Tierwohl-Debatte
Fiaker-Streit in Wien eskaliert wegen Hitze
Die aktuelle Hitzewelle bringt wie jedes Jahr verlässlich die Diskussionen über Fiaker in Wien zurück. Wer in den vergangenen Tagen die Wiener Innenstadt besucht hat, konnte laut dem Österreichischen Tierschutzverein ein Bild beobachten, das viele Menschen irritiert hat. Am Stephansplatz standen die Fiakerpferde in der prallen Sonne. Während Kutscher unter Sonnenschirmen Schutz fanden, warteten die Pferde eingespannt auf die nächsten Fahrgäste. Erst wenn sich ein Fiaker mit Fahrgästen in Bewegung setzte, fuhr auch der restliche Konvoi weiter – oft nur wenige Meter.
Noch bevor die Rundfahrt überhaupt begann, wären die Pferde bereits wieder im Stau der Rotenturmstraße zwischen Autos, Lieferverkehr und Straßenlärm. Aufnahmen dieser Szenen wurden in sozialen Medien tausendfach kommentiert und geteilt. Für den Tierschutzverein zeigen die Reaktionen deutlich, dass immer mehr Menschen die einstige romantische Tradition heute nur noch als touristisches Relikt aus einer anderen Zeit empfinden.
Dieser Einschätzung widerspricht Marco Pollandt von Silvia Fiaker Paul. "Die Nachfrage ist in den letzten 10 Jahren exponentiell gestiegen", so der Geschäftsführer des Wiener Traditionsbetriebs. Der Großteil der Standplätze sei zudem überdacht.
Tierschutzverein fordert hartes Durchgreifen
Für die Tierschützer ist das gesamte System das eigentliche Problem, da Pferde keinesfalls zwischen Autos, Busse und Straßenbahnen gehören würden. Aus diesem Grund wird von der Stadt Wien ein rasches und unmissverständliches Handeln. Kurzfristig verlangt der Verein ein ausnahmsloses Fahrverbot ab einer Temperatur von genau 30 Grad. Langfristig führe kein Weg daran vorbei, die Fiakerpferde komplett aus dem Straßenverkehr zu nehmen. Kritisiert wurden auch die oft kilometerlangen An- und Abfahrten zwischen den Stallungen am Stadtrand und der Innenstadt.
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Kutscher wehren sich mit Fakten
Für die geforderte Temperatur-Grenze gibt es "keinen wissenschaftlichen Grund", erklärt Pollandt. Er verweist dabei auf eine unabhängige Untersuchung der Veterinärmedizinischen Universität Wien aus dem Jahr 2024. Die Experten untersuchten insgesamt 58 Fiakerpferde im täglichen Einsatz unter Hitzebedingungen. Ein Hitzestress oder ein vermindertes Allgemeinbefinden der Tiere wurde bei den vielen Hundert Erhebungen im Jahresverlauf nicht beobachtet. Auch die Stresshormone stiegen am Tag nach der Arbeit in der Innenstadt nicht signifikant an. Neue gesetzliche Grenzwerte lassen sich aus dieser Studie laut den Wissenschaftern jedenfalls nicht ableiten.
Ein Fahrverbot ab 30 Grad wäre laut dem Unternehmer sogar eine Bedrohung für das Wohlbefinden der Tiere. "Wir können die Pferde nicht tagelang stehen lassen“, betont Pollandt. Eine reine Wiesenkoppel ersetze den vollständigen Bewegungsbedarf eines Pferdes keineswegs.
"Pferde steigen schweißgebadet aus"
Auch den Transport der Tiere mit einem Anhänger lehnt der Wiener Betrieb aus diesem Grund ab. "Nach 15 Minuten im Anhänger steigen die Pferde schweißgebadet aus“, erklärt Pollandt. Das sei für die Vierbeiner eine weitaus größere Belastung als der normale Weg zum Standplatz im Schritttempo.
Gegen falsche Behauptungen hat sich die Branche mittlerweile auch juristisch erfolgreich gewehrt. So wurden bereits zwei Prozesse gegen den Verein Gegen Tierfabriken (VGT) gewonnen, weil dort fälschlicherweise über wegen der Hitze kollabierte Pferde berichtet wurde. Auch auf die aktuelle Hitzewelle reagierte das Unternehmen von Pollandt direkt. Am Samstag wurde am Vormittag die letzte Ausfahrt durchgeführt, am Sonntag und am heutigen Montag gab es wegen der extremen Temperaturen überhaupt keine Ausfahrten mehr.