Ein Floß vor dem Green Screen, ein mit Erdbebendaten gefütterter computergesteuerter Flügel und eine Pixelexplosion der Sonderklasse: Die literarische Klanginstallation "Ghosts & Vampires" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek wartet im Rahmen von Wien Modern im Metallenen Saal des Musikvereins mit einer interaktiven Reise ins postapokalyptische Zeitalter auf. Sie bildete am Samstag den Auftakt der "Musikverein Perspektiven", die heuer der Nobelpreisträgerin gewidmet sind.
Bei der Eröffnung war das Floß, das auf hoher See vor schmelzenden Polarkappen schlingert, prominent besetzt: Niemand anderer als die Komponistin selbst nahm gemeinsam mit dem Videokünstler Lillevan Platz, um sich gemeinsam auf die Reise ins Unbekannte zu begeben. "Die Natur kann gar nicht anders, sie muss untergehen", heißt es dazu an einer Stelle im von Birgit Minichmayr eingesprochenen Jelinek-Text. Einbegleitet wird die Videoinstallation zunächst jedoch von einem in den Wolken schwebenden Kopf von Charlotte Rampling, hinzu kommt ein Gastauftritt von Schattenrissen von Jelinek und Neuwirth als Vampi und Bampi aus der zu Beginn des Jahres in Hamburg uraufgeführten Oper "Monster's Paradise".
Zwischen Urknall und Weltuntergang
Die Realisierung der Installation habe einer Hollywoodproduktion geglichen, scherzte Wien Modern-Leiter Bernhard Günther anlässlich des äußerst ausführlichen Abspanns zum Film. Zu den farbenprächtigen, an den Urknall wie den Weltuntergang gemahnenden Visuals von Lillevan entfaltet sich Olga Neuwirths Kosmos entlang einiger Schubert-Motive, während Jelinek sich nicht nur mit dem menschengemachten Untergang ("Wir sind Vorläufer, wissen aber nicht, was nach uns kommt.") auseinandersetzt, sondern auch der Komponistin selbst widmet, deren Fähigkeit zur Gleichzeitigkeit aller Töne sie würdigt. "Ihre Musik ist immer schon auf der anderen Seite drüben", heißt es da etwa. "Weil diese Musik in jedem Augenblick vollkommen verstummen könnte."
Die Schlussszenen der 40-minütigen Installation, die bis zum 4. November ab dem späten Nachmittag im Loop gezeigt wird, stammen aus der Oper "Monster's Paradise", die im kommenden Jahr an der Oper Graz ihre Österreichische Erstaufführung feiern wird. Darin sitzen die Schauspielerinnen Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld als Jelinek- und Neuwirth-Wiedergängerinnen mit einem Flügel auf einem Floß, während ihr vierhändiges Spiel zunehmend von jenen Erdbebendaten gekapert wird, die Neuwirth in das computergesteuerte Instrument programmiert hat. Es sind Bilder und Klänge, die Lust auf mehr machen.
"Perspektiven" mit Lesungen, Film und Konzert
Mehr Jelinek gibt es jedenfalls in den kommenden Tagen: Zum 80. Geburtstag der Nobelpreisträgerin steht Jelinek nach Michael Haneke, Georg Baselitz, Peter Zumthor und Anton Zeilinger in den Vorjahren heuer im Zentrum der "Musikverein Perspektiven". Dramaturg Claus Philipp berichtete im Vorfeld vom Ausgangspunkt: "Es gab immer diesen alten, schon 30 Jahre ungespielten Steinway-Flügel im Wohnzimmer von Elfriede Jelinek. Da kam einmal die Pianistin Marianne Schroeder vorbei und hat frech darauf gespielt." Aus der Beschäftigung mit diesem ungestimmten Flügel habe sich in vielen Gesprächen ein abwechslungsreiches Programm ergeben, das seinen Höhepunkt am 3. November findet.
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Auf ein 14-minütiges "Home Video" von Constantin Wulff, das Jelinek und Schroeder am Flügel im Wohnzimmer der Dichterin zeigt, folgt im Goldenen Saal das von Schroeder dazu komponierte Stück "Antasten_Schatten", sowie ein Orgelkonzert von Angela Metzger, bei dem auch jenes Orgelstück von Olivier Messiaen erklingt, das Elfriede Jelinek einmal selbst im Mozartsaal des Konzerthauses gespielt hat. Unter dem Titel "Besser wird's nicht" werden einige wenig bekannte Jelinek-Texte zum Teil erstmals öffentlich gelesen und mit Musik begleitet: Josef Hader und Birgit Minichmayr widmen sich am 4. November im Gläsernen Saal "Be Longing (Geh, Dichterin!)", Ferdinand Schmatz und Eva Jantschitsch (alias Gustav) bringen am heutigen Sonntag Auszüge aus dem Roman "Neid".