Neue Gefahr
Putin könnte drei EU-Länder einkesseln
Der Krieg in der Ukraine zeigt längst direkte Auswirkungen auf die anderen Nachbarländer Russlands. Im Fokus der russischen Aggressionen stehen derzeit besonders Estland, Lettland und Litauen, wo bereits Drohnenflüge über EU-Gebiet, gestörte GPS-Signale auf der Ostsee und Angriffe auf die Infrastruktur registriert wurden. Historiker Jan C. Behrends von der Viadrina-Universität erklärt dazu in BILD: Das Baltikum sei "für Putin aus historischen und geografischen Gründen relevant". Da diese Staaten bis 1991 sowjetisch besetzt waren, betrachte der Kreml sie als sein rechtmäßiges Einflussgebiet, wodurch Putin die drei EU-Länder langfristig einkesseln könnte.
Die Schwachstelle des Westens
Als zentrale Schwachstelle für das westliche Verteidigungsbündnis gilt der sogenannte Suwalki-Korridor. Dieser lediglich 65 Kilometer breite Landstreifen zwischen Litauen und Polen bildet die einzige Landverbindung zwischen Westeuropa und dem Baltikum. Wladimir Putin könnte versuchen, diese strategische Verbindung zu kappen, um seinen Einfluss in Europa weiter auszubauen. Militäranalyst Franz-Stefan Gady gibt in BILD jedoch zu bedenken, dass es "für das Abschneiden des Baltikums gar keiner physischen Invasion bedarf, denn russische Truppen müssten den Suwalki-Korridor nicht einmal besetzen. Ferngesteuerte Minen, Drohnen und Raketenartillerie reichen aus, um die Region unter Feuerkontrolle zu nehmen." Auf diese Weise wäre die Region komplett isoliert, "ohne dass ein russischer Soldat die Grenze überschreitet", so Gady weiter.
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Bereits laufende hybride Attacken
Ein direktes militärisches Vorgehen gilt aktuell als unwahrscheinlich, da die russische Armee derzeit in der Ukraine gebunden ist. Zudem könnte Russland seine Exklave Kaliningrad schwerer verteidigen als die Nato das Baltikum, wie der estnische Sicherheitsexperte Erkki Koort darlegt. Er warnt allerdings: "Immer wenn die russische Armee an der Front schlecht dasteht, erhöht sie das Ausmaß hybrider Angriffe." Diese Angriffe finden bereits statt und äußern sich durch Desinformation, Cyberattacken auf digitale Netzwerke sowie Manipulationen an der strukturellen Infrastruktur wie den Ostseekabeln. Seit 2022 haben zudem die von Kaliningrad ausgehenden Störungen von Navigationssignalen massiv zugenommen, was den Flug- und Schiffsverkehr gefährdet.
Machtverhältnisse in der Ostsee
Trotz dieser Störbannmeile wird Russland laut Historiker Behrends die Hoheit über die Ostsee nicht erlangen. Durch die Nato-Erweiterung um Schweden und Finnland geht es primär um die Dominanz im Ostseeraum, wobei Russland nur noch über St. Petersburg und Kaliningrad freien Zugang zum Meer besitzt. In Kaliningrad befinden sich allerdings bereits russische Raketen, die auch Berlin erreichen könnten. Eine zusätzliche Gefahr droht von innen, insbesondere in der estnischen Grenzstadt Narwa, deren Bevölkerung überwiegend russischsprachig ist und die vom Kreml als "russisches Land" angesehen wird. Eine akute militärische Bedrohung könnte hier laut Behrends entstehen, "wenn es in der Ukraine einen Waffenstillstand geben sollte. Denn dann würden dort mehrere Hunderttausend russische Soldaten frei, die der Kreml an anderer Stelle einsetzen könnte".