Kopie von Laute Nächte

"Laute Nächte" von Anne Freytag.
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Anne Freytag hat mit ihrem vor einem Jahr erschienen Roman "Blaues Wunder" für Aufsehen gesorgt: Anfang des Jahres wurde ihr der Glauser-Preis verliehen und der Text wurde ein großer Hit beim Lesepublikum. Autorin Anne Freytag hat darin beklemmende kammerspielartige Szenerie geschaffen, die zwischen Telenovela und Thriller hin und herspringt und das alles auf Hohe See.

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Nun ist sie mit "Laute Nächte" zurück und dieses Buch ist... thematisch wie vom Feeling her ganz anders. In diesem Roman dreht sich alles um Hauptfigur Kenni, dessen große Liebe tödlich verunfallt. Nach diesem Verlust geht er in eine neu Stadt, nach Wien. Er landet in einer WG mit Paul, dem zart-harten Ex-Tennisprofi, der elfenhaften Tänzerin Julia und Elif, in die er sich schnell sehr heftig verliebt. Doch diese Verliebtheit fühlt sich mitunter an wie ein Verrat an seiner toten Freundin und außerdem ist Elif vergeben...

© Studio Tasca

Jahre später treffen sich die vier auf einer Vernissage wieder - Kenni ist mittlerweile Künstler. Und der Abend bringt wenige Antworten, aber viele Fragen dazu, was das zwischen ihm und Elif gewesen ist.

Wir begleiten Kenni von seinem großen Trauer-Schock in seine neue Lebensrealität, in der Dinge langsam wieder gut sein dürfen (siehe auch Buchbesprechung auf der nächsten Seite). Wie die Autorin im Interview meint, sind es die besonderen Menschen, die uns über Abgründe tragen, das Unvermeidliche ertragbarer machen.

"Fürs Erste habe ich genug vom Weinen"

Ihr Protagonist Kenni zieht in „Laute Nächte“ nach dem Verlust seiner Freundin in eine WG nach Wien. Wie haben Sie zu seiner Figur gefunden und warum ist diese Stadt ein guter Ort für einen Neuanfang?
Anne Freytag: Kenni war schon lange da. Jahre vielleicht. Er hatte keinen Namen, er hatte nur ein Gefühl und das war schwer und tief und ich habe mich davor gefürchtet und gleichzeitig davon angezogen gefühlt. Von seiner Geschichte, die sich in meinem Umfeld in meiner Jugend (ähnlich) zugetragen hat. Der Roman und Kenni sind fiktiv, das Thema ist es nicht. Ich hatte nicht geplant darüber zu schreiben, aber etwas in mir wollte es wohl. Und dann kam eines zum anderen, so wie es fast immer ist: Viele kleine Teilchen, die nach und nach etwas ergeben, das mich nicht mehr loslässt. Das mich Tag und Nacht begleitet, überall hin, solange, bis ich nachgebe – und mich dem Prozess hin. Und Wien – ich liebe Wien. Habe ich immer. Ich wollte nach dem Abitur zum Studieren dorthin gehen, was leider nicht geklappt hat. Oder zum Glück, denn sonst wäre mein Leben wohl anders verlaufen. Aber meine Liebe zu Wien bleibt ungebrochen. Ich mochte Wien damals, ich mag Wien heute. Ich mag, dass man der Stadt ansieht, wie wichtig sie mal war und dass sie es heute nicht mehr ist, kein Kaiserreich mehr, dafür groß und imposant und trotzdem entspannt. Ich liebe, wie die Wiener sprechen. Und das Flair, das seit jeher etwas in mir zum Klingen bringt. Wäre Wien ein Mensch, wären wir eng befreundet, da bin ich mir sicher. Außerdem kam über Wien Paul in den Roman. Und ohne Paul hätte Kenni nicht neu anfangen können.

Wie nähern Sie sich beim Schreiben den großen menschlichen Themen Verlust und Tod?
Anne Freytag: Ich fühle in mich hinein und wenn ich bei der Angst angekommen bin, bei der Angst und allem, was richtig unangenehm ist, bleibe ich eine Weile dort und spüre alles, was es dort zu spüren gibt: die Abgründe, den Fluchtinstinkt, das Unbehagen, die Traurigkeit, die vielen Ichs, die ich war und bin. Und mit der Zeit wird es erträglicher, so wie Trauer erträglicher wird. Und dann kann ich daraus schöpfen. Aus der Tiefe, die dunkel ist und voll. Ich schreibe über Themen, die nicht loslassen. Nicht alle machen Spaß, manche machen es mir einfach bloß schwer. Aber nur weil es weh tut, nur weil der Zugang verstellt ist, bedeutet das nicht, dass es der Weg nicht wert ist. Oft sind es gerade die Dinge, gegen die sich etwas in mir besonders wehrt, die wirklich erzählenswert sind. Nichts desto trotz freue ich mich, dass der Roman, an dem ich momentan schreibe, mich so oft zum Lachen bringt. Fürs Erste habe ich nämlich genug vom Weinen.

„Laute Nächte“ ist trotz des Ausgangthemas ein sehr lebendiges Buch. Was hilft ihrem Protagonisten gegen den Schmerz, was hilft überhaupt in schweren Lebensphasen?
Anne Freytag: Egal wie dunkel die Lebensphase ist, in der man steckt, sie ist nicht ausschließlich dunkel. Selbst wenn es sich so anfühlt. Irgendwann passiert etwas, das so lustig ist, dass man loslachen muss. Irgendwann ist eine Situation einfach zu absurd, irgendwann geht es einem trotz allem gut, vielleicht nicht lang, aber es ist ein Anfang. Und meistens liegt es an den Menschen, die man in seinem Leben hat, die, die bei einem bleiben, wenn alles beschissen ist: Familie, echte Freunde, die Liebe für sich selbst.
Ich denke, jeder und jede kennt das Gefühl, nie wieder glücklich zu werden, nie wieder aus dem Tal der Tränen herauszufinden, in dem man sich befindet. Und eine ganze Weile mag das stimmen. Aber eines Tages findet man etwas von sich wieder unter den Schichten, unter denen man verschüttet ist. Und wie ein Archäologe gräbt man sich Stück für Stück aus und entdeckt dabei vielleicht auch Teile von sich, die man noch nicht kannte. Jedenfalls war es bei mir so. Das bedeutet nicht, dass es nie wieder wehtun wird, es bedeutet nur, dass man noch da ist und dass das etwas Gutes ist. Und dass Anfänge vielleicht nicht immer als solche erkennbar sind, dass es sie aber gibt.

Anne Freytag, "Laute Nächte", Kampa Verlag