Interview

Noga Erez: "Wir sind Aktivisten für den Frieden"

Sie gilt als Israels heißester Musikexport. Eine neue Doku zeigt Noga Erez und ihren Partner Ori Rousso hautnah. Das Interview über den Film, ihre Arbeit und Hass im Netz.
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Noga Erez © Getty Images

Sie wirkt oft unerschrocken, ist für ihren innovativen Sound bekannt und nimmt sich kein Blatt vor den Mund: Die Sängerin und Songwriterin Noga Erez (36) gehört zu den bekanntesten Künstler:innen Israels und ist in den letzten Jahren zu einem gefragten internationalen Star avanciert. Sie hat mit Robbie Williams gearbeitet und Billie Eilish zählt zu ihren größten Fans, sie spielt in ausverkauften Konzerthallen und kämpft darum, weiter gehört zu werden.

Doku im Kino

Noga ist die Frau im Scheinwerferlicht. Untrennbar mit ihrem Erfolg verbunden ist Ori Rousso (38), ihr Co-Autor, Produzent und musikalischer wie privater Partner. Die Doku "Noga" (jetzt im Kino) von Jono und Benji Bergmann zeigt Noga und Ori hautnah, begleitet sie über einen Zeitraum von fünf Jahren durch eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät, durch berufliche Erfolge, politische Zuspitzungen, persönliche Spannungen und private Krisen. In MADONNA spricht das Künstler-Paar über die Dokumentation, seine Arbeit und seine Musik.

Das Interview

"Noga" kam an gerade bei uns in die Kinos. Wie kam es zu diesem Projekt?

Noga Erez: Vor etwa fünf Jahren kamen Jono und Benji Bergmann auf uns zu. Sie meinten: "Wir wollen eine Dokumentation über dich machen." Das war sehr direkt. Wir haben Jono in einem Studio in Tel Aviv getroffen und mit ihm geredet. Wir wollten herausfinden, warum er denkt, es sollte eine Doku über uns geben. Wir waren nicht der Meinung, dass es da eine Geschichte gibt. Durch dieses Gespräch entstand ein Vertrauen. Wir haben auch ihre anderen Filme gesehen und…
Ori Rousso: ... es war besser als erwartet.

Ist es Ihnen schwergefallen, sich vor einem Filmteam zu öffnen?

Noga: Es war meistens nur Roei Morad, der Kameramann. Er ist ein guter Freund von uns. Wir haben schon vorher mit ihm gearbeitet und ihn für den Film empfohlen. Daher haben wir uns sehr wohl gefühlt. Am Anfang nicht ganz, aber mit der Zeit haben wir die Kamera vergessen und uns sehr sicher und natürlich gefühlt.
Ori: Sie kamen in einer Phase zu uns, in der wir eine kleine Pause machten. Sie dachten, sie machen eine Doku über ein Paar, das Musik macht, aber wir waren zu der Zeit kein Paar. Wir haben ihnen das nicht gesagt. Nach etwa einem Monat stellten wir fest: "Wenn wir das machen, müssen wir es richtig machen." Also haben wir sie angerufen. Ich glaube, sie waren froh, weil es für Dokumentarfilmer immer erfreulich ist, interessante Neuigkeiten zu hören.

Jetzt im Kino: "Noga" © Filmladen Filmverleih

Sie haben sich sehr ungefiltert und verletzlich gezeigt. Das muss ein großer Schritt gewesen sein.

Noga: Zeitweise definitiv. Es fühlte sich manchmal an, als wären sie zu viel da. Ich habe es ständig hinterfragt. Ich denke, dass man im Film am Ende ein Bild von etwas sehr Verletzlichem bekommt. Aber das meiste Material, das sie aufgenommen haben, war sehr langweilig. Es ist interessant, darüber nachzudenken, weil man fünf Leute hat, die fünf Jahre lang ihr Leben leben. Im Film sieht man die Highlights. Es wirkt wie eine Abfolge von Verletzlichkeit und Drama. Aber im echten Leben waren sie viel mit uns im Studio, ohne etwas Interessantes einzufangen.

Ori: Sprich für dich selbst. (lacht)

Wie war es, die fertige Dokumentation zu sehen und zu diesen schwierigen Phasen zurückzukehren?

