Umsturz
Google verliert Machtstellung: Österreicher setzen massiv auf KI
Eine aktuelle Erhebung der Mediaagenturgruppe WPP Media Österreich belegt einen historischen Wendepunkt im heimischen Suchverhalten. Immer mehr Menschen kehren der klassischen Suchmaschine den Rücken und lassen sich offene Fragen direkt von künstlicher Intelligenz beantworten.
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Über Jahrzehnte hinweg galt das Verb "googeln" als unangefochtenes Synonym für die Recherche im World Wide Web. Doch die Vormachtstellung des US-Tech-Riesen bröckelt in Österreich in rasantem Tempo. Laut den Ergebnissen einer repräsentativen Online-Befragung der WPP-eigenen Forschungseinheit mScience nennen nur noch 46 Prozent der Befragten Google als ihre primäre Informationsquelle. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem dramatischen Einbruch: Damals gaben noch 59 Prozent Google als erste Anlaufstelle an. Bei jüngeren Menschen unter 30 Jahren liegt dieser Wert mittlerweile sogar nur noch bei 39 Prozent.
"Google ist nicht mehr automatisch die erste Adresse", stellt Christian Müller, Head of mScience bei WPP Media Österreich, im Rahmen der Studienpräsentation klar, wie der "Standard" berichtet. Für die Erhebung wurden im Juni und Juli 2026 insgesamt 1.032 Personen zwischen 18 und 65 Jahren ausführlich zu ihren digitalen Nutzungsgewohnheiten befragt. Das Resultat zeichnet ein klares Bild: Künstliche Intelligenz ist endgültig im alltäglichen Leben der österreichischen Bevölkerung angekommen.
Chatbot-Boom im Alltag: Hohe Nutzungszahlen bei Jung und Alt
Die Vertrautheit mit moderner Technologie hat einen neuen Höchststand erreicht. Ganze 91 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass ihnen Begriffe wie künstliche Intelligenz (KI), Artificial Intelligence (AI) oder Chatbots vertraut sind – ein stabiler Spitzenwert, der exakt das Niveau von 2025 hält. Gleichzeitig wächst die tatsächliche Anwendung spürbar an:
- 74 Prozent der Österreicher nutzen mittlerweile KI-Systeme wie Sprachassistenten, Chatbots oder Empfehlungsdienste im Alltag (Vorjahr: 67 Prozent)
- 43 Prozent der Befragten greifen inzwischen mindestens täglich auf Chatbots zurück (2025: 35 Prozent)
- 47 Prozent verwenden entsprechende Werkzeuge zumindest auf wöchentlicher Basis
- Lediglich 10 Prozent der Bevölkerung nutzen KI-Anwendungen seltener (im Vorjahr waren es noch 16 Prozent)
Bei der Frage nach der bevorzugten Hauptquelle standen den Befragten vier Optionen offen: vor allem Google, vor allem KI-Tools wie ChatGPT, beide Systeme etwa gleich oft sowie keines von beiden. Während Google mit 46 Prozent in der Gesamtschau noch die Nase vorne hat, nutzen bereits 17 Prozent vorrangig KI-Werkzeuge – in der Gruppe der unter 30-Jährigen sind es sogar schon 23 Prozent. 30 Prozent der Gesamtbevölkerung verwenden Google und Chatbots exakt im selben Ausmaß, während lediglich 7 Prozent keines der beiden Tools bemühen (bei Jüngeren: 8 Prozent). Fast ein Drittel nutzt Google und Chatbots inzwischen gleich oft, betont Müller, merkt jedoch an: "Mehr als die Hälfte der KI-Nutzer googelt seltener. 53 Prozent fragen heute die KI, wo sie früher gegoogelt haben."
