Spiel mit dem Feuer

Nach Damm-Sprengung: Expertin warnt vor "sehr fatalen Folgen" für AKW

08.06.2023

Astrid Sahm spricht von einem "Spiel mit dem Feuer".  

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© Ukrainian Presidential Office/AP
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Astrid Sahm, Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, spricht von weitreichenden Folgen für die Umwelt durch die Zerstörung des Kachowka-Staudamms in der Ukraine. Die betroffenen Gebiete, sowie Fauna und Flora, seien durch die Wassermassen massiv in Mitleidenschaft gezogen worden, so Sahm gegenüber der APA. Weiters weist sie auf ein steigendes Risiko für Infektionskrankheiten hin und warnt vor einer prekären Situation für das AKW Saporischschja.

Durch die Zerstörung des Staudamms wurden weitflächig Gebiete überschwemmt, was auch zu einem höherem Risiko für Infektionskrankheiten führe. Stark betroffen sei auch die Landwirtschaft. Durch gewaltige Wassermassen wurde fast die gesamte Ernte der Region zerstört, sagt Sahm. Die Situation für das Atomkraftwerk Saporischschja sei derzeit nicht akut, werde aber immer prekärer, warnt die Expertin. Das tatsächliche Ausmaß der Folgen ist derzeit noch schwer einschätzbar.

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Das AKW Saporischschja  ist das größte Europas

Die Kühlsysteme des AKW sind auf den Stausee angewiesen. Noch kann dafür auf Wasserreservoire in der Nähe zurückgegriffen werden. Astrid Sahm spricht von einem "Spiel mit dem Feuer". Zu der ohnehin schon angespannten Situation, Versorgungsproblemen und dem Vorhandensein von nur einer funktionierenden Stromleitung zum Kraftwerk kommen jetzt noch Kühlwasserprobleme dazu. Es sei nicht auszuschließen, dass es zu "sehr fatalen Folgen" beim seit September abgeschalteten Kernkraftwerk kommen könnte, so Sahm.

Längerfristig gesehen werde der Staudammbruch die Wasserversorgung der Südukraine drastisch verändern. Die Landwirtschaft in den betroffenen Gebieten sei sehr wasserintensiv, mit Weinanbau, Reisanbau und Ähnlichem, betont Sahm. Durch das Abfließen des Stausees könnte der Nord-Krim-Kanal austrocknen. Wird der Kanal nicht mehr mit Wasser gespeist, werde es Trockenheit auf der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim geben.

Die Osteuropa- und Umweltpolitik-Expertin weist darauf hin, dass im Ukraine-Krieg "Umweltprobleme sehr bewusst in Kauf genommen werden". Das zeige sich etwa in der starken Verminung von Naturschutzgebieten. Die Zerstörung des Staudammes sei ein weiterer Punkt, der aber in der "Größenordnung herausragt". Das ukrainische Umweltministerium schätzt den Schaden für die Umwelt durch den Krieg auf 441 Milliarden US-Dollar (412,81 Mrd. Euro). Insgesamt zähle man bisher über 2.400 kriegsbedingte Umweltverbrechen.

In welchem Zeitraum sich die Umwelt wieder erholt, ist noch nicht einschätzbar. "Wir wissen nicht, wie lange der Krieg dauern wird", so Sahm. Sie weist darauf hin, dass Erholung "in der einen oder anderen Form" sicher möglich sei, da die Natur eine hohe Anpassungsfähigkeit habe. Es werde aber Jahrzehnte dauern, um die Schäden des Krieges und somit auch die Umweltschäden auszugleichen.
 

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