Noga: Es war nicht einfach, sich selbst so zu sehen. Aber am Ende der 96 Minuten fühlte es sich an, als würden wir einen guten Film sehen. Mir sind bestimmte Verhaltensweisen aufgefallen und Dinge, die ich tue, Kleinigkeiten, bei denen ich mich ein bisschen fremdschäme. Wir haben den Film noch mehrmals gesehen, vor Kurzem mit einem Haufen Fremder.

Ori: Tausend Fremden!
Noga: Tausend bei jeder Vorführung. Es ist sehr bewegend. Das ist eine sehr einzigartige Erfahrung, die die meisten Menschen nicht machen dürfen. Mir kommt vor, als würde ich auf meinem Sterbebett sehr froh darüber sein, dass ich das gemacht habe.

“Wir sind Aktivisten für den Frieden und wir sagen das in jeder einzelnen Show, die wir spielen.”

Noga Erez

Sie gehen gemeinsam durch Ihr Berufs- und Ihr Privatleben. Wie gelingt Ihnen das?

Ori: Jeder Tag ist ein Kampf! (lacht) Nein, aber wir nehmen es sehr ernst, weil es nicht einfach ist. Wir machen so etwas wie Paartherapie und wir arbeiten daran, zu diskutieren. Wir versuchen, Grenzen oder Regeln festzulegen, damit wir psychisch gesund bleiben. Wir machen das jetzt seit fast 13 Jahren und wir steigen die Leiter immer weiter hoch. Ich schätze, wir machen etwas richtig.

Sie haben viel Gegenwind erlebt. Wie gehen Sie damit um?

Noga: Wir gehen damit unterschiedlich um. Seit wir bekannter sind haben Dinge, die wir tun oder nicht tun, sagen oder nicht sagen, diesen Effekt auf die Außenwelt, besonders auf Social Media. Für mich ist die erste Verteidigungslinie, mich komplett davon zu isolieren. Meine Strategie ist, zu wissen, dass es passiert ist, aber es nicht mit eigenen Augen zu sehen. Ori muss leider derjenige sein, der das durchgeht, der diese fiesen Nachrichten sieht, die Kommentare. Derjenige, der weiß, ob etwas ernst ist oder ob es groß oder viral wird oder ob es nur eine vorübergehende Sache ist. Er beschützt mich also auf diese Weise. Ich darf in meiner eigenen Welt leben, ohne jede Verbindung zu Social Media, und er bekommt den ganzen Scheiß ab.
Ori: Das erste Mal, als wir das erlebt haben, kam es aus Israel. Es war kein Backlash von außerhalb. Wie viele erste Male war es schockierend und traurig und beängstigend und verrückt. Ich denke, jetzt sind wir ein bisschen mehr daran gewöhnt. Es ist nie schön, aber wir sind jetzt abgehärtet und wir wissen, wie wir besser reagieren als in der Vergangenheit.

Sind Sie über die Jahre vorsichtiger geworden?

Ori: Das ist etwas, das wir lernen müssen. Zum Beispiel, was die Leute aus Dingen, die wir sagen, herausnehmen können. Nur eine Zeile oder einen Satz.

Noga: "Vorsichtig" ist nicht das richtige Wort. Man muss verstehen, was was ist. Social Media ist ein Ort, an dem man Hass schüren kann, ohne es zu beabsichtigen. Dafür sind wir nicht hier. Wir sind hier, um Liebe zu fördern, Verbindung zu fördern. Wir sind Aktivisten für den Frieden und wir sagen das in jeder einzelnen Show, die wir spielen. Wenn wir etwas sagen, das auf Social Media Hass schürt, ist die einzige Schlussfolgerung, dass das nicht die Plattform ist, um Gedanken, Meinungen oder Gefühle auszudrücken. Zum Glück sind wir Musiker und wir haben diese unglaubliche Plattform, auf der wir zu 100 Prozent ehrlich sind, ohne Filter. Wir haben ein Ventil und können dort frei sein.

Noga Erez und Ori Rousso mit Robbie Williams. © Babka Film

Wenn Sie an Ihren internationalen Durchbruch denken: Gab es einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, jetzt haben Sie es geschafft oder kam das nach und nach?

