Brit-Städte

Brit-Städte: Könige, Kelten, & Küsten

© Matthias Stelzmüller
Chester begeistert mit Tudorhäusern, römischer Geschichte und mittelalterlichen Arkaden – laut Goldenen Schnitt die schönste Stadt der Welt.
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Zu diesem Ergebnis kam unlängst die Immobilienplattform Online Mortgage Advisor und zwar mithilfe des Goldenen Schnitts, jener mathematischen Formel, die seit der Antike als Maßstab für natürliche Schönheit gilt. 83,7 Prozent ist jene Zahl, die Chester zur schönsten Stadt der Welt gemacht hat. Forscher des britischen Immobilienportals haben über 2.400 Gebäude in historischen Städten weltweit vermessen und deren Proportionen mit dem Goldenen Schnitt verglichen. Chester landete dabei knapp vor Venedig und London an der Spitze.

Zeitreise durch Englands Geschichte

Ob man dieser Methodik wirklich glauben möchte, ist jedem selbst überlassen; aber wer Chester zum ersten Mal besucht, versteht sofort, warum diese Schlagzeile um die Welt ging: Die Stadt ist eine einzige Zeitreise! Die römischen Stadtmauern umschließen ein Zentrum, das aus schwarzweißen Tudor-Fachwerkhäusern, eleganten georgianischen Fassaden und mittelalterlichen Arkadengängen besteht. Die sogenannten "The Rows" bilden dabei das wohl außergewöhnlichste Einkaufserlebnis Englands: Hier shoppt man in zweistöckig überdachten Galerien aus dem 14. Jahrhundert, die sich über die gesamte Innenstadt erstrecken. Dazu kommt die imposante Kathedrale, der älteste Pferderennkurs Großbritanniens sowie das größte römische Amphitheater auf der Insel. In Chester findet man vor und hinter jedem Gebäude ein bisschen Geschichte. Die Eastgate Clock ist übrigens die zweithäufigst fotografierte Uhr Englands nach dem Big Ben. Während man hier die Zeit abliest, fragt man sich beim Anblick der Kulisse, ob man tatsächlich im 21. Jahrhundert steht.

Gotische Pracht. Die Kathedrale von Chester zählt mit ihrer filigranen Sandsteinfassade zu den bedeutendsten Sakralbauten Nordenglands. © Getty Images

Manchester: Mehr als Fußball und Regen

Wer diese Region erkunden möchte, beginnt die Reise am besten in Manchester – rund 60 Autominuten von Chester entfernt und Heimat der mitunter berühmtesten Fußballclubs der Welt. United und City, Old Trafford und Etihad Stadium…hier scheiden sich seit Jahrzehnten die Fußball-Geister. Aber Manchester ist so viel mehr als ein Duell in roten und blauen Trikots. Einst war die Stadt ein Zentrum der industriellen Revolution – heute wird den ehemaligen Fabriksgebäuden neues Leben eingehaucht. In umfunktionierten Produktionshallen residieren trendige Boutique-Hotels, Kunstgalerien und Restaurants. Die Musikszene der Stadt hat der Welt Bands wie Oasis geschenkt. Unzählige Vintage-Plattenläden und Retro-Shops laden zum Stöbern ein, und die Kunstgalerien stehen jenen in London um nichts nach.

Manchesters kulinarische Vielfalt

Was man aufgrund der Vorurteile, die mit England assoziiert werden, nicht vermuten würde, ist die kulinarische Vielfalt Manchesters. Die Stadt ist ein Schmelztiegel an Geschmäckern, und der beste Weg, das zu erleben, ist eine Food Tour. Die "Scranchester – Eat the City"-Tour verbindet Sightseeing mit Gaumenfreuden auf ganz besondere Weise. Während man durch Stadtviertel schlendert und spannenden Geschichten lauscht, verkostet man eine Delikatesse nach der anderen. Höhepunkt unserer Tour war der Besuch einer der markanten Markthallen Manchesters. Neben fantastischen Tacos gab es traditionelle britische Pies, indische Streetfood-Gerichte und allerhand Frisches aus der Region.

Auf Skates von England nach Wales

Von Chester aus ist es nur ein Katzensprung nach Wales, einem der vier Landesteile Großbritanniens. Entlang des River Dee führt ein wunderschöner asphaltierter Geh- und Radweg vom Stadtzentrum Chesters direkt über die Grenze nach Wales, der idyllische Ausblicke auf den Fluss und die weite, grüne Landschaft rundherum bietet. Kein Autoverkehr, keine Hektik – nur die Natur, das leise Rauschen des Dee und ein Gefühl, die Welt einen Augenblick für sich zu haben. Ich bin diese Strecke natürlich auf meinen Inline Skates gefahren. Nach wenigen Kilometern taucht er auf: der Grenzstein, ein markantes Monument mit dem "Welcome to Wales" Schild, flankiert von Steinmarkierungen. Ein beliebtes Selfie-Motiv, versteht sich, für das auch ich angehalten habe. Es ist schon ein besonderes Gefühl, die Grenze zwischen Wales und England rollend zu überqueren.

