Klima-Warnung
Alarm am Südpol: Unerforschter Eis-Riese bedroht weltweite Küsten
Bislang stand bei den internationalen Polarforschern vor allem die Westantarktis im Brennpunkt der Sorge. Dort verliert der berüchtigte Thwaites-Gletscher – in Fachkreisen als "Weltuntergangsgletscher" bezeichnet – jedes Jahr rund 50 Milliarden Tonnen Eis, während dramatische Bruchspalten das Schelfeis zersetzen. Die deutlich größere, kältere und dickere Eiskappe der Ostantarktis galt in der Wissenschaft hingegen jahrzehntelang als unerschütterliches Schutzschild. Diese Einschätzung erweist sich nun als dramatischer Irrtum.
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Nancy Bertler vom Antarktis-Forschungszentrum der Victoria University of Wellington bringt den Paradigmenwechsel auf den Punkt: "Lange Zeit war die Eisschicht zweifellos anfälliger, und wir wussten, dass sie anfällig war. Als mein Team und ich unsere Karrieren begannen, hätte keiner von uns gedacht, dass die Ostantarktis – die so viel größer, so viel kälter und so viel dicker ist und in einer kühleren Atmosphäre liegt – noch zu unseren Lebzeiten betroffen sein würde."
Das Wilkes-Becken: Gefahr für weltweite Metropolen
Im Mittelpunkt der aktuellen Gefahrenanalyse steht das sogenannte Wilkes-Subglazialbecken. Obwohl die gesamte Ostantarktis rechnerisch sogar gefrorenes Wasser für einen Meeresspiegelanstieg von mehr als 50 Metern speichert, stuften Forscher weite Teile als sicher ein. Das Wilkes-Becken bildet jedoch ein enormes Sicherheitsrisiko, da sein Felsbett tief unter dem eigentlichen Meeresspiegel liegt.
Die zentralen Dimensionen der Bedrohung:
- Enormes Zerstörungspotenzial: Ein vollständiges Abschmelzen des Beckens würde den globalen Meeresspiegel um drei bis vier Meter nach oben treiben.
- Tief liegender Untergrund: Da der Meeresboden unter dem Eis absinkt, kann eindringendes Ozeanwasser den Gletscher von unten her aushöhlen.
- Gefährdete Infrastruktur: Küstenregionen in Australien, dem Pazifikraum und auf der gesamten Welt stünden vor unkontrollierbaren Fluten.
Letzter weißer Fleck trotzt moderner Forschung
Trotz dieser weltweiten Tragweite ist das Areal nahezu komplett unerforscht. Im Fachblatt "Nature Reviews Earth & Environment" fordert eine Allianz aus 14 Ländern nun eine sofortige, global koordinierte Rettungs- und Forschungskampagne. Geleitet wird der Vorstoß von Matt King, dem Chef des Australian Centre for Excellence in Antarctic Science an der University of Tasmania.
King bezeichnet das Wilkes-Subglazialbecken als den "wohl letzten unerforschten Ort in der Antarktis". Die extremen Umweltbedingungen machten reguläre Messungen bislang unmöglich:
- Unerreichbare Gletscher: Bislang schaffte es noch kein einziges Schiff, sich auf weniger als 150 Kilometer der Stirnseite des zentralen Cook-Gletschers zu nähern.
- Naturbarrieren: Meterdickes mehrjähriges Meereis und gigantische Tafeleisberge blockieren jede Durchfahrt für maritime Expeditionen.
- Völlige Datenleere: Es fehlen grundlegende Kartierungsdaten zum Meeresboden, zu Tiefenströmungen und zu den thermischen Bedingungen im Wasser.
Kettenreaktionen und versteckte Schmelzprozesse
Die Wissenschaftler warnen vor unumkehrbaren physikalischen Kipppunkten. Sobald wärmeres Tiefenwasser in die tiefen marinen Rinnen unter der Eisdecke vordringt, droht das Phänomen der marinen Eisschild-Instabilität (Marine Ice Sheet Instability, MISI). Dabei weicht die sogenannte Aufsetzlinie des Gletschers im Meeresbett immer rascher ins Landesinnere zurück. Mechanische Instabilitäten an riesigen Eiswänden können zudem fatale Abbrüche hervorrufen. Satellitendaten belegten bereits, dass dynamische Netzwerke subglazialer Seen unter dem Eis wie ein Rutschmittel wirken und das Gleiten gewaltiger Massen in den Ozean beschleunigen.
Geologische Bohrkerne beweisen zudem, dass das Wilkes-Becken in früheren Wärmeperioden der Erdgeschichte bereits massiv geschrumpft war. King mahnt eindringlich: "Die Erkenntnisse aus vergangenen Warmzeiten reichen aus, um Alarm zu schlagen, dass dies eine Region ist, die wir viel besser verstehen müssen, aber es ist schwer, einen noch lebenden Wissenschaftler zu finden, der dort gewesen ist."
Deshalb fordern die Wissenschaftler den raschen Einsatz einer Flotte moderner Eisbrecher und Tauchroboter für Tiefbohrungen bis zum Grundgestein. Co-Autorin Bertler stellt klar: "Wir können es uns nicht leisten, bis 2032 zu warten, um mit dieser Arbeit zu beginnen. Wir versuchen gerade wirklich, das zu verstehen, damit wir nicht davon überrascht werden." Nur durch rasche Aufklärung ließen sich globale Schutzmaßnahmen für bedrohte Küsten rechtzeitig umsetzen.