nicht zu ihm, das ist nicht seine Art. Eine Mutter kann sich keinen besseren Sohn wünschen“, sagt seine verzweifelte Mutter. Der Pädagoge, der selbst Problemkids betreut, war von der Polizei erwischt worden, als er ein Elektronikgeschäft plünderte.
  • Der Briefträger
    Auch Briefträger Jeffrey Ebanks (32) ist in Haft: Gemeinsam mit seinem Neffen stahl er zwei Laptops und einen Blackberry aus einem zerstörten Shop.
  • Der 11-Jährige
    Ein großer Teil der wütenden Plünderer waren Kinder. Die Bilder eines elfjährigen Buben, den seine Mutter vom Gericht abholte, gingen um die Welt. Der Schüler räumte einen Supermarkt aus. Teilweise wurden die Kids sogar von ihren Eltern zum Plündern geschickt.

Volle Härte
1.330 Krawallmacher wurden bisher verhaftet, der Schaden, den die Vandalen angerichtet haben, beträgt gigantische 200 Millionen Pfund. Zumindest Donnerstagnacht blieb es weitgehend ruhig. Allein in London sichern 16.000 Polizisten mit Knüppeln, Schildern und Hunden die Straßen vor der Meute.

Zusätzlich greift Premier David Cameron endlich hart durch: Er will die Chaoten aus Sozialwohnungen werfen, schließt inzwischen auch den Einsatz der Armee nicht mehr aus, sollte es wieder zu Krawallen kommen: „Wer plündert, muss mit der ganzen Härte des Gesetzes rechnen.“

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21:57 Uhr: In Birmignham werden heute Nacht 1.000 Polizisten unterwegs sein.

21:02 Uhr: Aus Manchster gibt es die ersten Urteile gegen verhaftete Randalierer: Ein Mann muss 10 Wochen ins Gefängnis.

20:03 Uhr: französische Innenministerium hat Vermutungen zurückgewiesen, es werde wegen der Unruhen in Großbritannien zur Unterstützung Polizeikräfte ins Nachbarland schicken.

19:37 Uhr: Im Fall der drei während der Krawalle von einem Auto überfahrenen Männer hat die Polizei drei Tatverdächtige festgenommen, darunter einen 16-Jährigen.

18:58 Uhr: Cameron hält den Einsatz von Soldaten im Kampf gegen Gewalt auf den Straßen Englands nicht für das richtige Mittel. Es sei zwar seine Pflicht, Möglichkeiten zu prüfen, wie die Armee die Polizei entlasten könne. Dies werde er auch tun. Er selber sei jedoch nicht dafür.

Zugang zu Internetdiensten wie Twitter und Facebook verwehrt werden kann.

17:44 Uhr: Eine Website der Regierung, die extra wegen der Randale eingeerichtet wurde, ist unter dem Ansturm zusammengebrochen.

16:59 Uhr: Das Fußball-Spiel zwischen Tottenham und Everton wurde wegen der Randale abgesagt.

16:28 Uhr: Ein 17-jähriges Mädchen hat sich der Polizei gestellt. Offenbar plagte sie nach ihrer Teilnahme an den Plünderungen das schlechte Gewissen.

Premierminister David Cameron hat die Gemeinden dazu aufgerufen, Straftäter wenn nötig aus Sozialwohnungen herauszuwerfen.

15:34 Uhr: Das 11-jährige Mädchen, das wegen Sachbeschädigung im Zuge der Unruhen angeklagt war, wurde heute zu einem 9-monatigen Besserungskurs (Youth Offender Panel) verurteilt. Sie muss nun in Begleitung eines speziell ausgebildeten Mediators, den Eltern und den Geschädigten an Mediationssitzungen teilnehmen und ihr Verbrechen aufarbeiten. Sie hatte am Dienstag die Schaufenster mehrerer Geschäfte eingeschlagen.

15:24 Uhr: Die britische Polizei soll in Zukunft mehr Entscheidungsspielraum bekommen. So soll Polizisten künftig erlaubt werden, vermummte Gewalttäter zu zwingen, ihre Gesichtsmasken abzunehmen, erklärte der Premierminister. "Wir müssen ein Jahr vor den Olympischen Spielen zeigen, dass Großbritannien nicht zerstört, sondern aufbaut."

15:16 Uhr: Cameron bedankte sich bei den Polizisten, räumte aber auch Fehler ein. Zu Beginn der Krawalle seien "viel zu wenige" Sicherheitsbeamte im Einsatz gewesen, gab er zu. Auch die "Taktik" habe anfangs "nicht funktioniert". Man habe die "kriminelle" Komponente nicht erkannt und deshalb die Einsatzkräfte zurückgehalten - aber "viel zu lange", so Cameron.

15:02 Uhr: Die nunmehr 16.000 Polizisten in Londons Straßen sollen auch am Wochenende bleiben. Cameron hält aber an den schon vor den Krawallen angekündigten Einsparungen im Polizeisektor fest. Gleichzeitig kündigte er an, dass all jene, die durch die Krawalle Schäden erlitten haben, durch ein entsprechendes Maßnahmenpaket entschädigt werden sollen.