Noga: Ich glaube nicht, dass wir jemals das Gefühl haben, es geschafft zu haben. Es gibt immer noch Raum für mehr. Wir fühlen uns sehr glücklich und sehr gesegnet, dort zu sein, wo wir sind. Wir sehen weiterhin, dass es, wie Ori sagte, die Leiter hochgeht. Ich weiß nicht, ob wir jemals das Gefühl haben werden: "Okay, wir haben es geschafft und jetzt können wir uns ausruhen."
Ori: Erst wenn wir sterben. (lacht)

Sie arbeiten an Ihrem nächsten Album. Können Sie schon etwas darüber verraten?

Ori: Es ist fantastisch!
Noga: Es ist fantastisch und es verschiebt Grenzen. Das Einzige, was für uns zählt, ist, dass das aktuelle Projekt besser ist als das vorherige. "The Vandalist" ist ein großartiges Album, aber ich denke, unser nächstes ist besser.

Jono & Benji Bergmann über "Noga"

Fünf Jahre haben die österreichischen Dokumentarfilmemacher Jono und Benji Bergmann an "Noga" gearbeitet. Der Film über die israelische Sängerin und Songwriterin Noga Erez und ihren Partner Ori Rousso wurde zu einem intimen Porträt über die Musikerin, ihre Arbeit und ihre berufliche wie private Beziehung zu Ori. "Noga" erzählt von dem Balanceakt zwischen politischem Diskurs, öffentlicher Zuschreibung, Cancel Culture sowie dem Wunsch nach künstlerischer Freiheit und Selbstbestimmung. In MADONNA spricht das Produzenten- und Regieduo Jono und Benji Bergmann, das für seine Doku "Wirecard – Die Milliarden-Lüge" (2021) für den Deutschen Fernseh-Preis und den Grimme-Preis nominiert wurde, über ihren neuen Film und die Arbeit mit dem Künstlerpaar Noga Erez und Ori Rousso.

Erfolgreiche Brüder: Benji und Jono Bergmann sorgten mit ihrem Film "Wirecard – Die Milliarden-Lüge" für Aufsehen. Ihr neuestes Werk "Noga" ist gerade bei uns angelaufen. © Babka Productions

Wie ist die Idee entstanden, eine Doku über Noga Erez und Ori Rousso zu machen?

Jono & Benji Bergmann: Wir haben Noga 2021 kennengelernt und ziemlich schnell gemerkt: Da ist sehr viel los. Musikalisch, politisch – und zwischen den beiden sowieso. Das hat uns natürlich auch als Brüder-Duo interessiert. Also haben wir angefangen zu drehen, ohne genau zu wissen, wo wir landen.

Was bedeutet Nogas Musik für Sie?

Bergmann: Wir mögen, dass ihre Musik gleichzeitig persönlich und politisch sein kann, ohne einem ständig zu erklären, was man jetzt denken soll. Sie ist laut, widersprüchlich, verletzlich, macht Spaß, ist manchmal ein bisschen drüber. Also eigentlich ziemlich nah an dem Film, den wir machen wollten.

Ori Rousso und Noga Erez zeigen sich in der Doku von Jona und Benji Bergmann sehr intim. © Babka Film

Gab es eine zeitliche Begrenzung oder kam ein Punkt, an dem Sie das Gefühl hatten, das ist es jetzt?

Bergmann: Es gab keinen festen Endpunkt. Irgendwann hatten wir einfach das Gefühl: Der Bogen ist da. Nicht weil ihr Leben plötzlich zu Ende erzählt war, sondern weil unser Film es war. Bei einem Dokumentarfilm könnte man theoretisch immer weiterdrehen. Irgendwann muss man ihn verlassen. Im besten Fall sagt einem das der Instinkt, im schlechtesten Fall das Budget.

Der Film ist sehr intim geworden. Wie haben Sie das Vertrauen der beiden gewonnen?

Bergmann: Vor allem durch Zeit. Fünf Jahre lang da sein, auch wenn gerade nichts Spektakuläres passiert. Irgendwann ist die Kamera dann weniger ein Fremdkörper und mehr ein Möbelstück, das halt immer mit im Raum steht.