Vorwürfe gegen Liedermacher

Marie Franz: "Meine toxische Affäre mit Konstantin Wecker"

© Michaela Grönnebaum
Sie war 17 und ein Fan... 20 Jahre später erzählt 
Marie Franz, wie sie mit dem 40 Jahre älteren, verheirateten Liedermacher Konstantin Wecker intim wurde. Legal, aber für ihre junge Seele katastrophal...
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Nach 20 Jahren bricht sie ihr Schweigen

Die erste große Liebe vergisst man nie. Doch was passiert, wenn diese Liebe einem 40 Jahre älteren, berühmten Musiker gilt? Wenn aus der Verehrung eines Idols eine intime Begegnung entsteht – und ein junges Mädchen nicht erkennt, in welchem Machtgefälle sie sich bewegt? 20 Jahre lang schwieg Marie Franz über ihre Erfahrungen mit dem Liedermacher Konstantin Wecker (78). Heute entscheidet sie sich, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen.

Das Buch "Auserwählt" von Marie Franz ist im Verlag Goldblatt um 22 Euro erschienen. © Verlag Goldblatt

Immer mehr Frauen melden sich

In ihrem autobiografischen Buch "Auserwählt" verarbeitet sie die Gefühle, Hoffnungen und Verletzungen ihres 17-jährigen Ichs. Erfahrungen, mit denen die junge Frau nicht alleine ist: Bereits Ende 2025 berichtete eine Frau darüber, als Minderjährige eine intime Beziehung zu Wecker geführt zu haben. Damals entschuldigte sich der Liedermacher öffentlich für sein "unter moralischen Maßstäben ein gänzlich unangemessenes Verhalten". Nun melden sich weitere drei Frauen – Marie Franz ist eine von ihnen. Mit ihrem Buch und ihrem öffentlichen Auftritt möchte sie dazu beitragen, das Bewusstsein für Grooming, Machtmissbrauch und die Dynamiken ungleicher Beziehungen zu schärfen. Das MADONNA-Interview.

Schwere Vorwürfe gegen den beliebten Liedermacher Konstantin Wecker. © Redferns
“Mir wurde erst jetzt klar, wie viel Schmerz darin steckt...”

Marie Franz

Frau Franz, Sie haben Ihre Geschichte mehr als 20 Jahre später aufgeschrieben. Warum gerade jetzt?

Marie Franz: Weil mich die Geschichte nie wirklich losgelassen hat. Ich habe lange versucht, nicht darüber nachzudenken und vieles verdrängt. Im vergangenen Sommer sind mir dann Gedichte in die Hände gefallen, die ich als 17-Jährige an diesen Musiker geschrieben hatte. Als ich sie nach vielen Jahren wieder gelesen habe, wurde mir klar, wie viel Schmerz darin steckt. Gleichzeitig habe ich mein jüngeres Ich mit dem Blick einer erwachsenen Frau betrachtet und verstanden, was diesem Mädchen damals eigentlich widerfahren ist.

Diese Gedichte wurden zum Ausgangspunkt Ihres Buches...

Marie Franz: Ja. Zunächst fand ich sie als Zeitzeugnis interessant. Sie zeigen sehr unmittelbar, wie sich ein junges Mädchen in einer solchen Situation fühlt. Gleichzeitig wurde mir klar, dass diese Texte eine Erklärung brauchen. Unter welchen Umständen sind sie entstanden? Welche Dynamiken standen dahinter? So begann ich, die Geschichte noch einmal aufzuschreiben. Irgendwann entstand daraus der Wunsch, sie nicht nur für mich selbst festzuhalten, sondern mit anderen zu teilen.

Marie Franz schrieb das Buch "Auserwählt" © Michaela Grönnebaum
“Ich will jungen Frauen das Machtgefälle bewusst machen, das oft ausgenützt wird”

Marie Franz

War das Schreiben auch eine Form von Therapie für Sie?

Marie Franz: Absolut. Der eigentliche Aufarbeitungsprozess hat sehr viele Jahre gebraucht, bis er überhaupt begonnen hat. Durch die Arbeit am Buch habe ich alte Tagebücher gelesen, Notizen durchgesehen und mich intensiv mit Literatur über MeToo und Machtmissbrauch beschäftigt. Parallel dazu habe ich begonnen, die Erfahrungen auch therapeutisch aufzuarbeiten. Das würde ich übrigens allen empfehlen, die Ähnliches erlebt hat. Professionelle Unterstützung kann enorm helfen.

Warum haben Sie sich entschieden, mit Ihrer Geschichte, die auch für Schlagzeilen sorgte, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Marie Franz: Weil ich heute sehe, wie verbreitet solche Erfahrungen sind. Seit ich darüber spreche, melden sich so viele Frauen bei mir und erzählen von ähnlichen Erlebnissen – in völlig unterschiedlichen Branchen. Ich möchte jungen Frauen ein Bewusstsein dafür vermitteln, wie Machtgefälle funktionieren und wie sie sich davor schützen können. Als ich 17 war, gab es diese gesellschaftliche Debatte nicht. Es wurde kaum darüber gesprochen. Heute wünsche ich mir, dass Mädchen solche Dynamiken früher erkennen können als ich damals.

