Premiere

"Hotel Savoy": Ofczarek-Solo im Burgtheater

© Tommy Hetzel
Burgschauspieler nimmt sich nach Thomas Bernhard-Erfolg mit der Musicbanda Franui Joseph Roth vor.
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Es gibt Theaterabende, die völlig unerwartet einen Nerv treffen. So geschehen im Herbst 2024 zu Beginn der Burgtheater-Direktion von Stefan Bachmann bei Nicholas Ofczareks furiosem Thomas Bernhard-Solo "Holzfällen" mit der Musicbanda Franui. Zwei Jahre, viele ausverkaufte Vorstellungen und zahllose Gastspiele später stehen der Schauspieler und die Musiker erneut auf der großen Bühne, um das Theaterwunder mit Joseph Roths "Hotel Savoy" zu wiederholen. Das glückt nicht ganz.

"Never change a winning team" heißt es also, und so setzt man erneut auf ein Lesepult, ein paar Scheinwerfer (Licht: Paul Grilj) und einen Roman, den Ofczarek in zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) erneut virtuos vorträgt. Doch wo Bernhards Text geradezu danach schreit, von jemandem wie Ofczarek verkörpert zu werden, sträubt sich Roths 1924 erschienene Heimkehrergeschichte rund um den ehemaligen Kriegsgefangenen Gabriel Dan, der im Hotel Savoy an den "Toren Europas" strandet, bisweilen heftig gegen seine Wiederbelebung.

Nicholas Ofczarek © Tommy Hetzel

Mikrokosmos der Klassenunterschiede

Dabei fährt der 55-jährige Burgschauspieler wie stets alles auf, was ihn ausmacht. Mal auf einem Barhocker sitzend, mal stehend, wuchtet er Roths lakonische Sätze in den vollen Saal, imitiert mit Inbrunst den kroatischen Akzent von Dans ebenfalls heimkehrendem Kriegsfreund Zwonimir, persifliert einen deutschen Arzt, Dans herablassenden Onkel, der kein Geld für die Weiterreise nach Westen herausrücken will, und verleiht dem Abend gemeinsam mit der zehnköpfigen Band einen Rhythmus, der jegliche Langeweile im Keim ersticken müsste. Und doch will dieser Mikrokosmos der Klassenunterschiede im Hotel Savoy, in dem die Uhren für die Reichen in den unteren Geschoßen anders gehen als für die Armen unter dem Dach, nicht so recht die Tragik der gesellschaftlichen Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg greifbar machen.

Nicholas Ofczarek © Tommy Hetzel

Für Franui-Mastermind Andreas Schett lag der Ausgangspunkt für die Produktion in der Auseinandersetzung mit der sogenannten "Silbernen Operettenära", wie die Nationalsozialisten jene Epoche bezeichneten, um die zumeist jüdischen Urheber zu desavouieren. Und so finden sich unter den 20 Stücken des Abends Interpretationen von u.a. Paul Abrahams "Was kümmert mich die ganze Welt" (aus der Operette "Das Blaue vom Himmel"), Bruno Granichstädtens "Da nehm' ich meine kleine Zigarette" (aus "Der Orlow") oder Leo Falls "Heut' könnt einer sein Glück mit mir machen" (aus "Madame Pompadour"). Einzig Franz Lehár blieb von den Nazis verschont, da die "Lustige Witwe" Hitlers Lieblingsoperette war. Daraus intoniert Ofczarek etwa "Da geh' ich zu Maxim" oder "Ich hol' dir vom Himmel das Blau".

In dieser Produktion greifen Handlung und Musik stets ineinander, keine Frage. Aus künstlerischer Sicht ist dieses "Hotel Savoy" einwandfrei gearbeitet. Und doch will der Funke nicht ganz überspringen, zumindest gemessen an der Glanzleistung von "Holzfällen". Ein Vergleich, den man sich gefallen lassen muss, wenn man einen Riesenerfolg mit nur einer veränderten Variable wiederholen will. Das Premierenpublikum zeigte sich nichtsdestotrotz konzentriert und im Beifall mehr als wohlwollend.