Stammstrecke
S-Bahn-Sperre wird ultimativer Öffi-Stresstest
Nach wochenlangen Einschränkungen kehrt auf einem wichtigen Teil der S-Bahn-Stammstrecke wieder der reguläre Betrieb zurück. Die ÖBB nehmen den Abschnitt zwischen Praterstern und Floridsdorf sowie die Nordäste Richtung Jedlersdorf, Gerasdorf und Süßenbrunn planmäßig wieder in Betrieb. Lange währt die Entspannung allerdings nicht. Mit dem Schulstart am Montag beginnt die nächste große Sperre.
Kabelbrand brachte Zeitplan ins Wanken
Auf dem Abschnitt zwischen Praterstern und Floridsdorf wurde während der Sommersperre das digitale Zugsicherungssystem ETCS Level 2 eingerichtet. Geschwindigkeit, Fahrtrichtung und Abstände zwischen den Zügen können damit laufend überwacht werden. Langfristig sollen so dichtere Intervalle und mehr Kapazität auf der bestehenden Strecke möglich werden.
Zwischenzeitlich stand der Zeitplan auf der Kippe. Am 13. August war in einem Schacht vor dem Stellwerk Praterstern ein Kabelbrand ausgebrochen. Die Schäden trafen die ÖBB nur wenige Wochen vor dem geplanten Ende der Arbeiten. Trotzdem konnte der Nordabschnitt rechtzeitig fertiggestellt werden.
"Der Kabelbrand hat sowohl unsere Fahrgäste als auch unsere Mitarbeiter vor enorme Herausforderungen gestellt", sagt ÖBB-Infrastruktur-Vorständin Judith Engel. Mit der Inbetriebnahme des neuen Sicherungssystems sei nun die Grundlage für einen leistungsfähigeren und zuverlässigeren S-Bahn-Betrieb geschaffen.
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Hauptsperre dauert bis Ende Oktober 2027
Für Fahrgäste verlagert sich die Baustelle nun Richtung Süden. Mit Schulbeginn am 7. September beginnt die Hauptsperre zwischen Hauptbahnhof/St. Marx und Praterstern. Sie soll bis Ende Oktober 2027 dauern. In dieser Zeit erneuern die ÖBB unter anderem Viadukte im 2. Bezirk, Einschnittsmauern, Brücken und die Schieneninfrastruktur. Bahnsteige werden verlängert, die Stationen Rennweg und Quartier Belvedere modernisiert. Künftig sollen dadurch auch längere Züge auf der Stammstrecke eingesetzt werden können. Das soll mehr Sitzplätze bringen.
Während der Sperre sollen zusätzliche Öffi-Verbindungen einen Teil der ausfallenden S-Bahn-Kapazität auffangen. Auf U1, U2 und U4 werden die Intervalle verdichtet. Zwischen Bahnhof Meidling und Längenfeldgasse fährt der Shuttlebus SH6 ohne Zwischenhalt. Auf der Linie O kommen ausschließlich Langzüge zum Einsatz.
Auch im Straßenbahnnetz gibt es größere Änderungen. Die Linie 18 wird von der U3-Station Schlachthausgasse bis zur U2-Station Stadion verlängert und erhält in St. Marx eine direkte Verbindung zur S7. Die Linie 62 fährt von Meidling über Matzleinsdorfer Platz und Hauptbahnhof bis Quartier Belvedere und soll damit auch den 18er entlasten. Die Linien REX1 und REX7 werden umgeleitet und sollen Pendlern aus Niederösterreich zusätzliche Umsteigemöglichkeiten zur U-Bahn bieten.
Geänderte Routen zum Flughafen
Auch für Fahrten zum Flughafen ändern sich die gewohnten Routen. Die S7 fährt während der Hauptsperre nur bis beziehungsweise ab St. Marx. Rennweg und Wien Mitte können nicht angefahren werden. Zusätzlich zu den Fernverkehrszügen wird der REX7 zwischen Hauptbahnhof und Flughafen umgeleitet. Dadurch entstehen vorübergehend auch direkte Flughafenverbindungen unter anderem aus Liesing und Mödling.
Der City Airport Train (CAT) ersetzt seine Zugverbindung während der Sperre zwischen Wien Mitte und Flughafen durch Busse. Diese sollen bis zu fünfmal pro Stunde und Richtung fahren. Auch die Vienna Airport Busse wurden ausgeweitet. Zusätzlich zu den bestehenden Linien gibt es nun Flughafenverbindungen ab Praterstern und Karlsplatz. An wichtigen Umsteigeknoten sollen in den ersten Wochen Mitarbeiter bei der Orientierung helfen. Die ÖBB informieren außerdem mit Plakaten, Durchsagen, Anzeigen und Foldern über geänderte Routen und Alternativen.
Grüne warnen vor Öffi-Chaos
Kritik an den Vorbereitungen kommt von den Grünen. Sie fürchten, dass die Sperre zu einem Stresstest für das gesamte Öffi-Netz wird. Rund eine Viertelmillion Fahrgäste seien betroffen. Eine von der Partei beauftragte TU-Studie geht davon aus, dass in Spitzenzeiten rund 11.300 Menschen pro Richtung und Stunde auf andere Routen ausweichen müssen.
"Man hätte tatsächlich besser planen können", kritisieren die Mobilitätssprecher Kilian Stark und Heidi Sequenz. Die bestehenden Ersatzangebote würden aus ihrer Sicht nicht ausreichen. Besonders auf stark belasteten Straßenbahnlinien drohten volle Garnituren, lange Wartezeiten und Pulkbildungen.
Die Grünen verlangen deshalb dichtere Intervalle bei U-Bahn und Straßenbahn sowie zusätzliche Reservezüge und Personal. Für Bim und Bus fordern sie mehr Ampel-Vorrang, eigene Spuren und konsequent freigehaltene Gleiskörper. Am Hauptbahnhof sollen zudem zusätzliche Öffi-Lotsen, Bodenmarkierungen und bessere Fahrgastlenkung für mehr Sicherheit sorgen. Auch temporäre Radwege und ein Ausbau des Rad-Sharing-Angebots werden gefordert.
Die Modernisierung der Stammstrecke selbst unterstützen die Grünen. Nach Abschluss der Arbeiten sollen in der Hauptverkehrszeit Züge im 2,5-Minuten-Takt möglich sein. Durch längere Garnituren soll das Sitzplatzangebot um 40 Prozent steigen.