Journalistin und Autorin Annemarie Andre sorgte mit ihrem Debütroman Nacktschnecken, der im Oktober 2024 erschien, für Aufsehen in der Szene, wurde im Jahr darauf sogar für die Hotlist nominiert.
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Perspektive
Aus der Perspektive eines Kindes, Charlotte, schildert die Autorin darin ein Aufwachsen in prekären Verhältnissen: Das Geld ist mehr als knapp, der Vater weg und die Mutter nach einer Erkrankung stark beeinträchtigt. Idylle einer Kleinstadt? Fehlanzeige, hier herrscht die Beklemmung, innen wie außen, besonders wenn sich Charlotte mit Gleichaltrigen vergleicht, für die vieles normal ist, was es in ihrem Leben nicht gibt, materiell wie auch emotional.
Vom Vater verlassene Geschwister
Nun ist Andre mit einem neuen Roman zurück und wieder geht es um Kinder, auch wenn diese schon erwachsen sind. In Vaters Trophäen ist Charlotte fast 30 und wird ganz nebenbei vom Tod ihres Vaters informiert.
“"Der Vater hatte nicht nur sie, sondern sie alle verlassen."”
Annemarie Andre "Vaters Trophäen"
Ein komisches, aber vertrautes Gefühl, der Vater, ein Hallodri, war sowieso nie greifbar für sie, das unerwünschte Kind. Nach und nach erfährt Charlotte von weiteren, älteren Halbgeschwistern, nimmt zu ihnen Kontakt auf. Wie spürt sich das an, sind da Gefühle für diese Menschen, die Ähnlichkeiten teilen könnten? Charlottes spirituell angehauchte Halbschwester Sibylle weiß es auch nicht recht, findet allerdings Trost in dem Gedanken, nicht alleine mit dem Umstand zu sein: "Der Vater hatte nicht nur sie, sondern sie alle verlassen." Zur Testamentseröffnung treffen die fünf Geschwister, Vaters Trophäen, aufeinander; Charlotte, Sibylle, Helmut, Peter und Christa erleben dabei nicht nur eine Überraschung …
Sprache
Wenn man dieses Buch nüchtern beschreibt, wirkt der Inhalt schwer. Ja, die Themen sind ernst, unlustig, prägend für die Figuren, doch Andre schafft es, trotzdem eine Sprache zu finden, die nicht bedrückend ist, die das Innenleben der Protagonist:innen in seinen Facetten darstellt. Das macht den Roman zu einem unterhaltsamen Erlebnis, zu einer Fallstudie für Familiendynamiken, und nicht zuletzt sorgt der scharfe Blick der Autorin auf Details für Humor.
Packerl
Andre, die für die Arbeit an diesem Text zwei Arbeitsstipendien erhielt, ist ein großartiger Text über das Leben gelungen und was wir damit machen, wenn wir unser Packerl tragen und es längst an der Zeit ist, selbiges abzuwerfen.