ÖGK-Obmann

Gesundheitsreform ist "nicht der große Wurf"

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Österreichs Gesundheitssystem gilt als teuer, träge und von langen Wartezeiten geplagt. ÖGK-Obmann Andreas Huss verteidigt den aktuellen Reformkurs gegen scharfe Kritik – und zeichnet das Bild einer Medizin von morgen, die das klassische Spitalbett zunehmend überflüssig macht.
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Es ist ein altbekanntes rituelles Schauspiel: Ein kritischer Journalist konfrontiert einen Spitzenfunktionär mit den harten Fakten eines Systems, das scheinbar unaufhaltsam in die finanzielle Schieflage steuert. So auch im jüngsten Schlagabtausch zwischen ZiB2-Anchor Martin Thür und Andreas Huss, dem gelernten Gewerkschafter und amtierenden Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Im Kern stand die Frage: Ist die aktuelle Gesundheitsreform tatsächlich der dringend benötigte Befreiungsschlag oder bloß das nächste politische Pflaster auf einer chronischen Wunde?

Kritiker – und zeitweise auch Huss selbst – sind sich einig, dass der ganz große Wurf, wie etwa die viel geforderte "Finanzierung aus einer Hand", ausgeblieben ist. Die Spitäler verbleiben in der Hand der Bundesländer, die Patientenströme werden weiterhin kaum zentral gelenkt. Und dennoch zeigt sich Huss im Gespräch überraschend zufrieden. Für ihn bemisst sich der Erfolg einer Reform nicht an abstrakten Verwaltungsstrukturen, sondern am konkreten Nutzen für die Bevölkerung. "Jede Gesundheitsreform verdient den Namen Reform nur dann, wenn für die Menschen etwas gemacht wird – wenn sich Wartezeiten verkürzen und die Qualität verbessert wird", stellt der ÖGK-Chef klar.

Das "Wait or Pay"-Dilemma

Dass Handlungsbedarf besteht, bestreitet niemand. Zwar bescheinigt die OECD dem österreichischen System eine hervorragende Basisversorgung ohne nennenswerte soziale Barrieren – selbst mit geringem Einkommen ist der Zugang zur Medizin niederschwellig. Das gravierende Manko liegt jedoch an einer anderen Stelle: den Wartezeiten. Die OECD prägte hierfür den ungemütlichen Begriff "Wait or Pay". Wer nicht monatelang auf einen Termin warten will, flüchtet ins private Wahlarztsystem und zahlt doppelt. "Entweder Sie bezahlen, oder Sie bekommen eben nicht so schnell einen Arzttermin", beschreibt ÖGK-Obmann Andreas Huss dieses Dilemma und versichert im selben Atemzug: "Genau dieses Problem adressieren wir jetzt."

Der Vorwurf, das österreichische Gesundheitssystem sei im internationalen Vergleich schlichtweg zu teuer und ineffizient, lässt Huss so jedoch nicht gelten. Er spricht von einer "Mär". Der Teufel liege wie so oft im statistischen Detail. Zieht man von den Gesamtkosten jene 13 Milliarden Euro ab, die die Österreicherinnen und Österreicher bereits jetzt jährlich aus eigener Tasche für private Zusatzleistungen und Wahlärzte berappen – was immerhin 24 Prozent der gesamten Versorgungskosten ausmacht –, rutscht Österreich bei den öffentlichen Ausgaben ins europäische Mittelfeld. Das Ziel müsse es daher sein, die öffentlichen Strukturen so zu stärken, dass private Zuzahlungen wieder zur Ausnahme werden.

Aus Spitälern sollen Gesundheitsstandorte werden

Doch wie soll diese Effizienzsteigerung ohne radikale Schließungen gelingen? Huss plädiert für einen semantischen und strukturellen Paradigmenwechsel: Weg vom Begriff des klassischen "Spitals", hin zum flexiblen "Gesundheitsstandort". Als Musterbeispiel nennt er ein aktuelles Projekt im Salzburger Pinzgau. In Mittersill wurde ein kleines Gemeindespital mit klassischer Ambulanz in ein modernes Gesundheitszentrum umgewandelt. Das Ergebnis: Die Bettenstation blieb zwar erhalten, wurde aber um ein Primärversorgungszentrum, ein Hebammenzentrum, eine Physioambulanz und ein Zahngesundheitszentrum der ÖGK erweitert.

Diese Strategie der "Ambulantisierung" sei die logische Antwort auf den medizinischen Fortschritt. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Während in Österreich jährlich rund 145 Millionen E-Card-Steckungen im ambulanten Bereich registriert werden, sinkt die Zahl der Spitalsentlassungen (derzeit rund zwei Millionen) kontinuierlich. Moderne Medizin benötigt schlicht weniger stationäre Betten, da Eingriffe vermehrt tagesklinisch durchgeführt werden können. Wenn die Gesundheitspolitik verspricht, keine Standorte zu schließen, bedeutet das laut Huss also nicht, dass alles beim Alten bleibt. Die Standorte müssen schlicht neu organisiert werden, um eine fachärztliche Versorgung direkt in den Regionen zu garantieren.

600 Primärversorgungszentren als Ziel

Das Fundament dieser neuen Versorgungsarchitektur bilden die sogenannten Primärversorgungszentren (PVZ). Sie sollen als Dreh- und Angelpunkt fungieren, an dem Allgemeinmediziner, Pflegekräfte und Therapeuten unter einem Dach zusammenarbeiten – mit längeren Öffnungszeiten und mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten.

Hier muss sich die Politik allerdings an ihren eigenen, in der Vergangenheit oft verfehlten Zusagen messen lassen. Der Ausbau hinkte den ambitionierten Plänen jahrelang hinterher. Aktuell steht Österreich bei 116 Zentren. Huss zeigt sich dennoch demonstrativ optimistisch, die Trendwende geschafft zu haben: "Bis zum Jahresende werden wir bei 150 Zentren stehen."

Gemeinsam mit den Bundesländern wurde in den Regionalen Strukturplänen ein verbindlicher Pfad festgelegt: Bis zum Jahr 2030 soll sich die Zahl auf 300 verdoppeln, bis 2040 sind flächendeckend 600 Primärversorgungszentren im ganzen Land vorgesehen. Ob dieser ambitionierte Stufenplan hält oder ob er wie frühere Versprechen im föderalen Kompetenzdschungel versinkt, wird der wahre Elchtest für die österreichische Gesundheitspolitik der kommenden Jahre.