Sicher landen

Jetzt kommen AirBags für Radfahrer

Die Tour de France zeigt immer wieder, wie gefährlich Massenstürze sind. Neue, extrem leichte Airbagsysteme in Trikots von Castelli, Van Rysel und Aerobag sollen das jetzt ändern.
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Dass die Fahrt mit dem Rennrad leicht zum Hochrisikospiel wird, ist bekannt. Geschützt wird der Körper der Fahrerinnen und Fahrer nur mit Stoff und einem Helm – während das Tempo in Bergabfahrten gerne jenseits der 100-km/h-Marke wandert. Versuche, dieses Missverhältnis durch zusätzliche Schutzelemente auszugleichen, konnten sich bislang noch nicht durchsetzen. Anbieter wie Mase oder Hövding bieten zwar Airbags für Radfahrer an. Deren Gewicht pendelt sich aber im Bereich um rund einen Kilogramm ein. In Sachen Aerodynamik ist auch noch viel Luft nach oben. Gerade für den Renneinsatz kommen sie damit nicht infrage. Das soll sich künftig ändern. Mit Castelli und Van Rysel haben heuer bereits zwei renommierte Marken Prototypen von Airbags für Rennradfahrerinnen und -fahrer präsentiert, dazu kommt das belgische Start-up Aerobag.

Alles direkt im Trikot

Van Rysel – aus dem Hause Decathlon, das hinter der World-Tour-Team des Österreichers Felix Gall steht – dreht den Spieß bisheriger Airbagkonzepte um und verlagert die Schutzvorrichtung von einer zusätzlich zu tragenden Weste in das Trikot selbst. Die Sensorik des Kooperationspartners In&motion – bekannt für Airbagwesten am Motorrad – analysiert die Fahrdynamik bis zu 1000-mal pro Sekunde. Im Fall eines Sturzes soll sich der Airbag innerhalb von 60 Millisekunden auslösen. Zum Vergleich: Ein Auto-Airbag braucht dafür 30 bis 50 Millisekunden. Geschützt werden Brustkorb, Rippen, Nacken und Wirbelsäulenlinie. Das Airbag-System kommt auf 500 Gramm, inklusive Rennanzug kommt das Modell auf 700 Gramm. Wie lange es dauert, bis das Modell serienreif wird, bleibt offen. Nach der Präsentation wurden jedenfalls die Fahrer des Decathlon-Teams im Training auf Testfahrten geschickt.

Gaskartusche zum einfachen Wechseln

Schon zu Beginn des Jahres stellte das belgische Start-up Aerobag sein gleichnamiges Modell vor, das mit neun Sensoren die Körperdynamik des Trägers untersucht. Im Ernstfall soll der Aerobag, der wie eine Schlinge am Oberkörper getragen und mit der Radhose verbunden wird, innerhalb von nur 100 Millisekunden ein Luftkissen aufblasen, um Nacken, Wirbelsäule, Brust und Hüfte zu schützen. Das gesamte Modell soll 500 Gramm auf die Waage bringen – inklusive austauschbarer CO₂-Kartusche. Die kann nach erfolgtem Einsatz nach Belgien retourniert werden. Denn der Aerobag verfügt zwar bei weitem nicht über die Marketing-Ressourcen von Konkurrent Van Rysel. Was er ihm aber in jedem Fall voraus hat: Er ist schon am Markt erhältlich. Beim Neukauf einer Kartusche – um 90 Euro – bekommt man eine 30 Euro Gutschrift. Der Aerobag-Plug-in, an dem die Kartusche montiert wird, kostet 829 Euro. Angepasst ist der Aerobag an eine專Bibshort des italienischen Anbieters Nalini, die kostet separat nochmal 290 Euro. Für den Testlauf im Profi-Peloton sind die Fahrer des Teams Picnic PostNL zuständig.

Leicht wie zwei Energie-Gels

Kurz vor der Tour de France präsentierte dieser Tage dann der italienische Bekleidungshersteller Castelli den nächsten Prototypen, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Herren-Team Soudal Quick-Step, der Damen-Equipe AG Insurance – Soudal und dem italienischen Tech-Start-up Ragaz. Auch hier geht es um ein Airbag-System, das direkt in die Rennbekleidung integriert ist und vorrangig die Wirbelsäule bei Stürzen schützen soll. Mit Details gibt man sich freilich rar, allerdings soll sich der verbaute Airbag bereits in 200 Millisekunden aufblasen – was im Vergleich zum Van-Rysel-Prototyp oder dem Aerobag ein leichter Startnachteil wäre. Aufhorchen ließ aber die Behauptung, dass das System – ohne Rennradtrikot versteht sich – nur so schwer sei wie "zwei Gels". Das wären, in Alltagssprache übersetzt, 70 bis 80 Gramm – in etwa so viel wie ein Kornspitz. Wann es auch die Protypen auf den Markt schaffen und ob sie dort auf Nachfrage stoßen, ist noch offen. Ob sie tatsächlich dazu beitragen werden, das Verletzungsrisiko am Rennrad zu minimieren, auch.