Das große Interview

Udo-Jürgens-Kinder: "Papas Tod war brutal. Wie eine Art Amputation!"

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Vor knapp 10 Jahren verstarb Udo Jürgens. Jetzt, pünktlich zum 90.Geburtstag (Montag) stürmt er wieder die Charts. Auf oe24 erinnern sich seine Kinder, Jenny und John, an ihren "albernen" Vater und den Todestag.
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Mit „Als ich fortging“ liefern sie nun einen bislang unveröffentlichten Song ihres Vaters.
Jenny Jürgens:
Im Archiv wurde ein Song gefunden der Anfang der 80er Jahre als Demoband eingesungen wurde. Der hat damals thematisch nicht auf das Album „Treibjagd“ (1985) gepasst. Und es ist unser Glück, dass der Archivar den gefunden hat. Das war ein großer emotionaler Moment.

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"Wir sind stolz darauf, dass Papa immer den Mut hatte, seine Meinung zu sagen."


Worüber würde Udo heute singen?
Jenny:
Udo ist immer ein Mensch gewesen, der den Finger in die Wunden gelegt hat. Durchaus zart. Er hat das nie mit der Brechstange gemacht und, mit einer durchaus kultivierten Sprache. Und damit hat er die Leute erreicht. Er hat sich niemals gescheut zu sagen, was er denkt. Wenn er jetzt noch unter uns wäre, hätte er ordentlich Stoff: Die Welt ist ja nicht besser geworden. Und sie wird auch nicht besser.

Von Rechtsruck bis zu Trump.
Jenny:
Das wäre ein großes Problem für ihn gewesen. Mein Vater war gegen diese Dinge. Er war gegen Rassismus. Er war für eine hohe Form von Toleranz.
John: Und für Vielfalt, Inklusion, Akzeptanz und Respekt - ohne all das kommen wir in dieser Welt nicht aus. Er hätte in Interviews klare Worte dazu gefunden, ebenso in seinen Liedern und Texten, so wie er es immer getan hat. Wir sind stolz darauf, dass Papa immer den Mut hatte, seine Meinung zu sagen. Und die Menschen rechnen ihm heute noch an, dass er seine Stimme erhoben und sich für diese Themen stark gemacht hat.
Jenny: Ein Song wie „Geht hin und vermehret Euch“. Da war ich 15 und konnte in der Schule damit richtig abgeben! Das war nicht der Schlagerstar. Sondern ich habe gesagt „Guck Mal, mein Vater hat einen Song geschrieben, der auf dem Index steht!“ Das fand ich einfach mega.

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Hatten sie das Gefühl, dass ihr Vater in ihrer Kindheit zu selten da war?
Jenny:
Wenn man das nicht anders kennt… Schwieriger ist es, wenn ein Vater präsent ist und dann von einem Moment auf den anderen nicht mehr da ist, dann gibt es einen Entzug. Aber wir haben das nie anders kennengelernt. Wir haben mit unserer Mutter gelebt. Es gab Kindermädchen. Und wenn mein Vater da war dann gab es richtige Quality Time. Wir haben ja auch sehr viel Zeit miteinander verbracht. Natürlich: bei den großen Tourneen war er manchmal 10 Monate lang weg. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich mir die Augen ausgeheult hätte: Wo ist denn der Papa?
John: Wir hatten eine unbeschwerte, glückliche Kindheit! Wir durften in Kitzbühel aufwachsen. Mit den Wäldern um uns herum. Im Winter Skifahren. Im Sommer Baumhäuser gebaut. Jenny ist Haflinger geritten beim Nachbarbauern. Wir haben ein tolles Leben gehabt. Wir sind sehr dankbar.
Jenny: Unsere Mutter hat uns natürlich eine starke Konstante reingebracht. Mit einem sehr regelmäßigen Lebensablauf. Was Kinder auch brauchen. Ich kann mich nur an eine glückliche Kindheit erinnern. Und der Papa war immer das Zuckerstück oben drauf: Papa kommt. Da gibt’s Geschenke.

"Er war ja sehr albern. Und konnte wirklich sehr lustig sein."

Er hat sie verwöhnt?
Jenny:
Ja natürlich. Er hat immer was mitgebracht. Und wenn er da war dann war es auch lustig. Er war ja sehr albern. Und konnte wirklich sehr lustig sein. Das war einfach schön!

