Stocker-Eklat

Frauen arbeiten 40 Stunden pro Woche unbezahlt

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Nach Kanzler-Sager hat APA nachgeprüft ++ Was hat es mit der Zahl 96 Stunden auf sich?
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Mit seiner Aussage, Kinderbetreuung sei für ihn keine Arbeit, sorgte Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) für heftige Diskussionen. Der Satz sei "falsch", entschuldigte sich Stocker wenig später. Die Debatte um unbezahlte Kinderbetreuungszeit (Care-Arbeit) hält indes an. Die in vielen Medien kursierende Zahl von durchschnittlich 96 Wochenstunden unbezahlter Kinderbetreuungszeit durch Frauen erscheint dabei allerdings hoch bemessen und bedarf einer Einordnung.

Einschätzung:

Die Frau, die den Kanzler mit der Zahl von 96 Wochenstunden konfrontierte, erklärte auf APA-Anfrage, sie habe sich allgemein auf Sorgearbeitende bezogen, die ohne Pause arbeiteten und rund um die Uhr verfügbar sein müssten. Einige Experten halten diese Einschätzung für gerechtfertigt. Durch Erhebungen der Statistik Austria ist die Zahl aber nicht gedeckt. Frauen arbeiten demnach durchschnittlich etwa "nur" 40 Stunden pro Woche unbezahlt, miteinberechnet werden hier aber auch etwa Haushaltsarbeiten. Doch auch wenn die Zahl auf einer unüblichen Berechnung beruht - die dadurch losgetretene Debatte wirft ein Schlaglicht auf mehrere Aspekte der (Un-)Gleichstellung von Frauen und Männern: Stichwort Gender Care Gap oder Gender Pay Gap.

Überprüfung:

Im Rahmen seiner "Sommertour" durch Österreich war Stocker am Donnerstag vergangener Woche in Salzburg-Stadt unterwegs und stellte sich dort den Fragen ausgewählter Bürgerinnen und Bürger (1). Stefanie F. konfrontierte den Kanzler dabei mit dem Thema Care-Arbeit und rechnete vor, dass Frauen im Schnitt 96 Stunden pro Woche unbezahlte Kinderbetreuungsarbeit leisten würden. Stocker erklärte daraufhin, dass Kinderbetreuung und Familie für ihn nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen seien (2). Am Tag danach entschuldigte er sich für seine Aussagen (3).

Ruhe- und Schlafzeiten bei 96-Stunden-Aussage miteingerechnet

Sorgearbeitende würden "tatsächlich ohne Pause arbeiten und auch beim Schlafen bzw. rund um die Uhr verfügbar sein müssen", erklärte F. auf Anfrage von APA-Faktencheck. Berücksichtige man all dies, komme man "locker auf 96 Stunden", wobei die Zahl von Mutter zu Mutter, von Familie zu Familie variiere.

Die meisten Erhebungen berücksichtigen allerdings diese "24/7-Verfügbarkeit", die Eltern durchaus erfüllen müssen, nicht - sprich, Schlaf- und Ruhezeiten werden in den Berechnungen der Care-Arbeit nicht berücksichtigt.

Frauen leisten etwa 40 Wochenstunden unbezahlte Arbeit, Großteil davon Kinderbetreuung

Die Statistik Austria erhebt alle zehn Jahre, wie viel Zeit Haushalte für bestimmte Dinge aufwenden. In der aktuellen "Zeitverwendungserhebung" (2021/2022 erhoben, 2023 veröffentlicht) zeigt sich, dass Frauen einen Großteil der unbezahlten Arbeit leisten (4). Pro Wochentag entfallen demnach bei Frauen mit Kindern rund zwei Drittel ihrer gesamten Arbeitszeit auf unbezahlte Arbeit (neben Kinderbetreuung wird hier etwa auch Hausarbeit eingerechnet) und ein Drittel auf bezahlte Arbeit, bei Männern mit Kindern ist es genau umgekehrt. In Stunden arbeiten Frauen mit Kindern durchschnittlich fünfeinhalb Stunden unbezahlt und etwa drei Stunden bezahlt, während Männer mit Kindern rund drei unbezahlt und rund fünfeinhalb Stunden bezahlt arbeiten. Für Frauen mit Betreuungspflichten ergeben sich nach dieser Berechnung rund 40 Stunden pro Woche unbezahlte Arbeit.

Rechnet man ausschließlich die Zeit, die mit Kinderbetreuung verbracht wird, entfallen auf eine Frau mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren durchschnittlich knapp zwei Stunden pro Tag. Bei Männern sind es 53 Minuten. Berücksichtigt man sowohl Kinderbetreuung als Haupt- als auch als Nebenaktivität, liegen die Werte bei rund zweieinhalb Stunden für Frauen und rund eine Stunde für Männer. Bei jüngeren Kindern steigt der Zeitaufwand erheblich. Ist das jüngste Kind unter drei Jahre alt, wenden Frauen durchschnittlich vier Stunden pro Tag für Kinderbetreuung auf, Männer rund eineinhalb Stunden. Mütter von Kleinkindern kommen demnach auf unbezahlte Sorgearbeit im Ausmaß von etwa 28 Stunden pro Woche.

