Vor 25 Jahren

Terrorexperte: So hat 9/11 die Welt verändert

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Die Anschläge vom 11. September 2001 mit rund 3.000 Toten haben "die Welt in vielfacher Hinsicht verändert".
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Sie seien "die Geburtsstunde des modernen Jihadismus" gewesen und dienten Terroristen weiterhin als Vorbild, sagt der Terrorexperte Nicolas Stockhammer zum 25. Jahrestag von 9/11 gegenüber der APA. Die größte Gefahr für Europa gehe heute aber "von selbstradikalisierten Einzeltätern" aus. Künstliche Intelligenz und Drohnen würden sehr bald eine größere Rolle spielen.

Dass die von Al-Kaida-Terroristen entführten Flugzeuge in das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington steuerten, sei "sozusagen die Mutter aller Terroranschläge - was die Dimension, die Intensität und vor allem, was die Folgewirkung betrifft", erklärt der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Terrorismus- und Extremismusforschung an der Donau-Universität Krems. "Die Logistik dahinter war enorm, die Planung war hochgradig komplex" und erforderte von den Drahtziehern - Osama bin Laden und Khalid Sheikh Mohammed - mehrere Jahre.

Vorbildwirkung bis heute

Der Anschlag habe "eine Dynamik entfacht, die sich bis zum heutigen Tage durchzieht". Die Vorbildwirkung und Mobilisierungseffekte in der globalen Jihadisten-Szene hielten an - etwa in einschlägigen jihadistischen Onlineforen. 9/11 sei aber auch der Beginn des "War on Terror" gewesen, sagt Stockhammer weiter. Im Zuge dieses Kriegs gegen Terror, der fast 20 Jahre gedauert hat, sei es zu militärischen Interventionen in Afghanistan und im Irak gekommen, die gemäß Brown University rund 8.000 Milliarden US-Dollar (6.900,72 Mrd. Euro) an Kosten und annähernd zwei Millionen Tote verursacht haben.

Zudem verschärften die USA ihre Anti-Terror-Gesetzgebung als Reaktion auf 9/11. Der Patriot Act erlaubt es den US-Behörden, großflächig zu lauschen. Bekanntgeworden sei etwa, dass der US-Geheimdienst NSA auch das Handy der früheren deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört habe. Andererseits teilen die US-Nachrichtendienste auch ihre Erkenntnisse. "Allein, wenn man Österreich betrachtet: von den acht vereitelten Terrorplots der letzten drei bis vier Jahre ist bei der großen Mehrheit, also bei mindestens sieben, die Verhinderung der nachrichtendienstlichen Kooperation mit den US-Behörden zuzuschreiben."

"Low-Level-Einzeltäter" als größte Gefahr

Der Krieg gegen Terror beziehungsweise dessen Ende hat laut dem Experten aber auch weitere Auswirkungen: Der abrupte Abzug von US-Soldaten und ihren Verbündeten aus Afghanistan 2021 hinterließ ein "regelrechtes Sicherheitsvakuum". In der zentralasiatischen Region machte sich der "Islamische Staat Provinz Khorasan" (ISPK oder ISKP) breit, der "derzeit relevanteste Ableger" der Terrororganisation IS. Aktuell hätten fast alle IS-bezogenen Anschlagsszenarien in Europa Bezug zum ISPK, erklärt Stockhammer. "Man spricht von bis zu 10.000 bis 15.000 Kämpfern im Namen des IS-Khorasan-Provinz. Für uns ist dieser Ableger deshalb relevant, weil sie es geschafft haben, eine Art Propaganda der Tat als Terrorfranchise zu vermitteln."

Die Ideologie des "virtuellen Kalifats" würde über salafistische Influencer-Prediger, Kurzvideos und Memes auf Onlineplattformen wie TikTok propagiert. Das erfolge in bis zu 40 Sprachen, um Personen in den Ländern, wo diese Sprachen gesprochen werden, zu mobilisieren und zu rekrutieren. Von diesen online radikalisierten "Low-Level-Einzeltätern" gehe heute die größte Gefahr für Europa und für Österreich aus, betont Stockhammer.

Drohnen-Anschläge sehr wahrscheinlich

"Wir sehen, dass die Attentäter immer jünger werden. Die Jugendlichen werden teilweise aus Abenteuerlust oder Langeweile oder Sinnleere angesprochen von eigens zugeschnittenen Inhalten in den sozialen Medien." Die "Virtualisierung des Terrorismus" sei "die wesentlichste Entwicklung seit 9/11, die den Terrorismus betrifft. Das heißt, dass sämtliche Schritte vom Erstkontakt mit einer extremistischen Ideologie über Rekrutierung, Mobilisierung, Radikalisierung bis zur Planung von Terrorakten online erfolgen."

