Impfrate zu gering
Streit um die Impf-Pflicht
80 Prozent. Es geht um etwas mehr als eine Million Österreicher. Zwei Drittel der heimischen Bevölkerung ist zumindest ein Mal geimpft - das sind knapp 67 Prozent. Um die Gesellschaft einigermaßen relevant zu schützen, da sind sich Experten international einig, ist eine Impfrate von mindestens 80 Prozent nötig. Es fehlt also rund eine Million. Eine Zahl, die wohl auch durch Aktionen wie spontane Impfungen ohne Anmeldung nicht erreicht werden kann.
Heilsversprechen. Es wird zäh auf den letzten Metern. Der Modellforscher Niki Popper hatte schon vor wenigen Monaten angekündigt, Österreich werde spätestens im Juli mehr Impfstoff als Impfwillige zur Verfügung haben. Und tatsächlich: Laut aktueller Umfragen sind nur 76 Prozent der Österreicher prinzipiell bereit, sich impfen zu lassen. Tendenz: nicht steigend. Was auch daran liegen mag, dass internationale Beispiele wie die USA oder Israel zeigen, dass die Impfung dank Delta-Variante das Heilsversprechen nicht ganz einlösen kann.
Gesundheitsminister. Dass die Corona-Pandemie durch die Impfung zwar (noch) nicht endgültig ausgerottet werden kann, aber deutlich abgeschwächt wird, ist unbestritten. Deshalb wird die Einführung einer Impfpf licht - zumindest für einzelne Berufsgruppen -immer heftiger diskutiert. Beim Krankenhaus-sowie beim Pf legepersonal ist eine verpf lichtende Immunisierung in einzelnen Ländern bereits vorgesehen; Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein hatte bereits an alle Bundesländer appelliert, diesbezügliche Regelungen in den Spitälern und Pf legeeinrichtungen zu veranlassen. Mückstein könnte in seiner Funktion als Gesundheitsminister freilich auch von sich aus eine entsprechende Verpf lichtung verordnen, spielt aber offensichtlich die heiße Kartoffel lieber an die Länder weiter.
Jetzt hat Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission, eine noch viel weiter ausgelegte Impfpflicht angeregt (siehe Interview): Sie schlägt vor, dass auch Lehrerinnen sowie Vertreter körpernaher Berufe, wie Apothekerinnen, Masseurinnen oder Friseurinnen, verpf lichtet werden könnten, sich den so wichtigen Stich setzen zu lassen. Freilich nur als Ultima Ratio, also als letzte Möglichkeit, sollten die anderen Maßnahmen für eine möglichst hohe Impfrate nicht ausreichend sein.
Erwartungsgemäß laufen Vertreter dieser Berufe gegen solche Vorschläge Sturm. Lehrergewerkschafter Paul Kimberger ist strikt dagegen.
Pocken. Eine allgemeine Impfpf licht fordert Druml nicht. Laut Experten wäre so eine Zwangsmaßnahme kontraproduktiv und könnte den Widerstand seitens der Impfgegner nur verstärken. Freilich: Es gibt auch eine Wehrpf licht oder eine Führerscheinpf licht, ohne dass es bisher zu Volksaufständen gekommen wäre. In Deutschland beispielsweise müssen sich Kinder gegen Masern impfen lassen, um in Schule gehen zu dürfen. Auch in Österreich hat die Impfpf licht eine Erfolgsgeschichte. Im Kampf gegen die Pocken galt Impfzwang. Sie sind heute weltweit ausgerottet.