14:50 Uhr: Cameron wird gefragt, ob er sich vorstellen könnte, die Londoner Polizei in zwei separate Abteilungen aufzuteilen - eine um London sicher zu halten und eine um nationaler Bedrohungen, wie Terrorismus entgegenzuwirken. Der Premier antwortet, dass es zum jetztigen Zeitpunkt, ein Jahr vor den Olympischen Spielen, falsch wäre solch drastische Änderungen im Polizeiapparat durchzusetzen.

14:31 Uhr: Seit über zwei Stunden beantwortet Premierminister David Cameron nun schon die Fragen der Öffentlichkeit.

mit Stöcken und Ziegelsteinen auf Polizisten


06:45 Uhr:
Im Londoner Stadtteil Eltham haben aufgebrachte Bürger die Polizei angegriffen. Die Polizisten waren gegen etwa 200 Rechtsradikale vorgegangen, die auf der Straße randaliert hatten. Mitglieder einer selbsternannten Bürgerwehr griffen dann die Polizei an, um ihrem Unmut über die Ausschreitungen der vergangenen Tage Luft zu machen.

Lesen Sie mehr über die Hintergründe der Randale auf Seite 2 >>>

Hauptstadt als „Festung“
Zumindest London hat die Staatsgewalt nach vier Chaosnächten wieder „rückerobert“: Inzwischen riegeln 16.000 Polizisten die Hauptstadt ab, um weitere Brandstiftungen zu verhindern. Und sie scheinen weitgehend Erfolg zu haben.

Aber: Während es in ­London zum Großteil ruhig blieb, entlud sich die Wut der Jugend in anderen Großstädten. In der Nacht auf Mittwoch zog der Plünderer-Mob durch Manchester, Liverpool, Nottingham, Birmingham, Gloucester und Bristol. Mit einem Aufstand gegen Jugendarbeitslosigkeit und Notstand haben die Randale nichts zu tun. Es geht um Spaß am Chaos – eine Kriegserklärung an den Staat durch die „Riot-Kids“.

Drei Männer getötet
In Birmingham eskalierte die Lage völlig. Drei Männer zwischen 20 und 31 Jahren wurden getötet. Sie wollten ihre Geschäfte vor den anstürmenden Chaoten schützen, als sie ein Lenker mit dem Auto eiskalt niederfuhr. Zugleich zündeten Chaoten im ganzen Land reihen­weise Autos an, zertrümmerten Scheibenfenster und räumten Geschäfte leer. In Nottingham griff eine Jugendgang eine Polizeistation mit Feuerwerkskörpern an. Die Gewalt machte nicht einmal mehr vor Prominenten halt: Der Starkoch Jamie Oliver und auch Ex-Oasis-Frontmann Liam Gallagher wurden Opfer.

1.300 Festnahmen
„Nur mit massivem Polizeieinsatz sind die Krawalle noch zu beenden“, meint der österreichische Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier (siehe Interview). 1.300 Randalierer sind bisher verhaftet worden. Dennoch trauen die Briten ihrer Staatsgewalt nicht mehr – inzwischen formieren sich überall im Land erste Bürgerwehren.

Erste Verurteilungen
Die ersten Plünderer wurden Mittwoch verurteilt – zwei Männer erhielten 10 bzw. 16 Wochen Haft. Ein 11-Jähriger musste sich als bisher jüngster Angeklagter vor dem Gericht verantworten – er hatte bei Randalen einen Mistkübel im Wert von 50 Pfund gestohlen…

Experte: „Das ist das Ergebnis der britischen Politik“

ÖSTERREICH: Die Ausschreitungen in Großbritannien halten ganz Europa in Atem. Hat Sie deren Heftigkeit überrascht?
Bernhard Heinzlmaier: Überrascht? Nein, das nicht gerade. Was jetzt passiert, ist das Ergebnis einer britischen Politik, die sich in den letzten zehn bis 15 Jahren verstärkt an Amerika orientiert hat. Es geht um einen Rückbau des Sozialstaates, um eine Leistungsideologie, die eine riesige Gruppe von Hoffnungslosen produziert, die dahinvegetieren.

ÖSTERREICH: Und diese Menschen wehren sich nun?

Heinzlmaier: Ja, sie fühlen sich nicht mehr zu dieser Gesellschaft dazugehörig. Es geht um das völlige Ignorieren von Normen und Werten, deshalb nehmen sie sich auch das Recht ­heraus, jedes Geschäft zu plündern, jede Person niederzuhauen oder jedes ­Auto zu zerstören.

ÖSTERREICH: Wie ist diese Gewaltspirale denn zu beenden?
Heinzlmaier: Ich sehe kaum Chancen, das auf friedliche Weise zu schaffen. Man muss die Gettos bewachen und das wird nur mit Polizeigewalt klappen.

ÖSTERREICH: Wie hoch ist die Gefahr, dass Ähnliches auch in Österreich passiert?
Heinzlmaier: In Österreich halte ich solche Ausschreitungen nicht für denkbar. Bei uns kümmert man sich mehr um soziale Randlagen, investiert viel in soziale Brennpunkte. In Großbritannien gibt es eine abgehobene Elite, die eigene wirtschaftliche Ziele verfolgt. Diese Ausschreitungen sind kein Zufall.
(mud)