Josefstadt

Romeo und Julia als Endzeit-Thriller mit KI-Fürst

© Patrick Rieser
Das Theater in der Josefstadt wagt zum Auftakt der Saison eine radikale Neudeutung von William Shakespeares wohl berühmtestem Liebesdrama. In einer postapokalyptischen Endzeit-Ästhetik inszeniert Regisseur Stefan Pucher die unsterbliche Tragödie rund um verfeindete Dynastien, verlorene Jugend und die verzweifelte Sehnsucht nach echter Emotion.
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In der Inszenierung von Regisseur Stefan Pucher verwandelt sich das traditionsreiche Liebesdrama "Romeo und Julia" in eine bedrückende, barbarisch-anachronistische Endzeitwelt. Das fiktive Verona ist keine romantische italienische Renaissance-Metropole mehr, sondern eine dem sicheren Untergang geweihte Ruinenstadt. Auf der traditionsreichen Wiener Bühne bewegen sich die handelnden Akteure in den sichtbaren Trümmern ihres einstigen Wohlstands. Von der einstigen Pracht der wohlhabenden Geschlechter ist nichts übriggeblieben: Die Familien sind vollkommen ortlos geworden, ihr gesamter Besitz hat sich auf das nackte Überleben in einem einzigen heruntergekommenen Wohnwagen reduziert.

Über dieser zerrütteten Szenerie schwebt eine unbarmherzige, traditionelle Feindschaft, deren eigentlichen Ursprung längst niemand mehr kennt. Der Grund für den Hass ist im Laufe der Generationen vollkommen in Vergessenheit geraten. Es tobt ein erbarmungsloser Krieg um des reinen Krieges willen, der unablässig unzählige Opfer fordert und jede Menschlichkeit erstickt. Inmitten dieses ausweglosen Chaos versucht eine technologische Instanz für Ruhe zu sorgen: Einzig ein künstlich intelligenter, KI-gesteuerter Fürst versucht mit leeren rhetorischen Phrasen verzweifelt, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten.

Lucien Haugs Neuübersetzung im klassischen Versmaß

Für die Textfassung zeichnet der renommierte Schweizer Autor Lucien Haug verantwortlich, der vom Theater in der Josefstadt mit einer Neuübersetzung des kanonischen Werkes beauftragt wurde. Haug geht in seiner Textarbeit äußerst behutsam und präzise vor: Er behält das klassische Shakespeare’sche Versmaß konsequent bei, verleiht den Dialogen jedoch eine zeitgenössische Dringlichkeit und schärft die psychologischen Profile der Figuren nach.

Seide Noffke (Julia), Leonard Dick (Romeo) © Patrick Rieser

In seiner Übersetzung sind alle Figuren Suchende in einer feindseligen Umgebung, in der die beiden Sippen nicht nur gegeneinander kämpfen, sondern auch in ihrem eigenen Inneren tief zerrüttet und verfeindet sind. Romeo tritt als in sich gekehrter junger Mann auf, der sich vor der Zerstörung und Kälte der Welt versteckt. Julia wiederum wird von ihren autoritären Eltern gezähmt und soll gesellschaftlich anständig verheiratet werden, entwickelt sich jedoch zu einer widerständigen, mutigen Persönlichkeit.

Liebe als radikaler Sprengstoff gegen die Elterngeneration

Die Begegnung der beiden jungen Menschen markiert den Beginn eines verzweifelten Versuchs, in einer verrohten Umwelt überhaupt erst zu begreifen, was Liebe bedeutet. Sie lernen aneinander ein Gefühl kennen, das die Welt, in die sie hineingeboren wurden, längst verlernt und verdrängt hat. Diese Leidenschaft entzündet sich gleichermaßen an und trotz ihrer offenkundigen Unmöglichkeit und mündet in die bedingungslose Entschlossenheit, notfalls für dieses Gefühl das eigene Leben zu opfern.

Olivia Grigolli (Amme), Lukas Holzhausen (Pater Lorenzo) © Patrick Rieser

Damit avanciert der leidenschaftliche Liebesbegriff zum Sprengstoff gegen die erstarrte Feindseligkeit der Elterngeneration. Er steht der kalten, bürokratisch verwalteten Scheinliebe und der gesellschaftlich verordneten Emotionslosigkeit unversöhnlich gegenüber. Gleichzeitig arbeitet Haugs Übersetzung virtuos mit dem kollektiven Vorwissen des Publikums. Da Romeo und Julia zu den meistgespielten Theaterstücken der Weltgeschichte zählt, fließt das ständige Bewusstsein um den tragischen Ausgang als permanenter Subtext in das Bühnengeschehen ein.

Premiere und Aufführungsdaten im Herbst 2026

Mit dieser anspruchsvollen Bearbeitung setzt das Theater in der Josefstadt ein klares künstlerisches Ausrufezeichen in der österreichischen Theaterlandschaft. Die Symbiose aus klassischem Textmaß und düsterer Zukunftsvision verspricht eine theatrale Auseinandersetzung, die den Mythos von seiner kitschigen Verklärung befreit und die zeitlose Sprengkraft der Vorlage freilegt.

Theaterbegeisterte sollten sich den Eröffnungstermin vormerken: Die feierliche Premiere von "Romeo und Julia" in der Fassung von Lucien Haug und unter der Regie von Stefan Pucher findet am Donnerstag, dem 1. Oktober 2026 im Theater in der Josefstadt statt.