Sondersitzung

Migranten-Ansturm: Stocker erzwingt EU-Krisengipfel

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22 EU-Chefs, auch Bundeskanzler Stocker, fordern im Fall Ceuta ein koordiniertes europäisches Vorgehen.
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Die EU-Innenminister werden sich am Dienstag in einer Dringlichkeitssitzung mit der durch die Ankunft Zehntausender Migranten in der spanischen Exklave Ceuta ausgelösten Krise befassen. Die irische EU-Ratspräsidentschaft kündigte am Samstag via X eine Videokonferenz zu den "Entwicklungen in Ceuta" an. Die Sondersitzung hatten Staats- und Regierungschefs von 22 EU-Mitgliedstaaten in einem Brief sowie Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez in einem separaten Schreiben gefordert.

Gestern gab es Zusammenstöße nahe Fnideq an der marokkanisch-spanischen Grenze. Tausende Migranten überquerten in der Nacht auf Freitag die Grenze von Marokko in die nordafrikanische, spanische Enklave Ceuta, teilte eine Polizeiquelle gestern mit. Sie fügte hinzu, dass es unmöglich sei abzuschätzen, wie viele Menschen es insgesamt waren. Insgesamt starben 67 Menschen bei dem Versuch, die spanische Enklave zu erreichen. © AFP

Geleitet wird das Treffen demnach von dem irischen Innenminister Jim O'Callaghan. Erörtert werden sollen den Angaben zufolge die Entwicklungen in Ceuta. "Wir stehen weiterhin in engem Kontakt mit allen EU-Mitgliedstaaten und den Institutionen und beobachten die Lage weiterhin aufmerksam", so Martin. Am Montag kommen die Botschafter der EU-Staaten zusammen, um die Entwicklungen zu bewerten und die weitere Koordinierung zu erleichtern.

22 EU-Chefs drängen zu EU-Krisentreffen

Italien und Dänemark initiierten eine gemeinsame Initiative für ein koordiniertes europäisches Vorgehen. In einem Schreiben, das die dänische Regierung veröffentlichte, fordern 22 Staats- und Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP), die rasche Einberufung einer außerordentlichen Videokonferenz der EU-Innenminister. Der Brief richtet sich an EU-Ratspräsident António Costa, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie den irischen Regierungschef Micheál Martin, dessen Land die EU-Ratspräsidentschaft innehat.

Infobox: Die Hintergründe der Ceuta-Krise
Der beispiellose Ansturm und das schnelle Ende:
Binnen kürzester Zeit strömten bis zu 60.000 Menschen in die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta. Ausgelöst wurde diese Massenbewegung maßgeblich durch Gerüchte in sozialen Netzwerken, die falsche Hoffnungen auf eine offene Grenze, garantierte Unterkünfte und eine Weiterreise auf das europäische Festland schürten. Vor Ort wich die anfängliche Euphorie jedoch schnell der bitteren Realität: Ohne Versorgung und unter dem massiven Druck der spanischen Sicherheitskräfte kehrte die überwältigende Mehrheit der Ankömmlinge bereits nach kurzer Zeit wieder nach Marokko zurück, wodurch sich die akute Lage rasch entspannte.
Politische Spannungen und Perspektivlosigkeit als Treiber:
Beobachter gehen fast einstimmig davon aus, dass der massenhafte Grenzübertritt ohne das gezielte Wegschauen der marokkanischen Sicherheitsbehörden nicht möglich gewesen wäre. Es wird stark vermutet, dass Rabat die Migration als politisches Druckmittel gegen Spanien einsetzt – etwa als Reaktion auf Madrids Annäherung an Algerien, den Streit um die Westsahara oder um seine Machtposition als Grenzpolizist für Europa zu demonstrieren. Den Nährboden für die Krise bildet zudem die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit in Marokko, die unzählige Menschen aus reiner Perspektivlosigkeit in die Arme von Schmugglernetzwerken und auf den gefährlichen Weg Richtung EU treibt.

EU-Kommissar versichert: Kein Migrant ist aufs Festland gekommen

EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte nach einem Telefonat mit Spaniens Außenminister José Manuel Albares: "Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten." Nach Albares Angaben sind nahezu alle der mindestens 50.000 irregulär eingereisten Menschen von Ceuta nach Marokko zurückgekehrt. Mindestens 57 Menschen waren beim Überqueren der Grenze nach Ceuta übers Meer ums Leben gekommen.

EU-Migrationskommissar Magnus Brunner (ÖVP) © APA/MICHAEL BRANDT

Sánchez kritisiert einige EU-Mitgliedsstaaten

Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez hatte in einem separaten Schreiben an die Spitzen der europäischen Institutionen ebenfalls eine Sondersitzung der EU-Innenminister gefordert. Angesichts der europäischen Kritik am Umgang seines Landes mit der Migrationskrise in Ceuta warf Sánchez einigen Mitgliedstaaten eine "egoistische" und "rechtswidrige" Reaktion vor. Drohungen anderer Länder mit einem Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum bezeichnete er als "demagogisch".

Am Freitag versammelten sich Migranten, die versuchten, in die nordafrikanische, spanische Exklave Ceuta zu gelangen. © APA/AFP/ABDEL MAJID BZIOUAT

Auslöser des Streits war die Ankunft Zehntausender Migranten in Ceuta, das an Marokko grenzt. Seit Wochenbeginn waren bis zu 60.000 Menschen von Marokko auf dem Land- oder Seeweg in das Gebiet gekommen, wie der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska sagte. Mindestens 67 Migranten kamen nach Angaben der spanischen Regierung auf dem Weg nach Ceuta ums Leben. Nach Angaben des spanischen Innenministeriums kehrte mittlerweile "fast die Gesamtheit" der angekommenen Migranten nach Marokko zurück.

