Mensch ist schuld
Der größte See der Welt verschwindet
Das Kaspische Meer verliert schleichend immer mehr Wasser. In den letzten 30 Jahren hat der größte See der Erde knapp 24.000 Quadratkilometer Fläche verloren, was rund dem 44-Fachen der Fläche des Bodensees entspricht. Der Wasserstand ist bereits um zwei Meter gesunken. Forschende warnen vor Parallelen zum Aralsee und haben die Ursachen untersucht. Das Ergebnis: Die Hauptschuld trägt der Mensch. Der Riesensee ist 1.200 Kilometer lang, rund 435 Kilometer breit und liegt zwischen Russland, Zentralasien und dem Mittleren Osten. Sein leicht salziges Wasser beheimatet über 850 einzigartige Tier- und Pflanzenarten, zudem stammen rund 90 Prozent des weltweiten Kaviars von dortigen Stören.
Mangelnder Regen nicht schuld
"Der See schrumpft in einem Tempo, das Besorgnis erregt und an den katastrophalen Kollaps des Aralsees erinnert", erklären Jesse Duku von der University of California in Irvine und seine Kollegen im Fachbericht. Seit 1996 hat das Wasservolumen um rund 630 Kubikkilometer abgenommen. Die Niederschläge im Einzugsgebiet blieben in den letzten gut 30 Jahren weitgehend gleich, im Wolgabecken regnet es sogar etwas mehr als in den 1990er-Jahren. "Dieses Ergebnis ist wichtig, denn es widerlegt die landläufigen Annahmen rund um die Krise des Kaspischen Meeres", erklärt Seniorautor Amir AghaKouchak vom Institute for Water, Environment and Health der United Nations University in Kanada. Das bisherige Narrativ war simpel: Der Klimawandel erhöht die Verdunstung und der Regen wird weniger. Zwar nahm die Verdunstung im Schnitt um 2,99 Millimeter pro Jahr zu, das erklärt laut dem Team aber nur rund 37 Prozent des Gesamtverlusts.
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Mensch blockiert den Zufluss
Den Hauptgrund entdeckten Duku und sein Team beim Wassereinstrom der fünf Hauptzuflüsse Wolga, Sefidrud, Ural, Kura und Terek. Seit den 1990er-Jahren ist der mittlere Einstrom um knapp 50 Kubikkilometer pro Jahr gesunken. "Allein Wolga liefert heute knapp 32 Kubikkilometer pro Jahr weniger Wasser als früher", berichten Duku und sein Team. Vor allem menschliche Eingriffe wie Staudämme, Bewässerung, Wasserentnahme für Industrien und Schifffahrtskanäle haben die Hydrologie des Wolgabeckens grundlegend verändert. Dadurch schwindet der Nachschub. Das Team warnt vor einem bekannten Muster: "Fälle wie der Aralsee in Zentralasien, der Tschadsee in Afrika oder Urmiasee im Iran demonstrieren ein wiederkehrendes Muster: Nicht nachhaltiges Wassermanagement, übermäßige Entnahmen und unkoordinierte Infrastrukturentwicklung können Binnengewässer zum Kollaps bringen."
Schwund hat fatale Folgen
Schon jetzt nimmt im flachen Nordteil des Sees die Wasserqualität messbar ab. Das Wasser ist wärmer und nährstoffreicher, wodurch Algenblüten zunehmen. Genau hier liegen jedoch die Laichplätze des Störs, Brutplätze für Vögel und der Hauptteil der Fischerei. Auch die Wirtschaft leidet. "Häfen, Schifffahrtsrouten und wichtige Infrastruktur entlang der Küste sind betroffen. Durch die verringerte Wassertiefe können Schiffe nicht mehr voll beladen werden und die Transportkosten steigen", erklärt Seniorautor AghaKouchak. Das Meer liege im Zentrum bedeutender Energie- und Handelskorridore zwischen Europa und Asien. "Noch ist Zeit, die Entwicklung zu bremsen", betont AghaKouchak. Dies erfordere jedoch eine beispiellose Zusammenarbeit der fünf Anrainerstaaten Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Aserbaidschan und Iran, die sich auf konsequente Beschränkungen bei der Wasserentnahme einigen müssten.