Kein Gespräch

Gnadenlos! Ehepaar nach 38 Jahren per App gekündigt

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Nach 38 Jahren im selben Betrieb verloren Simone und Jovica Pokrajac ihren Job. Das Ehepaar erfuhr von der Entlassung per App, nachdem das Unternehmen Insolvenz anmeldete.
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Das Schicksal von Simone (58) und Jovica Pokrajac (56) sorgt für Aufsehen. Fast vier Jahrzehnte lang arbeiteten die beiden im selben Betrieb in der Region Aachen. Dort lernten sie sich kennen, verliebten sich und bauten sich ein gemeinsames Leben auf. Nun verliert das Ehepaar zeitgleich den Arbeitsplatz. Von der Entlassung erfuhren die beiden über ein Dokument in einer App. "Kein Handschlag, kein 'Tut uns leid'. Da war einfach der Brief in der App – und das war’s: Tschüss", schilderte das Paar dem WDR. Ein Bericht des "Focus" deckte den Fall auf.

Am 30. Juli 2026 informierte die Geschäftsführung auf einer Betriebsversammlung über den geplanten Stellenabbau von 100 der insgesamt 243 Beschäftigten. "Da liefen bei vielen schon die ersten Tränen", so das Ehepaar. Bereits am 31. Juli meldete der Insolvenzverwalter beim Amtsgericht Aachen Masseunzulänglichkeit an. Das bedeutet, dass das vorhandene Vermögen voraussichtlich nicht einmal ausreicht, um die Kosten des Insolvenzverfahrens zu decken.

Insolvenz nach langer Historie

Zuletzt arbeiteten Simone und Jovica Pokrajac bei Ultinon Motion Germany. Der Betrieb stellt LED-Lampen für Autoscheinwerfer her. Die Sparte gehörte früher zu Philips, war Teil der Lumileds-Gruppe und wurde 2024 von der US-amerikanischen First Brands Group übernommen. Früher beschäftigte das Unternehmen laut WDR rund 2.000 Menschen. Nach wirtschaftlichen Problemen meldete der Betrieb Anfang 2026 Insolvenz an, wobei zu Beginn des Verfahrens von circa 500 Beschäftigten die Rede war.

Für das Paar mit schulpflichtigen Kindern bedeutet die Kündigung eine schwierige Phase, da beide mit Mitte beziehungsweise Ende 50 vor einer beruflichen Neuorientierung stehen.

Hintergründe der tiefen Krise

Die Probleme bei Ultinon Motion sind Teil einer angespannten Lage in der Automobilbranche. Neben der schwachen Wirtschaftsentwicklung belastet die Situation des Mutterkonzerns First Brands das Werk. Die First Brands Group hatte bereits im September 2025 Insolvenz angemeldet. Schlagzeilen machten zudem Vorwürfe gegen den früheren Konzernchef und Gründer Patrick James. Ihm wird vorgeworfen, Geldsummen aus dem Unternehmen abgezweigt und sich sowie seine Familie bereichert zu haben. James stritt die Vorwürfe ab und plädierte im Februar 2026 auf nicht schuldig. Sein Prozess wurde auf Februar 2027 verschoben.

Der Insolvenzverwalter Wolfgang Piroth erklärte gegenüber dem WDR, dass die Kündigungen gemeinsam mit dem Betriebsrat sorgfältig anhand geltender Kriterien und arbeitsrechtlicher Vorgaben geprüft worden seien, um notwendige Anpassungen so verantwortungsvoll wie möglich umzusetzen.

Rechtliche Fragen bei Kündigungen

Der Weg der Nachricht per App wirft Fragen auf. In Deutschland gilt nach Paragraf 623 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, dass Kündigungen von Arbeitsverhältnissen schriftlich erfolgen müssen und die elektronische Form ausgeschlossen ist. Entscheidend ist daher, ob die App nur den Zugang zu einem formgültigen Kündigungsschreiben ermöglichte oder ob die Kündigung rein digital erfolgte. Eine Kündigungsschutzklage muss in Deutschland innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung beim Arbeitsgericht eingereicht werden.

Ob das Ehepaar rechtliche Schritte einleitet, ist unklar. Auch bezüglich einer Abfindung herrscht Unsicherheit; Jovica Pokrajac befürchtet, dass diese in der Insolvenzmasse landen könnte. Nach fast vier Jahrzehnten stehen die beiden nun vor einem Neuanfang.