Sigmund Freud und Woody Allen hätten wohl ihre helle Freude - oder vielleicht eher eine dunkle in diesem Falle - am saisonalen Auftakt zum Premierenreigen der Wiener Staatsoper: Hausdebütant Vasily Barkhatov spannt in einem Doppelabend die beiden Einakter "Eine florentinische Tragödie" von Alexander Zemlinsky und "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók zusammen zu einem psychoanalytischen Ehedrama. Ein Paar, doppelte Probleme.
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Am Ende setzte es zwar einige Buhs, aber auch viel Zustimmung für das Regieteam, während das überschaubare Ensemble einhellig bejubelt wurde. Schließlich hat der russische Regisseur - der noch im Vorjahr im legendären "Norma"-Inszenierungsduell zwischen der Staatsoper und dem Musiktheater an der Wien für letzteres den Sieg davontrug - Christopher Maltman als Simone und Florian Boesch als Herzog Blaubart zur Verfügung und für die beiden Frauenpartien der Bianca und der Judith seine Ex-Partnerin, den Publikumsliebling Asmik Grigorian. Wobei es sich an diesem Abend eigentlich nicht um zwei Partien handelt, lässt Barkhatov die beiden Werke doch zu einem verschmelzen.
Am Beginn steht Zemlinsky
Alles beginnt mit Zemlinskys 1917 uraufgeführter und bisher auch nur in diesem Jahr an der Staatsoper zu hörender "Florentinischer Tragödie". In dieser zeigt sich Zemlinsky deutlich am nur unwesentlich älteren Richard Strauss geschult. Und wie dessen "Salome" basiert das kurze Werk auf einem Oscar-Wilde-Stück, ist stilistisch allerdings weniger ekstatisch, fiebrig gehalten.
Den Kampf eines Ehemanns mit dem Liebhaber seiner Gattin im Florenz der Renaissance verlegt Barkhatov in das Setting des psychologischen Rollenspiels eines Therapeuten, um die erkaltete Beziehung seiner Klienten wieder aufleben zu lassen. Versuchsanordnung und Wirklichkeit verschwimmen, am Ende bringt der Gatte Simone den Therapeuten, der die Rolle des Liebhabers übernommen hat, um, was Gattin Bianca so erotisiert, dass sie sich sogleich ihrem Ehemann neben der Leiche hingibt, worüber der Vorhang zur Pause sein gnädiges Tuch breitet.
Hier wirkt also das alte Motto "Kill the Messenger", und wer mit einschlägiger Erfahrung hat nicht schon darüber sinniert, den eigenen Therapeuten umzubringen? Wenn's hilft. Das Paar bleibt dann auch dasselbe für den zweiten Teil des Abends, auch wenn still und heimlich Christopher Maltman durch Florian Boesch in der Partie des Herzog Blaubarts ersetzt wird.
Cooles Loft als kühle Burg
Das von Christian Schmidt gestaltete, hochästhetische, spielsinnige und coole Wohnloft, das anfangs als Boutique für Designermöbel dient, bleibt für die Burg Blaubarts dasselbe. My castle is my home, in diesem Fall. Und hier rückt die Gattin (Judith) nun dem verstockten Mann seelisch zu Leibe. Nach der eskalierten psychoanalytischen Sitzung gilt es nun, die letzten Winkel des Seelenlebens ans Tageslicht zu zerren, was in diesem Falle durchaus gut ausgeht. Anstelle der Isolation Blaubarts in der ewigen Nacht, steht das Ende hier für eine gemeinsame Zukunft in dieser Nacht.
Die Vereinigung der beiden von der Entstehungszeit (1917 und 1918) zwar nahen, stilistisch jedoch weit entfernten Werke - Bartóks Sublimierungen volksmusikalischer Elemente finden keinerlei Widerhall bei Zemlinsky - erweist sich in der gekonnten Personenführung und psychologischen Neudeutung als sinnhafte Kombination. Zwei symbolistische Werke werden hier geerdet, konkretisiert, ohne banalisiert zu werden. Und doppeltes Leid ist hier am Ende doppelte Freude.
Info
"Eine florentinische Tragödie/Herzog Blaubarts Burg" von Alexander Zemlinsky und Béla Bartók an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Musikalische Leitung: Alain Altinoglu, Inszenierung: Vasily Barkhatov, Bühne: Christian Schmidt, Kostüme: Stefanie Seitz, Licht: Alexander Sivaev, Video: Roland Horvath. "Florentinische Tragödie" mit Guido Bardi - Dmitry Golovnin, Simone - Christopher Maltman, Bianca - Asmik Grigorian, "Herzog Blaubarts Burg" mit Herzog Blaubart - Florian Boesch, Judith - Asmik Grigorian. Weitere Aufführungen am 6., 8., 10. und 12. Oktober.