Neue Töne
Fällt engster Verbündeter Putin in den Rücken?
Der enge Verbündete von Russlands Präsident Wladimir Putin fordert plötzlich Kompromisse zwischen Moskau und Kiew und betont zugleich, dass von Belarus keine Gefahr für die Ukraine ausgehe.
In einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al Arabiya erklärte Lukaschenko: "Die Ukraine hat von Belarus aus nichts zu befürchten." Zudem räumte er ein, dass sein Land "militärisch verwundbar" sei. Noch bemerkenswerter ist seine Einschätzung zum Kriegsverlauf: Ein militärischer Sieg sei weder für Russland noch für die Ukraine realistisch. Stattdessen brauche es Verhandlungen und Zugeständnisse auf beiden Seiten. "Heute müssen wir jeden Schritt nutzen, um durch Kompromisse zu einer friedlichen Einigung zu gelangen. Langfristig", sagte Lukaschenko.
Die Aussagen kommen überraschend. Belarus galt seit Beginn der russischen Invasion als einer der wichtigsten Unterstützer Moskaus. Russische Truppen nutzten 2022 belarussisches Territorium für ihren Angriff auf die Ukraine, zudem stationierte Russland taktische Atomwaffen im Nachbarland. Dennoch hat Lukaschenko stets vermieden, eigene Streitkräfte direkt in den Krieg zu schicken. Auch jetzt bekräftigte er, dass belarussische Soldaten nicht an den Kämpfen teilnehmen würden.
Besonders bemerkenswert ist, dass Lukaschenko sogar versöhnliche Töne gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj anschlug. Medienberichten zufolge entschuldigte er sich für frühere scharfe Äußerungen und erklärte: "Vielleicht bin ich irgendwann zu weit gegangen." Gleichzeitig verwies er auf gegenseitige Drohungen der vergangenen Monate.
Angst vor einer Eskalation?
Hinter dem Kurswechsel könnte vor allem die militärische Entwicklung stehen. Die Ukraine hat ihre Drohnenangriffe auf russische Ziele deutlich ausgeweitet und trifft mittlerweile regelmäßig Ziele tief im russischen Hinterland. Zudem warnte ein ukrainischer Kommandeur der Drohnenstreitkräfte kürzlich, man habe rund 500 mögliche Ziele in Belarus identifiziert und Minsk davor gewarnt, sich aktiv am Krieg zu beteiligen. Diese Aussagen sorgten in Belarus für erhebliche Aufmerksamkeit.
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Auch ukrainische Sicherheitskreise beobachten Belarus weiterhin aufmerksam. Präsident Selenskyj hatte erst im Mai erklärt, Russland versuche, Belarus tiefer in den Krieg hineinzuziehen. Dabei könnten sowohl Angriffe auf die Ukraine als auch auf NATO-Staaten von belarussischem Gebiet aus geplant werden.
Experten sehen allerdings derzeit keine konkreten Hinweise auf eine bevorstehende belarussische Beteiligung am Krieg. Analysten des Carnegie Endowment for International Peace verweisen darauf, dass es bislang keine Anzeichen für Vorbereitungen einer neuen Offensive von belarussischem Boden gebe. Vielmehr versuche Lukaschenko seit Jahren, einen direkten Kriegseintritt zu vermeiden, um sein eigenes Regime nicht zu gefährden.
Balanceakt zwischen Moskau und dem Westen
Die neuen Töne aus Minsk könnten auch mit Lukaschenkos vorsichtigen Annäherungsversuchen an den Westen zusammenhängen. In den vergangenen Monaten kam es zu Gesprächen mit den USA über die Freilassung politischer Gefangener und eine mögliche Verbesserung der Beziehungen. Beobachter sehen darin einen Versuch des belarussischen Machthabers, seine vollständige Abhängigkeit von Moskau etwas zu verringern.