Weißer Schnee reflektiert im Normalfall den überwiegenden Teil der einfallenden Sonnenstrahlen direkt zurück ins Weltall. Durch die Ausbreitung von mikroskopisch kleinen Algen verliert die Oberfläche der Antarktis jedoch genau dieses Rückstrahlvermögen, was in der Wissenschaft als Albedo-Effekt bezeichnet wird. Wie die American Geophysical Union (AGU) aktuell berichtet, führt der Befall mit grünen Schneealgen dazu, dass der Untergrund bis zu 40 Prozent mehr Sonnenenergie aufnimmt als saubere, schneeweiße Flächen.
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Auch rötliche Schneealgen verändern die thermische Bilanz des eisigen Kontinents messbar. Frühere Untersuchungen zeigten bereits, dass rote Schneealgen rund 20 Prozent mehr Sonnenenergie absorbieren – die grünen Organismen weisen somit eine doppelt so hohe Wärmeaufnahme auf. Die zusätzliche Energie heizt die oberste Schicht spürbar auf und treibt den Schmelzprozess an den antarktischen Küsten rasant voran.
Schneeproben belegen Phosphat-Konzentration
Die im Fachmagazin Journal of Geophysical Research: Biogeosciences veröffentlichte Studie stützt sich auf 111 Schneeproben, die ein Forschungsteam während des antarktischen Sommers 2025 an neun verschiedenen Küstenstandorten der Westantarktischen Halbinsel gesammelt hat. Im Labor analysierten die Experten die genaue Anzahl der Algenzellen, deren Farbstoffe sowie den Gehalt an Phosphat.
In grün verfärbtem Schnee wiesen die Wissenschaftler somit eine rund 70-mal höhere Phosphatkonzentration nach als in unverfärbtem Vergleichsschnee. Die Daten belegen eindeutig, dass die Algenmenge mit der verfügbaren Nährstoffmenge drastisch ansteigt – mit Spitzenwerten überall dort, wo Wildtiere leben.
Wie Pinguine als biologischer Dünger wirken
Die Ursache für diese enormen Phosphatkonzentrationen liegt im Beutezug der Meeresvögel. Pinguine fressen im Ozean vorzugsweise Krill, Fische und winzige Meerestiere. Über ihren Kot transportieren die Vögel riesige Mengen an lebenswichtigen Nährstoffen aus dem Meer direkt auf die vereisten Landflächen. Vor allem in der unmittelbaren Umgebung großer Brutkolonien reichert sich dieser natürliche Dünger zentimeterdick an.
Während des kurzen antarktischen Sommers nutzen die Schneealgen diese reichhaltige Nahrungsgrundlage für ein explosionsartiges Wachstum. Bei passenden Witterungsbedingungen bilden sie massenhaft grünes Chlorophyll, betreiben intensive Fotosynthese und vermehren sich derart stark, dass ganze Berghänge und weite Ebenen eine intensiv grüne Färbung annehmen. "Der Pinguinkot dient als Dünger, der diese dichten grünen Schneealgenblüten fördert", erklärt die Biogeochemikerin Alia Khan von der University of Colorado Boulder die biologische Kettenreaktion.
Schutzpigment Astaxanthin färbt Algen rot
Herrscht hingegen akuter Nährstoffmangel oder ist die Sonneneinstrahlung extrem intensiv, passen sich die Algen an. Sie bilden das rötliche Carotinoid Astaxanthin, das wie eine natürliche Sonnencreme empfindliche Zellstrukturen vor aggressiver UV-Strahlung abschirmt. Rote Algen stellen meist robuste Dauerstadien dar, um extreme Kälte und karge Phasen zu überdauern, während die grünen Algenformen unter dem massiven Einfluss des Pinguinkots die aktivste Wachstumsphase markieren.
Parallel dazu verändern steigende Temperaturen die antarktische Tierwelt nachhaltig: Während Eselspinguine ihren Lebensraum immer weiter nach Süden ausdehnen, gehen die Bestände von Adélie- und Zügelpinguinen gebietsweise zurück. Auch die Verfügbarkeit von Krill entscheidet darüber mit, welche chemische Fracht die Tiere an Land abladen.
Bisherige Schmelz-Prognosen könnten falsch liegen
Die Studienautoren warnen vor den weitreichenden Konsequenzen für künftige Klimavorhersagen, da biologische Prozesse bisher vernachlässigt wurden. Studienleiterin Alia Khan mahnt eindringlich: "Ohne die biologischen Verdunkelungseffekte unterschätzen wir möglicherweise, wie schnell küstennahe Schneedecken schmelzen und sich eisfreie Gebiete in der Antarktis ausbreiten."
Da die aktuellen Daten aus einer einzigen Feldsaison stammen, fordern Experten nun langfristige Messreihen, um das exakte Ausmaß dieser Schmelzbeschleunigung exakt beziffern zu können.