Klick-Krise für Webseiten: Chatbot-Antwort wird zur Endstation
Für traditionelle Webseitenbetreiber und werbefinanzierte Medienunternehmen birgt diese Entwicklung gravierende Risiken. Denn während die klassische Suchmaschine Nutzer aktiv auf fremde Plattformen weiterleitet, liefert der Chatbot das fertige Resultat direkt im Dialogfenster aus. Nach einer erhaltenen Chatbot-Antwort klicken lediglich 21 Prozent der Nutzer weiter auf eine verlinkte Original-Webseite. Zum Vergleich: Bei einer Google-Suchanfrage besuchen weiterhin 39 Prozent der Suchenden eine weiterführende Homepage.
"Die KI-Antwort ist oft schon die Endstation", warnt mScience-Chef Christian Müller vor den wirtschaftlichen Konsequenzen. Für Webmaster und Medienplattformen bedeutet dieser Wandel einen spürbaren Rückgang der Zugriffe und Klickzahlen, was bestehende Geschäftsmodelle empfindlich unter Druck setzt.
Struktureller Wandel: Neue Spielregeln für Marken und Marketing
Andreas Vretscha, Geschäftsführer von WPP Media Österreich, sieht in den vorliegenden Zahlen keineswegs ein vorübergehendes Phänomen: "Das ist kein kurzfristiger Technologiehype, sondern eine strukturelle Veränderung des Informationsverhaltens." Konsumenten verlangten heute keine unübersichtlichen Link-Listen mehr, sondern präzise, leicht verständliche und individuell zugeschnittene Antworten. Für Firmen ändere sich dadurch das Wettbewerbsumfeld grundlegend: "Für Marken bedeutet das: Sichtbarkeit für LLMs, Schaffung von Relevanz und ganz generell ein neuer Wettbewerb mit veränderten Spielregeln, um erfolgreich im KI-Zeitalter zu bestehen."
In dieselbe Kerbe schlägt Jill Martin, Director Communications bei WPP Media Österreich: "Für Kommunikation und Marketing entsteht eine neue Disziplin der Sichtbarkeit. Gute Inhalte müssen auffindbar, eindeutig, aktuell und zitierfähig sein. Entscheidend ist nicht mehr allein, ob eine Marke angeklickt wird, sondern ob sie in einer KI-Antwort überhaupt vorkommt und dort korrekt eingeordnet wird." Wer in den automatisierten Textausgaben der Sprachmodelle nicht präsent ist, werde in Zukunft schlicht übersehen.
Anwendungsbereiche: Dr. ChatGPT überholt Google bei Gesundheit
Die Studie untersuchte zudem detailliert, bei welchen Aufgabenstellungen welches Werkzeug zum Einsatz kommt. Für Christian Müller gilt die einfache Faustregel: "Für Öffnungszeiten googelt man, zum Nachdenken fragt man die KI." Während Google bei harten Fakten wie Preisen, Nachrichten und Geschäftsöffnungszeiten mit 60 bis 72 Prozent Marktanteil dominant bleibt, führt künstliche Intelligenz bei kreativen Fragestellungen bereits das Feld an. Bei Vergleichen und Kaufentscheidungen holt die Technologie rasant auf und fungiert als persönlicher Helfer bei Essensplänen, Sofa-Flecken oder Wochenendausflügen.
Besonders bemerkenswert: Dr. ChatGPT läuft dem traditionellen Dr. Google zusehends den Rang ab. Ganze 43 Prozent der aktiven KI-Nutzer verwenden Sprachmodelle für medizinische Fragen und Gesundheitsthemen – dies stellt das häufigste Einzelszenario dar, noch vor Kochrezepten oder Haushaltsratschlägen.
Ein kritisches Fazit zieht die Erhebung beim Thema Vertrauen: Zwar geben 61 Prozent der Befragten an, ausgespuckte KI-Antworten zumindest meistens auf ihren Wahrheitsgehalt gegenzuprüfen. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch auch, dass rund vier von zehn Anwendern die generierten Texte völlig unkritisch und ungeprüft übernehmen.