ÖIF-Berechnung geht von 66 Wochenstunden direkter Care-Arbeit für Mütter mit kleinen Kindern aus

Auch das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) stellte im Vorjahr Berechnungen an - "um sich dem realen Ausmaß der geleisteten Care-Arbeit in Privathaushalten mit minderjährigen Kindern besser anzunähern" (5). Das ÖIF erweiterte dafür die Definition von Care-Arbeit und inkludierte darin zusätzlich alle mit dem Kind gemeinsam durchgeführte Aktivitäten - von Gartenarbeit über Sport bis hin zur Pflege sozialer Kontakte. Auch Essen und Trinken mit dem Kind werden demnach der direkten Care-Arbeit zugerechnet - allerdings werden auch hier keine Ruhezeiten berücksichtigt. Das ÖIF kommt dadurch auf ein signifikant höheres Ausmaß an "täglicher direkter Care-Arbeit", vor allem bei Frauen mit Kindern unter sechs Jahren. Sie kommen demnach auf gut neuneinhalb Stunden pro Tag, Mütter mit Kindern zwischen sechs und 14 Jahren auf mehr als sechs Stunden pro Tag. Daraus würden sich 66,5 bzw. 42 Wochenstunden ergeben. In beiden Fällen ist die Zeit für Haushaltsführung (unter dem Extra-Punkt "unterstützende Care-Arbeit" berücksichtigt) hier noch nicht eingerechnet.

Momentum Institut: Ständige Verfügbarkeit in klassischen Erhebungen nicht abgebildet

Das Momentum Institut gab auf APA-Anfrage an, dass für Kleinkinder, die in keiner externen Betreuung sind, bis zu 14 Stunden Betreuungszeit am Tag anfallen können, was 98 Wochenstunden entspricht. Kinderbetreuung bestehe nicht nur aus unmittelbar sichtbaren Tätigkeiten, sondern auch aus Beaufsichtigung, Organisation, Begleitung und Verantwortung dafür, dass der Alltag des Kindes funktioniere. Gerade diese ständige erforderliche Verfügbarkeit und die organisatorische Verantwortung würden durch klassischen Zeitverwendungserhebungen nur teilweise abgebildet.

Experten: 96 Stunden "sicher gerechtfertigt"

Für die deutschen Experten Almut Schnerring und Sascha Verlan, die den "Equal Care Day" initiierten (6), ist die Berechnung von 96 Stunden pro Woche für Kinderbetreuung "sicher berechtigt", wie sie auf APA-Anfrage erklärten. "Wenn wir für die private Care-Arbeit einmal die Maßstäbe aus der Berufswelt ansetzen: dann nämlich werden die Nächte, in denen ich (allein) für ein Kind verantwortlich bin, und auch die Schlafphasen tagsüber zum Bereitschaftsdienst, der natürlich als Arbeitszeit zu werten ist."

Frauen leisten signifikant mehr unbezahlte Betreuungsarbeit als Männer

Dass die Diskussion über Care-Arbeit auch noch Tage nach der Aussage Stockers anhält, zeigt, dass sie den Nerv der Zeit trifft und zahlreiche Menschen beschäftigt (7).

Denn selbst bei gleicher Erwerbstätigkeit übernehmen laut Statistik Austria (4) Frauen rund 64 Prozent der Kinderbetreuung. Wenn die Frau mehr Erwerbsstunden arbeitet als ihr Partner, liegt ihr Anteil immer noch bei 56 Prozent. Frauen leisten also deutlich mehr unbezahlte Betreuungsarbeit. Das Momentum Institut errechnete den ökonomischen Wert unbezahlter Haus- und Sorgearbeit. Die gesamte Leistung würde 23 Prozent des BIPs ausmachen, wovon zwei Drittel von Frauen geleistet würden. (8)

Wer viel unbezahlte Care-Arbeit übernimmt, hat oft weniger Zeit für bezahlte Erwerbsarbeit. Frauen würden deshalb häufiger Teilzeit arbeiten oder ihre Karriere für Betreuungs- oder Pflegeaufgaben unterbrechen. Das wirke sich langfristig auf Einkommen, Karrierechancen und Pensionen aus, schreibt das Momentum-Institut (9).

Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) schlug in die gleiche Kerbe. In einem Statement für APA-Faktencheck erklärte sie, man müsse auch "über Arbeit sprechen, die keinen Gehaltszettel hat und deren finanzielle Folgen sich Jahrzehnte später auf jedem Pensionskonto wiederfinden. Der Equal Pension Day kommt schließlich nicht von ungefähr", so Schumann. Wer Kinder großziehe, übernehme täglich Verantwortung, leiste Fürsorge und organisiere den Alltag. Diese Leistung verdiene Anerkennung und politische Unterstützung.

Ähnlich auch die Arbeiterkammer, die ergänzte, dass Frauen im Durchschnitt rund 39 Prozent weniger Pension als Männer erhalten würden.

Regierungspläne: Maßnahmen bei Karenzen und Kinderbetreuungsgeld

Im Regierungsprogramm vereinbarte die Dreierkoalition Maßnahmen bei Karenzen und Kinderbetreuungsgeld (10). Diese beinhalten die Einsetzung einer interministeriellen Arbeitsgruppe unter Einbindung der Stake holder und Sozialpartner mit dem Ziel der Stärkung der Partnerschaftlichkeit und der Väterbeteiligung bei der Karenz bis Ende 2026. Zudem sind unter anderem eine Bewusstseinsstärkung der Väterbeteiligung in der Beratung und Informationskampagnen für Väter zur Stärkung der Väterbeteiligung geplant.