Interview

Esther Graf im Talk: "Ich will mich nicht nur über meine Erfolge definieren"

25.02.2026

Esther Graf (27) gehört längst zu den spannendsten Pop-Stimmen des Landes. Im Interview spricht die talentierte junge Sängerin und Songwriterin über neue Musik, Erfolg, Druck und ihr Leben zwischen Bühne und Bergen.

Zur Vollversion des Artikels
© Mike Palmowski
Zur Vollversion des Artikels

Die österreichische Sängerin Esther Graf ist gerade mitten im Album-Endspurt und hat mit ihrer neuen Single wieder für Aufsehen gesorgt. Im Interview mit MADONNA spricht die 27-jährige Kärntnerin über die Entstehung ihres neuesten Songs, Social Media als "Cheatcode", den Druck im Musikbusiness und warum es sie trotz Großstadttrubel in Berlin immer wieder zurück nach Spittal an der Drau zieht.

Sie haben vor Kurzem Ihre neue Single "nirgendwen" veröffentlicht. Wie ist der Song entstanden?
Esther Graf: 
Der Song klingt auf den ersten Blick ziemlich wütend und frustriert, aber für mich ist er eigentlich empowernd. Es geht darum, dass man nicht zwingend in einer Beziehung sein muss, um glücklich zu sein. Lieber alleine sein als in einer Kackbeziehung – das ist so ein bisschen die Message.

Ich war gerade mitten im Album-Finishing-Prozess und wollte unbedingt mal ein Feature mit der österreichischen Sängerin NESS machen. Wir kannten uns schon aus dem Studio, haben früher auch mal für ihre Projekte geschrieben. Dann war sie im Oktober auf meiner Tour, hat sich die Show angesehen und Backstage haben wir uns dann ausgemacht, ein Feature zu machen. Und dann ging alles extrem schnell – innerhalb von zwei Monaten war der Song geschrieben, das Musikvideo gedreht und alles veröffentlicht. Das ist wirklich selten und war eine der schönsten Zusammenarbeiten, die ich bisher hatte.

© Mike Palmowski

Von außen wirkt es so, als würde bei Ihnen alles Schritt für Schritt aufgehen. Wie viel Arbeit steckt tatsächlich hinter den Kulissen? 
Graf:
 Ich glaube, das sieht von außen oft einfacher aus, als es ist. Ich mache das schon eine Weile – 2019 habe ich meinen ersten Song veröffentlicht, und bis ich davon leben konnte, hat es Jahre gedauert. Aber ich habe nie dieses Gefühl verloren, dass das mein Traum ist. Ich freue mich über jeden kleinen Erfolg. Wenn ich im Radio gespielt werde, feiere ich das genauso wie meine erste eigene Tour. Ich glaube, das ist das Geheimnis. Und ein Team um sich haben, das positiv ist und auch kleine Meilensteine mit dir feiert.

Mittlerweile zählen Sie zu den erfolgreichsten jungen Künstlerinnen Österreichs. Spüren Sie manchmal Druck?
Graf:
 Schon. Vor allem jetzt, wo ich am zweiten Album arbeite. Beim ersten gibt es keine Erwartungen – beim zweiten gibt es plötzlich einen Maßstab. Man sitzt dann auch mit dem Label am Tisch und redet über Zahlen, Streams, Wirtschaftlichkeit. Das stresst mich schon manchmal. Aber ich liebe Content und Social Media, das ist mein absoluter Cheatcode. Ich habe dadurch das Gefühl, ich habe es selbst in der Hand. Wenn ich merke, es läuft nicht, dann poste ich einfach mehr und versuche, die Leute wieder abzuholen.

Sie wohnen jetzt in Berlin, kommen aber ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Kärnten. War der Umzug ein Kulturschock?
Graf:
 Ich habe mich zum Glück schrittweise herangetastet: erst Kärnten, dann Salzburg, dann Wien und erst dann Berlin. Ich liebe das Stadtleben, gleichzeitig bin ich ein Landei. Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich nach Hause. Ich bin fast jeden zweiten Monat bei meiner Familie und gehe wandern. Ich liebe die Berge einfach, das erdet mich extrem.

Wie kann man sich einen typischen Tag bei Ihnen vorstellen, wenn Sie mal nicht auf der Bühne stehen?
Graf: 
Viel Bürokrams! (lacht) Verträge, Meetings, Organisation – sicher 50 Prozent meines Jobs sind Business. Jeder Tag startet eigentlich mit einem Check-in mit dem Team. Ich brauche Struktur, sonst fühle ich mich verloren. Und ich bin sogar dankbar dafür, so viele Termine zu haben – das ist auch ein Privileg. Aber ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, mein Privatleben nicht mehr so hinten anzustellen. Ich muss bisschen mehr aus diesem "Hustler-Mindset" heraus. Ich will mich nicht nur über meine Erfolge definieren, weil eine Karriere ist eine Achterbahn. Ich will wissen: Wer bin ich noch außer Musikerin? Wer sind meine wichtigsten Menschen? Manchmal sage ich jetzt bewusst Termine ab, um Zeit mit Freunden zu verbringen.

© Getty Images

Wenn man Sie in zehn Jahren googelt, was soll da stehen?
Graf: 
"Schwanger auf Tour" wäre eine coole Schlagzeile. (lacht) Ich komme aus einer sehr großen Familie und wünsche mir schon auch irgendwann selbst eine. Ob ich wirklich Kinder bekomme, weiß ich nicht, aber ich kann es mir vorstellen. Karriere und Familie unter einen Hut zu bekommen, finde ich extrem beeindruckend. Frauen wie Sarah Connor oder Heidi Klum zeigen, dass es möglich ist. Das wäre schon schön: eine erfüllte Karriere und ein erfülltes Privatleben.

Haben Sie ein Vorbild?
Graf:
 Ich höre fast nur Musik von Frauen – wirklich unbewusst, aber ich kann mich einfach mehr damit identifizieren. Ich liebe zum Beispiel Olivia Dean und freue mich sehr über ihren derzeitigen Erfolg. Ich gehe im April auf ihr Konzert in Berlin. Zu Konzerten zu gehen ist für mich total wichtig, weil dir niemand beibringt, wie man eine gute Liveshow spielt. Das lernt man nur, indem man anderen zuschaut.

Was können junge Künstlerinnen von Ihnen lernen?
Graf:
Geduld. Bei mir gab es nie den einen viralen Durchbruch. Es waren immer kleine Schritte. Rückblickend bin ich froh darüber, weil ich mir so über Jahre eine echte Fanbase aufgebaut habe. Leute, die nicht nur einen Song hören, sondern zu Konzerten kommen. Das ist viel nachhaltiger.

Was steht als Nächstes an?
Graf:
Album fertig machen! Es kommt im Sommer, die Deadlines sind nah. Gerade jetzt, wo alles langsam klarer wird, macht mir die Detailarbeit richtig Spaß. Ab Mai, Juni bin ich fast durchgehend auf Shows unterwegs. Urlaub habe ich leider noch keinen gebucht – alle sind in Kapstadt oder Thailand und ich sitze da und denke mir: „Hättest du auch machen sollen.“ (lacht)

Also erst Album, dann Sommer voller Konzerte – und vielleicht irgendwann Urlaub?

Graf: Genau. Irgendwo dazwischen hoffentlich auch mal kurz weg. Aber ehrlich gesagt: Ich liebe, was ich mache. Und solange ich das noch so fühlen kann, bin ich glücklich.

Weitere Artikel