Dazu komme die Künstliche Intelligenz als "inspirativer Faktor für Terroristen". Neue Technologien wie 3D-gedruckte Waffen, Drohnen und ähnliches würden sukzessive Eingang in terroristische Planungen und Aktivitäten finden. "Das werden wir sehen. Es beginnt schon, aber es wird viel stärker kommen." Der IS habe bereits Drohnen in Syrien und im Irak im Kampf gegen konventionelle Streitkräfte eingesetzt. "Und es wird über kurz oder lang, ich schätze in den nächsten zwei bis drei Jahren, Anschläge mit Drohnen geben, die auf das Konto von islamistischen Terroristen gehen werden."

Islamisierung "mit dem Schwert"

Die Ziele der islamistischen Einzeltäter heute seien im Wesentlichen die gleichen wie jene der Al-Kaida-Terroristen von 2001. "Das Ziel des globalen Jihadismus ist das Etablieren eines Kalifats. Die Vision, der sie anhängen, ist der Sieg des Islam über die anderen Religionen und die Verbreitung islamistischen Denkens mit gewaltsamen Methoden, quasi durch das Schwert." Ganz wesentlich sei auch, dass sämtliche extremen Ideologien von einem Opfermythos lebten. Das Narrativ der Jihadisten sei, Muslime würden vom Westen angegriffen und unterdrückt. Der Jihad, der "heilige Krieg", sei die "heilige Pflicht der Islamisten, Rache zu üben".

Auch wenn die Ziele die gleichen sind, gibt es ideologische Unterschiede zwischen dem IS und Al-Kaida. Al-Kaida habe es zum Beispiel kategorisch abgelehnt, Muslime im Rahmen von Anschlägen zu töten. Der IS habe dagegen von Anfang an auch Gewalt gegen muslimische "Apostaten", darunter ebenso Schiiten, ausgeübt und eine "rigorose Brutalität" an den Tag gelegt. Bis 2011-2012, als der IS sich aus einem Ableger der Al-Kaida im Irak herausgebildet hatte, sei Al-Kaida global die wesentliche jihadistische Organisation gewesen. Sukzessive wurde ihr dann vom IS der Rang abgelaufen. Im außereuropäischen Raum bleibe Al-Kaida jedoch "ein Faktor", vor allem in Asien und in Teilen Afrikas.

In Afrika, dem Kontinent, wo die meisten Terroranschläge verübt werden, zeige sich, dass der Islamismus weiterhin auf dem Vormarsch sei. "Und gerade in Staaten wie Mali, Niger, Somalia, Burkina Faso und anderen sieht man, dass hier der IS eine neue Blüte erlebt", erklärt Stockhammer.

150 Hochrisikogefährder in Österreich

Aber nicht nur dort schreitet die Islamisierung voran. "Akteure des sogenannten politischen Islam bzw. des legalistischen Islamismus, wie man im Fachjargon sagt - die Muslimbruderschaft, Millî Görüş und andere - versuchen, subversiv den Staat auszuhöhlen und die Grundlagen für eine Islamisierung in unseren Breitengraden zu schaffen", sagt Stockhammer. Der Experte rät Rechtsstaaten, den "Fehdehandschuh aufzunehmen, um mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenzuwirken". Gleichzeitig sei aber auch Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und einer religiösen Konnotierung "die ganz große Aufgabe", wie etwa das Attentat von Wien 2020 und der verhinderte Taylor-Swift-Anschlag gezeigt hätten.

Die österreichischen Behörden gehen von einer "niedrigen dreistelligen Zahl" von Gefährdern in Österreich aus. Stockhammer erläutert: Es gibt drei Gruppen. Hochrisikogefährder sind Personen, die jederzeit einen Terroranschlag verüben könnten und wollten. Das seien circa 150 Personen in Österreich im islamistischen Milieu. Die Zahl der sogenannten Risikogefährder würde der Experte auf fast 1.000 bemessen. Gemeint seien jene, die es wahrscheinlich gerne täten, aber (noch) nicht könnten. Zusätzlich gebe es Gefährder, die prinzipiell mit der Idee liebäugeln könnten, irgendwann einen Terroranschlag zu verüben, aber das noch nicht weiter konkretisiert haben.

Osama bin Laden ursprünglich von USA unterstützt

Der Experte erzählt im Zusammenhang mit 9/11 aber auch eine schon beinahe in Vergessenheit geratene Anekdote: Der Drahtzieher Osama bin Laden ist ursprünglich von den USA gefördert worden. "Man erinnere sich zurück, 1979, als die Sowjetunion versucht hat, in Afghanistan militärisch einzuschreiten und zu gewinnen, wurden die aufständischen Kräfte, unter anderem die Gruppen rund um Osama bin Laden, der mehrheitlich in Pakistan weilte, und auch die Taliban unterstützt", berichtet er. Bin Laden wurde 2011 von einer US-Spezialeinheit in Pakistan getötet. Die Taliban dagegen sind nun wieder an der Macht - also waren es "fast 20 Jahre War on Terror, um Al-Kaida zu bekämpfen und auch um die Taliban durch die Taliban zu ersetzen, könnte man zynisch anmer