Erinnern sie sich noch an die letzte Begegnung mit ihrem Vater?
John:
Meine letzte Begegnung war bei einem seiner letzten Konzerte der Tournee. Und dann hatte ich zwei Tage vor seinem Tod noch ein Telefonat. Er hat mich zurückgerufen und sich entschuldigt bei mir, weil ich ihn am Tag zuvor angerufen hatte und er, wegen einem Meeting, kurz angebunden war. Und das fand er immer ganz schrecklich. Deshalb hat er am nächsten Tag angerufen und gesagt. „Es tut mir so leid. Ich musste dich gestern kurz halten“ – Ich sag: „Papa kein Problem.“ Wir sind da immer entspannt damit umgegangen. Danach haben wir uns ein bisschen unterhalten. Es war ein Freitag.

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Jenny: Das war schon brutal. John hat mich dann genommen und nur gesagt: „Du musst jetzt sehr, sehr stark sein:“ Und dann haben wir uns natürlich auch von unserem toten Vater verabschiedet. Und das ist schon brachial. Aber das erleben viele Menschen. Bei uns war es eben ein sehr berühmter Mann und wir mussten die Trauer auch mit sehr vielen Menschen teilen. Und mit der Öffentlichkeit. Aber diesen Schmerz, der ja wie immer wie eine Art Amputation bleibt, erleben alle Menschen.

Und der Schmerz kommt ja auch immer wieder. Meist ohne Vorwarnung.
Jenny:
Unabhängig vom Datum. Der kommt plötzlich.
John: Wer jetzt glaubt, dass in dem Moment Zuspruch und Nachrichten einem Betroffenen stören oder nerven könnten, der liegt falsch. Was wir an Nachrichten bekommen haben, an Kommentaren! Auch von den Fans über Social Media – man kann es nicht beschreiben was da los war. Diese Anteilnahme – das hat einem ein Stück weit geholfen. Natürlich konnte man es nicht ungeschehen machen, aber es war sehr tröstlich. Man war in der Trauer vereint. Vieles nehmen wir stellvertretend für unseren Vater entgegen, gerade wenn wir Menschen treffen. Die können dem Papa ja nicht mehr die Hand schütteln. Aber mir oder Jenny. Und das ist immer wieder sehr berührend für uns.

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"Seine Strahlkraft reicht bis heute über alles!"

Freut es, dass Udo Jürgens auch 10 Jahre nach dem Tod die Menschen noch so bewegt?
Jenny:
Das ist alleine seine Strahlkraft, die bis heute über alles reicht und hat weniger mit uns zu tun. Wir müssen ja nichts präsentieren, was wir nicht toll finden. Wir lieben seine Musik und stehen auch hundertprozentig dahinter. Und deshalb ist das für uns auch so eine extrem hohe Leidenschaft.

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Trotzdem hört man immer wieder von Rechtsstreitigkeiten
John:
Das ist natürlich etwas das von den Medien immer wieder gerne aufgegriffen wird. Und auch gerne befeuert wird. Aber wir nehmen gerne das Feuer wieder raus, weil es nichts gibt, was wir öffentlich besprechen wollen.
Jenny: Es gibt immer wieder Themen, die intern zu besprechen sind. Aber das ist weniger dramatisch als man es meint und das besprechen wir auch nicht öffentlich.
John: Man klärt es einfach intern. Etwas, an das sich auch so mancher Fußballklub halten sollten (lacht).

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oe24-Reporter Thomas Zeidler-Künz mit Jenny und John Jürgens

"So ein großes Werk entsteht nicht, wenn man neun Monate zu Hause sitzt und den Kindern die Windeln wechselt."

Hat sie diese Arbeit rund um Udos Nachlass als Geschwister mehr zusammengeschweißt?
John:
Wir waren eigentlich immer eng.
Jenny: Wir waren immer sehr eng und haben uns immer sehr geliebt aber diese gemeinsame Arbeit hat uns auf eine andere Weise noch näher zusammengebracht. Wir haben nun noch mehr Kontakt durch den Papa.

Sorgt das nun für sie auch für ein anderes Bild von ihrem Vater?
Jenny:
Ja für mich schon noch mal. Weil man sich ja zu Lebzeiten nicht ganz so intensiv mit dem musikalischen Werk beschäftigt hat. Natürlich kannten wir alle seine Lieder, aber jetzt taucht man so richtig ein. Weil man diese Verantwortung spürt das jetzt auch weiter zu tragen. Jetzt liegt es irgendwie an uns. Da hat sich schon das Verständnis für den Künstler verändert. Warum war der Papa so wie er war? Wie entsteht so ein großes Werk? Das entsteht nicht, wenn man neun Monate zu Hause sitzt und den Kindern die Windeln wechselt. Das hat man vielleicht damals manchmal nicht so verstanden, aber heute versteht man das. Und hat großen Respekt davor.