Paznaun
Zwischen Gipfeln und Gourmetküche: Drei Tage Ischgl im Sommer
Überraschend ruhig präsentiert sich Ischgl, als der Bus im Ort einfährt. Es ist Mitte August, Ferragosto-Wochenende, früher Nachmittag – die Gäste sind wohl gerade auf den Bergen unterwegs, denn die Ortschaft hält Mittagspause. Erste Station ist das Hotel Alpina, nur wenige Schritte entfernt. Es ist eines jener Häuser, deren Erscheinung auch die touristische Entwicklung der Region spiegelt: Von außen unscheinbar, erschließt sich die Größe des Gebäudekomplexes – immer wieder um zusätzliche Bauteile erweitert – erst durch verwinkelte Gänge und Stiegenhäuser. Ein Wachsen, das mit dem touristischen Aufstieg des tief zwischen die Berge eingeschnittenen Tals einherging. Zum Verschnaufen bleibt wenig Zeit, das Programm ist dicht gedrängt. Kaum ist die kleine Gruppe von Medienleuten komplett, die der Einladung des Tourismusverbands zu Bike, Hike und Kulinarik gefolgt ist, geht es quer durch den Ort. Durch den Fußgänger-Tunnel zum E-Bike-Verleih, dann mit E-Unterstützung hinaus ins Tal. Über gut ausgebaute Radwege und leicht befahrbare Schotterstraßen führt die erste Etappe hinauf nach Galtür, wo am Ortseingang eine Gedenkstätte an die Lawinenkatastrophe von 1999 erinnert. Weiter geht es zwischen weidenden Rindern und Pferden, die hier ihren Sommer verbringen, auf den Alpkogel. Am Gipfelplateau, mit Blick auf den Kopsstausee, starten mehrere Trails. Hier wird gerade gebaut: Der Bikepark wächst, eine neue Jumpline entsteht. Die Auffahrt an die Grenze zu Vorarlberg ist trotz E-Unterstützung nicht schweißfrei, aber auch für Gelegenheitsradler machbar – Bio-Biker brauchen dagegen ordentlich Saft in den Wadeln – oder nehmen das Rad mit der Seilbahn (auch die im Halbstundentakt verkehrenden Busse bieten Fahrradmitnahme). Nach der Aussicht führt der Flow-Trail – einsteigerfreundlich, aber wer bremst, verliert – zur verdienten Einkehr im Weiberhimml. Die Hütte mit dem etwas aus der Zeit gefallenen Namen bietet im Winter Après-Ski-Gaudi, jetzt im Sommer herrscht auch hier Ruhe. Kulinarisch setzt das Lokal auf Regionalität: Der eigene Hof liefert das Fleisch für den – sehr saftigen – Burger, auch der würzige Käse hat keine weite Anreise hinter sich. Zurück in Ischgl ist etwas Leben ins Dorf eingekehrt. Die Gäste bevölkern die Schanigärten oder spazieren durch Straßen und Gassen, Livemusik von jazzig bis urig erklingt aus Hotels und Lokalen – alles sehr entspannt.
Hoch hinauf ins Fimbatal: Die andere Seite des Paznaun entdecken
Der nächste Tag beginnt zeitig am Morgen. War es am Vortag nur das Bike, stehen heute Bike & Hike auf dem Programm. Ziel ist die Heidelberger Hütte im Fimbatal, einem Seitental des Paznaun. Knapp 900 Höhenmeter sind zu überwinden – ein Glück, dass die Akkus der Räder über Nacht geladen wurden. Auf den ersten Kilometern ist die touristische Infrastruktur Ischgls allgegenwärtig: Liftstützen, Seilbahnstationen, Beschneiungsanlagen. Doch sobald der Straßenbelag von Asphalt auf Schotter wechselt, ändert sich der Charakter der Landschaft schlagartig. Hat unten noch der Mensch der Natur unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt, gewinnt hier die Landschaft des weiten, eiszeitlich geprägten Tals die Oberhand: ein naturbelassenes Almgebiet, sattgrüne Weiden, rauschende Gebirgsbäche, schroffe Gipfel. Eine Besonderheit dieses wasserreichen Tals ist der Grenzverlauf: Die Staatsgrenze zwischen Österreich und der Schweiz folgt hier nicht den Bergkämmen, sondern teilt das Tal in einen nördlichen Tiroler und einen südlichen eidgenössischen Teil, der von Graubünden aus allerdings nur über alpine Steige erreichbar ist. Der Grenzübertritt selbst gestaltet sich unspektakulär: Ein Schild erinnert an die hier verlaufende EU-Außengrenze, ebenso die Ruine des alten Zollhauses. Bald darauf ist die Heidelberger Hütte erreicht. Das Schutzhaus des Deutschen Alpenvereins liegt auf 2264 Metern und ist im Winter