Fünf große Kristallkugeln, zahlreiche Weltcupsiege, Olympiagold – aber ausgerechnet auf der Streif wartet Marco Odermatt (29) noch immer auf seinen großen Triumph. Der Schweizer will endlich auch die berühmteste Abfahrt der Welt gewinnen.
Doch dieser Traum könnte ihn im Kampf um den Gesamtweltcup teuer zu stehen kommen. Ski-Legende Bernhard Russi (78) warnt den fünffachen Gesamtsieger deshalb eindringlich: "Marco, mach das ja nicht."
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Russi warnt vor gefährlichem Kitzbühel-Plan
Der frühere Abfahrts-Olympiasieger hat einen klaren Rat an Odermatt: Bloß keine Riesenslaloms auslassen, um Kräfte für die Abfahrten zu sparen!
Genau darüber war im Lager des Schweizers bereits im vergangenen Winter diskutiert worden. Russi hält das für den falschen Weg.
"Bei Marco gab es ja letzte Saison die Überlegung, den einen oder anderen Riesenslalom auszulassen, um Kraft zu sparen für die Abfahrten. Ich kann ihm nur raten: Marco, mach das ja nicht", erklärte er im Schweizer "Blick"-Podcast "APRÈS-SKI".
Seine Begründung hat es in sich. Odermatt gehört im Riesenslalom seit Jahren zu den konstantesten Fahrern der Welt. Selbst wenn ihm nicht alles gelingt, fährt er regelmäßig aufs Podest. In der Abfahrt ist das Risiko deutlich größer.
"Wenn er im Riesen gut fährt, kommt er immer unter die ersten Drei. Das ist in der Abfahrt nicht so: Du machst keinen großen Fehler und bist trotzdem nur Zehnter", erklärte Russi.
Und genau diese Punkte könnten in diesem Winter entscheidend werden.
Braathen macht Odermatt Druck
Denn die Zeiten, in denen Odermatt den Gesamtweltcup beinahe nach Belieben dominierte, könnten vorbei sein. Lucas Pinheiro Braathen hat dem Schweizer bereits die Riesenslalom-Kugel abgenommen, ihn bei Olympia geschlagen und auch beim Saisonauftakt in Sölden hinter sich gelassen.
Jetzt will der Brasilianer noch einen Schritt weitergehen.
Bislang sammelte Braathen seine Weltcuppunkte vor allem im Slalom und Riesenslalom. Künftig möchte er auch im Super-G antreten. Damit könnte er ausgerechnet jenen Vorsprung verkleinern, den Odermatt durch seine Vielseitigkeit besitzt.
Die Zahlen zeigen, wie wichtig jede Disziplin für den Schweizer ist. In der vergangenen Saison holte er 706 Punkte in der Abfahrt, 425 im Super-G und weitere 495 im Riesenslalom.
Verzichtet Odermatt auf einzelne Riesentorläufe, lässt er damit mögliche Punkte liegen. Und Braathen könnte diese Gelegenheit nutzen.
Fünf Jahre lang war Odermatt nahezu unangreifbar
Wie komfortabel der Schweizer seine bisherigen Gesamtweltcups gewann, zeigen die Abstände zur Konkurrenz.
In der vergangenen Saison betrug sein Vorsprung 568 Punkte. Ein Jahr zuvor waren es 605, im Winter 2023/24 sogar 874 Zähler.
Solche Polster erlaubten es Odermatt, sich auch einmal einen schwächeren Renntag zu leisten. Doch Braathens Angriff könnte die Rechnung verändern.
Hinzu kommt mit Loïc Meillard ein weiterer Schweizer, der in Slalom und Riesenslalom regelmäßig um Podestplätze fährt. Der Olympiasieger will sich zunächst auf die technischen Disziplinen konzentrieren und erst nach dem Jahreswechsel wieder Super-G bestreiten.
Russi traut ihm einiges zu. "Loïc hat mir in Sölden sehr gut gefallen. Skitechnisch war das schon stark – vor allem wenn man bedenkt, dass er eher in der zweiten Hälfte der Saison auftrumpft", sagte er.
ÖSV-Weltmeister Haaser will vorne mitmischen
Auch Österreichs Ski-Asse haben den Blick bereits auf die kommende Speed-Saison gerichtet. Nach dem Auftakt in Sölden wird auf dem Rettenbachferner weiter Super-G trainiert. Zusätzliche Trainingsmöglichkeiten sollen dank Depotschnee bald zur Verfügung stehen.
Einer, der den Schweizern in diesem Winter Konkurrenz machen will, ist Raphael Haaser. Der 29-jährige Tiroler hat im Super-G bereits acht Weltcup-Podestplätze gesammelt, wartet allerdings noch auf seinen ersten Sieg.
Dass er auch im Riesenslalom ganz vorne mitfahren kann, zeigte der Weltmeister beim Saisonauftakt mit der Laufbestzeit im zweiten Durchgang. Am Ende wurde es Rang fünf.
"Der zweite Durchgang war nahe dran am Training, im ersten war noch Luft nach oben", erklärte Haaser. "Sollte es einmal zweimal hinhauen, ist der Sprung nicht mehr ganz so weit zu den vorderen Plätzen."
ÖSV-Alpinchef Christian Mitter weiß allerdings, dass gute Trainingsleistungen allein noch keine Erfolge garantieren.
"Wir haben bei beiden Geschlechtern einen guten Plan, wie wir es machen wollen. Wenn das immer funktionieren würde und so einfach wäre, wären wahrscheinlich eh alle Weltmeister", sagte er.
Odermatts Streif-Traum wird zur Punktefalle
Für Odermatt bleibt Kitzbühel eines der großen Ziele des Winters. Die legendäre Streif-Abfahrt fehlt dem Schweizer noch immer in seiner umfangreichen Titelsammlung. Doch im Kampf um den Gesamtweltcup lauert die Gefahr nicht auf der Streif, sondern im Riesenslalom.
Denn Braathen ist kein Abfahrer. Der Brasilianer sammelt seine Punkte bislang im Slalom und Riesenslalom und will künftig auch im Super-G angreifen. Verzichtet Odermatt zugunsten seiner Abfahrtsvorbereitung auf Riesentorläufe, könnte sein Herausforderer genau dort Boden gutmachen.
Ende November beginnt die Speed-Saison in Nordamerika. Dann kann Odermatt wieder in Abfahrt und Super-G punkten. Ob er für seinen Kitzbühel-Traum tatsächlich Riesenslaloms auslassen wird, ist offen. Bernhard Russi hat ihm davon bereits ausdrücklich abgeraten.