Nur schwer kann sie sich neuer Liebe öffnen

Ihre Geschichte hat das Leben von Marie Franz geprägt © Michaela Grönnebaum
“Ich will auch Männern vor Augen führen, wie verletzlich die Seele einer Jugendlichen sein kann.”

Marie Franz

Sie sprechen oft von Machtgefällen. Glauben Sie, dass Männern bewusst ist, welchen Schaden sie anrichten können?

Marie Franz: Ich glaube, vielen ist das nicht ausreichend bewusst. Mir geht es nicht nur darum, Frauen zu stärken. Ich möchte auch Männern vor Augen führen, wie verletzlich die Seele einer Jugendlichen sein kann. Wenn ein erwachsener Mann seine eigenen Bedürfnisse über die Gefühle eines jungen Mädchens stellt, kann das Folgen haben, die Jahrzehnte nachwirken. Genau darüber müssen wir sprechen! Haben Sie jemals eine Entschuldigung erhalten? Franz: Nein. Es gab in den vergangenen Monaten unterschiedliche öffentliche Reaktionen, aber mir persönlich gegenüber gab es keine Entschuldigung. Für mich würde es helfen, wenn Verantwortung übernommen würde. Nicht einmal in erster Linie juristisch, sondern menschlich. Zu sagen: Ja, das war falsch. Ja, es tut mir leid. Das würde die Wunde nicht ungeschehen machen, aber es würde den Heilungsprozess erleichtern. Viele Menschen fragen sich, ob man mit 17 nicht bereits selbst Verantwortung trägt. Was entgegnen Sie darauf? Franz: Das ist ein Argument, das ich oft höre. Deshalb schreibe ich auch über meine Erfahrungen bei einem erneuten Treffen mit Wecker als ich 25 Jahre alt war. Damals war ich deutlich gefestigter und konnte die Verhaltensmuster besser einordnen. Deshalb habe ich auch Nein gesagt und bin gegangen. Natürlich trifft man auch mit 17 Entscheidungen, aber man verfügt nicht über dieselbe Lebenserfahrung und emotionale Reife. Genau deshalb ist ein Machtgefälle zwischen einer Jugendlichen und einem wesentlich älteren Mann so problematisch.

Gab es auch Angst vor Gegenreaktionen, als Sie an die Öffentlichkeit gegangen sind?

Marie Franz: Natürlich. Wer mit solchen Geschichten an die Öffentlichkeit geht, muss damit rechnen, nicht nur Zuspruch zu bekommen, sondern auch Anfeindungen. Ich habe mich lange vorbereitet und juristisch beraten lassen. Am Ende war mir das Thema aber wichtiger. Und die Resonanz hat gezeigt, dass viele Menschen darüber sprechen wollen.

Wie geht es Ihnen heute, konnten Sie sich der Liebe je wieder unbeschwert öffnen?

Marie Franz: Ich bin noch immer in einem Prozess. Mich wirklich auf jemanden einzulassen, war lange schwierig. Aber ich habe das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein.

“Was mir damals passiert ist, war völlig legal, weil Altersunterschiede rechtlich kaum berücksichtigt werden.”

Marie Franz

Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen aus Ihrem Buch mitnehmen?

Marie Franz: Dass sie, wenn sie Ähnliches erlebt haben, verstehen: Die Schuld liegt nicht bei ihnen. Viele Frauen fragen sich jahrelang, ob sie naiv oder leichtgläubig waren. Ich kenne diese Gedanken sehr gut. Heute weiß ich, dass ich keine Schuld trage. Wenn mein Buch dazu beiträgt, dass andere Frauen das früher erkennen und sich gegenseitig unterstützen, dann hat es seinen Zweck erfüllt.

Ein Thema liegt Ihnen besonders am Herzen: die rechtliche Situation. Warum?

Marie Franz: Was mir damals passiert ist, war völlig legal, weil Altersunterschiede rechtlich kaum berücksichtigt werden. In Deutschland gilt ab 16 Jahren das sexuelle Selbstbestimmungsrecht, in Österreich liegt die Grenze sogar bei 14 Jahren. Dabei kann bei Altersunterschieden von 20, 30 oder 40 Jahren ein enormes Machtgefälle entstehen. Mir geht es nicht darum, Jugendlichen ihre Selbstbestimmung abzusprechen. Aber es macht einen Unterschied, ob zwei Gleichaltrige miteinander intim werden oder ob Jugendliche mit einer deutlich älteren Person zusammenkommen. Darüber sollte aus meiner Sicht gesellschaftlich und auch rechtlich stärker diskutiert werden. Zu oft entsteht daraus Leid, das weder Konsequenzen hat noch ausreichend ernst genommen wird.