Stützpunkt für Skitouren (aber auch alpin erreichbar nach einer Abfahrt von der Bergstation auf dem Piz Val Gronda), im Sommer hingegen beliebte Station auf mehrtägigen Hüttenwanderungen, Ausgangspunkt für Dreitausender-Besteigungen und Etappenziel auf der Mountainbike-Transalp. Entsprechend gut besucht – und ausgestattet – ist die Hütte: Duschmöglichkeiten (Warmwasser gegen Münzeinwurf) und sogar eine Sauna werden geboten. Ebenso vielfältig ist die Küche, vom frisch gekochten abendlichen Hüttenmenü (konventionell und vegetarisch) über à-la-carte-Gerichte wie Steak bis zum reichhaltigen Frühstücksbuffet. Seele des Hauses ist Hüttenwirt Loisl, der das Haus und sein Team mit urigem Schmäh und noch mehr Herzblut führt. Zur Wertschätzung, die ihm von Einheimischen und Gästen entgegengebracht wird, sei nur so viel gesagt: Nach ihm wurde sogar eine Bergspitze benannt, der 3071 Meter hohe Piz Louis – wer sonst kann das von sich behaupten? Tierische Nachbarn sind Rinder und Pferde, die Murmeltiere lassen sich vom Treiben auf der Hütte nicht aus der Ruhe bringen, und auf den feuchten Moorwiesen des Tales wimmelt es von Fröschen. Der Hike-Teil des Tagesprogramms führt teilweise unmarkiert durch Moorwiesen, quert Gebirgsbäche und kurze Blockpassagen, hie und da wachsen Wacholdersträucher und Heidelbeeren. Von einem grasigen Aussichtpunkt aus, der sich über das Tal erhebt, genießen wir das Panorama der ringsum aufragenden Berge. Die markantesten davon sind die Breite Krone, ein bei Wanderern beliebter Dreitausender, und das Fluchthorn, dessen drei Gipfel sich menschenfeindlich steil über Geröllhänge erheben. 2023 ging hier ein massiver Bergsturz nieder, bei dem eine Million Kubikmeter Gestein zu Tal stürzten – Folge des schwindenden Permafrosts.
Es zieht zu. Wir steigen ab und erreichen die Hütte, kurz bevor es zu regnen beginnt. Dort erwartet uns schon Kräuter-Expertin Ingrid, um uns mit der Pflanzenwelt oberhalb der Baumgrenze bekannt zu machen. Eine erste Überraschung: Das Gewächs mit den schönen blauen Blüten, das hier überall gut gedeiht, ist der berüchtigte Blaue Eisenhut – in früheren Zeiten gerne genutzt, um unliebsamen Zeitgenossen qualvolle letzte Stunden zu bereiten. Besser nicht anfassen! Es folgt ein Schnellkurs zur alpinen Vegetation, dessen heimlicher Star allerdings eine sonst eher gemiedene Pflanze ist: die Brennnessel.
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Ein Hauch von Stern, hoch über dem Tal
Am nächsten Morgen beginnen die Vorbereitungen für das Hüttenfest, das gegen Mittag stattfinden soll. Die Heidelberger Hütte nimmt am Kulinarischen Paznaun teil: Auf insgesamt neun Hütten interpretieren lokale Gourmetköche ein regionales Gericht. Uns erwarten Schlutzkrapfen mit süß-saurem Kürbis und Paznauner Bergkäse von Michelin-Koch Patrick Raaß, der bereits zum sechsten Mal ein Gericht für die Heidelberger Hütte entworfen hat.
Während das Fest vorbereitet wird und Musikanten sowie erste Besucher eintreffen – darunter etliche Einheimische –, erzählt Raaß vom Kulinarischen Paznaun. Sein Anspruch bestehe darin, ein Hüttenessen mit einem "Hauch von Stern" zu veredeln – und dabei muss das Gericht hier oben am Berg frisch zubereitet werden können. Sorgen macht Raaß sich darüber wenig, kennt er Loisl und sein Team doch schon seit sechs Saisonen. Anlässlich des Fests steht der Erfinder selbst in der Küche und legt auch bei der letzten der unzähligen Portionen noch selbst Hand an. Käse und Kürbis harmonieren erstaunlich gut mit den deftigen Schlutzkrapfen.
Am Nachmittag macht die Hütte sich wieder bereit für die Wanderer, die – von durchziehenden Regenschauern getrieben – langsam eintreffen. Wir hingegen rollen hinunter nach Ischgl, von der naturbelassenen Seite des Paznauns in jene der Lifte, Restaurants und Hotels. Zwei Seiten, die sich hier ergänzen: Ischgl deckt beides ab, Naturnähe und Infrastruktur – beides mit hohem Anspruch an Qualität.
verfasst von Daniel Stolarski