AUF INLINE-SKATES überquert Redakteur Matthias Stelzmüller die Grenze von England nach Wales. © Matthias Stelzmüller

Chirk Castle: Mittelalter trifft englischer Rasen

Tief im Norden von Wales empfängt uns die beeindruckendste Burganlage der Region – Chirk Castle bei Wrexham. Sie entstand als Teil von Eduard I. Burgenbauprogramm, wird seit dem Mittelalter dauerhaft bewohnt und im 18. und 19. Jahrhundert zu einem Landsitz ausgebaut. Doch es ist nicht nur die Burg selbst, die beeindruckt. Es sind vor allem die Gärten, der perfekte und bis ins kleinste Detail gepflegte englische Rasen, gesäumt von Hecken, die zu Labyrinthgängen geschnitten wurden. Die Landschaft rundherum ist dabei mindestens genauso atemberaubend. Das sagenhafte Grün der walisischen Hügel, das man hier so intensiv erlebt wie sonst selten, kommt nicht von ungefähr, denn es regnet hier gerne und oft. Aber wenn dann die Sonne durch die Wolken bricht und der leichte Dunst wie ein Schleier über den Wiesen liegt, dann ist die Schönheit so ergreifend, das sie kurz innehalten lässt.

Jahrhunderte Überlebt. Hoch und majestätisch thront Chirk Castle über dem walisischen Hügelland. © Matthias stelzmüller

Portmeirion – Italiens Geist an der walisischen Küsten

Das ist ein Ort, der verwirrt und verzaubert zugleich. Das kleine Dorf an der Küste von Snowdonia sieht aus, als wäre ein Stück Portofino nach Wales versetzt worden. Genau das war die Absicht seines Schöpfers: Sir Bertram Clough Williams-Ellis baute dieses künstlich geschaffene mediterrane Dorf zwischen 1925 und 1975, angelehnt an die Architektur Italiens und der Mittelmeerküste. Pastellfarbene Fassaden, Türmchen, Piazzettas und üppige Gärten – Portmeirion hat ein ganz eigenes, surreales Flair, das einen nicht mehr loslässt. Ein Ort, der zu fantastisch wirkt, um wahr zu sein – und dennoch existiert. Kein Wunder, dass er als Kulisse für die legendäre britische Kultserie "The Prisoner" diente.

Portmeirion. Pastellfarbene Häuschen, üppige Gärten und mediterrane Leichtigkeit prägen das zauberhafte Dörfchen. © Matthias Stelzmüller
Caernarfon Castle ist Walisens stolzestes Erbe, eindrucksvoll und zeitlos zugleich. © Matthias Stelzmüller

Caernarfon – Weltkulturerbe und royale Geschichte

Das Caernarfon Castle ist eines jener Bauwerke, die einen sprachlos machen. Die mächtige Burgruine in Gwynedd gilt als herausragendes Beispiel europäischer Architektur des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Was die Burg so besonders macht: Sie war zweimal Schauplatz der feierlichen Einsetzung des Prince of Wales: 1911 für den späteren Eduard VIII. und 1969 für Prinz Charles. Geschichte und Krone verbinden sich hier auf eindrucksvolle Weise.

Halen Mô – Das weiße Gold von Anglese

Eine der überraschendsten Entdeckungen dieser Reise wartet auf der Insel Anglesey: Halen Môn, die Salzmanufaktur an der Menai-Straße (eine gezeitenabhängige Meerenge). Seit 1997 schöpfen Alison und David Lea-Wilson hier aus dem sauberen Meerwasser der Meerenge eines der feinsten Meersalze der Welt – ein Fleur de Sel mit geschützter Ursprungsbezeichnung, das in vielen Gourmet-Küchen dieser Welt Verwendung findet. Die Führung durch die Manufaktur und die anschließende Verkostung zeigen, wie viel Handwerk, Geduld und Liebe zum Detail in jedem einzelnen Kristall steckt.

Llandudno – Walisisches Finale am Meer.

Die letzte Station dieser Reise ist Llandudno mit 20.000 Einwohnern. Die Stadt liegt auf einer Halbinsel und besitzt zwei Strände: einen ruhigeren im Südwesten und den großen sichelförmigen im Nordosten. Llandudno hat, wie alle guten britischen Seebäder, einen Pier – und was für einen: 572 Meter lang (damit auch der längste in ganz Wales), und bereits 1878 ins Meer gebaut. Mit Läden, Cafés und dem Blick auf die Irische See bietet die Kulisse alles für einen Spaziergang, der unvergesslich bleibt.