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49.000 Migranten gelangen in spanische Exklave Ceuta


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Stocker warnt vor nationalen Alleingängen

"Was wir derzeit in der spanischen Exklave Ceuta erleben, zeigt einmal mehr, dass wir alles daransetzen müssen, illegale Migration wirksam zu verhindern. Wir dürfen nicht zulassen, dass die jüngsten Ereignisse den Eindruck vermitteln, eine illegale Einreise in die Europäische Union könne am Ende zu einem legalen Aufenthalt führen", betonte Stocker in einer Aussendung. Wer gemeinsame europäische Asyl- und Migrationsregeln wolle, dürfe sie nicht durch nationale Alleingänge unterlaufen.

Europaministerin Claudia Bauer (ÖVP) übte scharfe Kritik an Spaniens Migrationspolitik: "Hunderttausenden illegalen Migranten ein Eintrittsticket in die EU zu schenken und das völlig kontraproduktive Urteil des spanischen Höchstgerichtes bezüglich schwimmender Migranten, haben gemeinsam diese Bilder provoziert", sagte sie laut Aussendung. In Spanien haben zuletzt im Zuge des Regularisierungsprogramms der Links-Regierung über eine Million Ausländer eine Legalisierung ihres Aufenthalts beantragt.

Meinl-Reisinger: Lage wieder unter Kontrolle

Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) teilte mit, ihr spanischer Kollege José Manuel Albares habe bestätigt, dass mehr als 48.000 der in Ceuta angekommenen Menschen bereits nach Marokko zurückgekehrt seien. Niemand von ihnen sei auf das europäische Festland gelangt. "Die europäischen Regeln greifen, die Zusammenarbeit funktioniert, und die Lage konnte rasch wieder unter Kontrolle gebracht werden", betonte Meinl-Reisinger.

FPÖ-Chef Herbert Kickl forderte Stocker und die Bundesregierung dazu auf, sofort einen Asylstopp zu verhängen und die Bevölkerung mit einer "Festung Österreich" zu schützen. "Die spanische EU-Außengrenze wird von illegalen Einwanderern überrannt. Es herrschen Chaos und Kontrollverlust, die an das Katastrophenjahr 2015 erinnern. 2015 darf sich aber keinesfalls wiederholen", sagte Kickl am Samstag laut Aussendung. Die Bundesregierung dürfe nicht abwarten, "bis die neuen Völkerwanderer an unserer österreichischen Grenze stehen".

"Es muss beides möglich sein: Menschen und Grenzen zu schützen", forderte der Präsident der Caritas Europa, Michael Landau, laut Kathpress. Landau erteilte Tendenzen zu nationalistischer Abschottung eine Absage: "Wir werden für die großen Themen mehr Europa brauchen, nicht weniger." Und klar sei damit auch: Das Thema Sicherheit müsse "breiter gedacht werden als bisher". Landau forderte mehr Augenmerk auf die Frage, was Menschen helfe, in ihren Heimatländern und -regionen Sicherheit und Perspektiven zu finden.

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Fast alle Migranten verlassen Ceuta

Die meisten der nach Ceuta vorgedrungenen Menschen haben nach Angaben der spanischen Regierung die spanische Exklave bereits wieder verlassen und sind nach Marokko zurückgekehrt. Mindestens 67 Migranten kamen ums Leben. Einsatzkräfte suchen auch am Samstagvormittag das Meer weiter ab. Die meisten Menschen seien bei dem Versuch ertrunken, schwimmend von Marokko aus in die Exklave zu gelangen, berichtete bereits am Freitag der staatliche Fernsehsender RTVE unter Berufung auf einen Sprecher des Innenministeriums in Madrid.

Ein spanischer Soldat eskortiert am 1. August eine Gruppe von Migranten auf ihrem Rückweg in Richtung der marokkanischen Grenze, nach deren illegalem Grenzübertritt in die spanische Exklave Ceuta. © APA/AFP/JORGE GUERRERO

In der Exklave Melilla kontrollierten in der Nacht zahlreiche Streifenwagen der Guardia Civil den Grenzverlauf. Unbekannt blieb, wie viele Menschen versuchten, den dortigen Grenzzaun zu überqueren oder gar in die Stadt gelangten. Ein Reporter von RTVE sprach von "mehreren Versuchen".

Am Abend war es an der Grenze zwischen Marokko und Melilla laut dem staatlichen Fernsehsender RTVE zu Auseinandersetzungen mit Beamten gekommen. Mehrere Menschen hätten Steine auf die Sicherheitskräfte geschleudert, während diese Tränengas eingesetzt hätten.

Spanien: Solidarität ist freiwillig, europäische Verträge nicht

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez konterte die Kritik einiger EU-Mitgliedstaaten an der spanischen Migrationspolitik. Er rief dazu auf, an einem starken und geeinten Europa weiterzubauen - und Europa nicht zu spalten. "Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig", schrieb er auf der Plattform X. Die Achtung der europäischen Verträge sei es jedoch nicht.

Italien hat nach Angaben der rechten Regierung in Rom das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU gegenüber Spanien vorübergehend ausgesetzt. Bei Reisen mit dem Flugzeug oder Schiff sollen wieder Grenzkontrollen durchgeführt werden.